Bartholomäus Grill

Rassistische Denkmuster Unser kolonialer Blick

Bartholomäus Grill
Ein Kommentar von Bartholomäus Grill

Mit rassistischen Weltbildern kennt sich unser Autor aus - er hat lange als SPIEGEL-Korrespondent in Südafrika gelebt. Warum es so schwer ist, unsere eigenen Vorurteile und Verhaltensweisen zu überwinden.

"Silent Demo": Demonstranten bei einem Anti-Rassismus-Protest in Augsburg im Juni

"Silent Demo": Demonstranten bei einem Anti-Rassismus-Protest in Augsburg im Juni

Foto: Michael Eichhammer/ imago images

George Floyd starb unter dem Knie eines weißen Polizisten. Wer das Video von den letzten Lebensminuten des Afroamerikaners gesehen hat, kann nur zum Schluss kommen, dass er von einem Rassisten in Uniform kaltblütig ermordet wurde. Das Verbrechen hat weltweite Proteste ausgelöst und gab der antirassistischen Bewegung "Black Lives Matter" Aufschwung. Während in deutschen Städten Zehntausende auf die Straße gingen, waren auch abwiegelnde Stimmen zu hören. Derartige Untaten seien ein rein amerikanisches Phänomen, so etwas wie strukturellen Rassismus gebe es hierzulande nicht, hieß es - als wären die mörderischen Anschläge auf Asylunterkünfte, der NSU-Terror, die Hetzjagden auf Schwarze in den neuen Bundesländern oder die rechtsextremen Umtriebe in der Bundeswehr nur bedauerliche Einzelfälle.

Deswegen verwundert es auch nicht, dass Innenminister Horst Seehofer die Untersuchung von rassistischen Einstellungen in der deutschen Polizei abblockte. Weil in einem demokratischen Rechtsstaat nicht sein kann, was nicht sein darf. Zum Beispiel Racial Profiling, Sicherheitsüberprüfungen aufgrund äußerer Merkmale: Menschen mit der "falschen" Hautfarbe werden automatisch verdächtigt. Man muss sich nur die haarsträubenden Geschichten von schwarzen Deutschen anhören, die regelmäßig schikanöse Personenkontrollen über sich ergehen lassen müssen.

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Subtile Form der Diskriminierung

Genau gegen diese subtilen Formen der Diskriminierung richtet sich der antirassistische Protest. Aber wird sich etwas ändern, wenn die Empörungswelle nach dem Tod von George Floyd wieder verebbt? Werden wir jenseits von Amerika gelernt haben, dass rassistische Denkmuster und Verhaltensweisen auch unsere Gesellschaft vergiften? Dass sich die herabwürdigenden Zerrbilder von dunkelhäutigen Menschen in unser kollektives Unterbewusstsein eingeschrieben haben?

Barbarisch. Primitiv. Roh. Grausam. Frech. Blöd. Hässlich. Stinkend. Faul. Unverschämt. Tückisch. Kindisch. Verlogen. Meineidig. Gefallsüchtig. Triebgesteuert. Verfressen. Abergläubisch. Das ist nur eine kleine Auswahl von Eigenschaften, die Afrikanern und Afrikanerinnen in älteren Lexika, Reiseberichten oder völkerkundlichen Abhandlungen zugeschrieben wurden. Schon 1790, als der Handel mit Sklaven noch ein profitables Geschäft war, schrieb der Göttinger Philosoph und Ethnograf Christoph Meiners, die Schwarzen seien "wegen ihrer Dummheit zur Knechtschaft geboren". Derartige Befunde sollten im 19. Jahrhundert zur modernen Rassenlehre vertieft und von den europäischen Kolonialmächten in die Praxis umgesetzt werden. Schwarz war in den Augen weißer Herrenmenschen gleichbedeutend mit minderwertig.

Übelste Hassmails

Der koloniale Blick ist bis heute ungebrochen - und universell: In den Vereinigten Staaten, in Brasilien, in Großbritannien, in den Banlieues von Paris, in ostdeutschen Gemeinden, wo immer schwarze Menschen leben, fast überall stehen sie auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie, fast überall werden sie systematisch benachteiligt, erniedrigt, beleidigt, eingesperrt, umgebracht. Die obszönste Form der Dehumanisierung verwirklichte das Apartheidregime in Südafrika; dort wurde die "Rassentrennung" sogar zur Staatsdoktrin erhoben und erst 1994 abgeschafft.

