Ratzingers Thesen Der Papst pocht auf den kleinen Unterschied

Der bereits im Vorfeld kontrovers diskutierte Brief des Papstes an die Bischöfe "über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt" liegt nun in vollem Wortlaut vor. An dem Dokument scheiden sich die Geister: Die Reaktionen reichen von vorsichtigem Lob bis zu vehementer Ablehnung.


Papst Johannes Paul II: "vorsintflutliche Realitätsfremdheit"?
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Papst Johannes Paul II: "vorsintflutliche Realitätsfremdheit"?

Was ist dran, was steht wirklich drin im päpstlichen, von Kardinal Joseph Ratzinger verfassten "Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche"? Ist es die vorab breit diskutierte generelle Kritik am Feminismus? Ist es, wie Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz diplomatisch meint, ein "gewichtiges Schreiben"? Oder ist es ein "illiberales" Dokument von "vorsintflutlicher Realitätsfremdheit", wie Ina Lenke, die familienpolitische Sprecherin der FDP, gegenüber der "Berliner Zeitung" wetterte?

Offenbar kommt darauf an, wie man es liest - und wer es liest. An kaum einer Veröffentlichung des Vatikans in den letzten Jahren scheiden sich die Geister so sehr, wie an diesem Dokument.

Bei den Reaktionen aus dem politischen Lager überwiegt die Empörung. Ina Lenke ist davon überzeugt, dass "diese Realitätsfremdheit der Kirche auf Dauer schaden", werde. Die Kirche habe sich nicht in Ehen einzumischen.

Noch schärfer äußerte sich Ekin Deligöz, die sozialpolitische Sprecherin der Grünen: "Die Kirche ist wohl zwischen Mittelalter und