Aber die rassistischen Weltbilder sind geblieben, ich wurde in meiner Zeit als Afrika-Korrespondent immer wieder durch übelste Hassmails daran erinnert. Eine Leseprobe, in der das N-Wort erwähnt werden muss, weil es das Ausmaß der Verachtung zeigt: "Überall, wo Neger auftreten, geht die Zivilisation kaputt und Elend regiert. Neger sind das Ende alles guten Lebens…" Der Geist ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch: Viele Europäer verdrängen nach wie vor die historischen Wurzeln des Rassismus in der Kolonialära. In Deutschland liegt das auch daran, dass die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus den Blick auf diese finstere Epoche verstellt haben. Erst jetzt beginnen wir, ihre Spätfolgen zu erkennen und zu korrigieren.

Straßennamen, die Kolonialverbrecher ehren, werden umbenannt, heroische Denkmäler gestürzt. Eine Debatte über die Rückgabe kolonialer Raubgüter ist entbrannt. Völkerkundemuseen stellen ihre Exponate in einen selbstkritischen Kontext. Geschichtsbücher, TV-Dokumentationen, Spielfilme, Unterrichtsmaterialien werden auf rassistische Inhalte überprüft. Sogar der belgische König entschuldigt sich mit über hundertjähriger Verspätung für die Gräueltaten seiner Vorfahren im Kongo.

Gleichzeitig aber schmettern die europäischen Ex-Kolonialmächte Entschädigungsforderungen aus den ehemaligen "Schutzgebieten" ab. Im Berliner Humboldt-Forum sollen demnächst sogar außereuropäische Kulturschätze zu bewundern sein, die während der Kolonialära geplündert wurden. Man will sie als "shared heritage" präsentieren, als geteiltes Menschheitserbe - eine geschichtsvergessene Selbstverklärung, die das koloniale Unrecht ausblendet.

Der Rassismus wird nicht überwunden, indem man seine Rückstände aus Büchern und Texten herausredigiert oder das Unwort "Rasse" aus dem Grundgesetz streicht. Denn er bleibt gleichsam in unserer kulturellen DNA verankert, in der weißen, westlichen, euro-amerikanischen Hegemonie, die seit Jahrhunderten fortdauert: Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft werden herabgestuft, um die eigene Überlegenheit zu beweisen.

Oft ist uns gar nicht bewusst, dass gerade die Moderne, das Zeitalter der Aufklärung und des Fortschritts, die Fundamente der Diskriminierung gelegt hat. Man wolle das Licht der Zivilisation in die Finsternis Afrikas tragen, um die "Eingeborenen" auf unsere Kulturstufe zu heben, rechtfertigten sich die Kolonialherren - und verschleierten dadurch ihre wahren Absichten: die Eroberung des Erdteils und die Verknechtung seiner Bewohner.

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Bartholomäus Grill

Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte

Herausgeber: Siedler Verlag
Seitenzahl: 304
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02.12.2022 20.54 Uhr

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Generationen von Deutschen wurde diese Doppelmoral von klein auf eingebläut. Ein klassisches Beispiel liefert eine Kindergeschichte des Aufklärers Heinrich Hoffmann; sie handelt von drei Jungen, die einen schwarzen Spaziergänger verspotten. "Was kann denn dieser Mohr dafür/ Dass er so weiß nicht ist wie ihr", rügt der strenge Nikolas und tunkt die ungezogenen Bengel in ein Tintenfass. Am Ende sind sie kohlrabenschwarz - und gerade die Strafe sanktioniert ihre Verfehlungen.

Es hilft nicht weiter, solche Moritaten nach den Geboten einer verkrampften Political Correctness umzuschreiben, denn die Vergangenheit lässt sich nicht moralisch bereinigen. Es geht vielmehr um die Geisteshaltung, die sie erzeugen, um den offenen oder verdeckten Rassismus, um die ewigen Klischees und Stereotype, die nicht nur Afrodeutsche, sondern jeder Fremde, Migrant oder Flüchtling zu spüren bekommt. Wir brauchen eine zweite, eine echte Aufklärung, die diese Wahrnehmungsraster dekonstruiert. Das ist das erklärte Ziel der globalen Protestbewegung "Black Lives Matter"; sie fordert, dass People of Colour nach Jahrhunderten der Erniedrigung und Beleidigung endlich als gleichwertige Menschen wahrgenommen und behandelt werden. Das setzt voraus, dass jeder von uns die eigene rassistische Sozialisierung erkennen und überwinden muss.

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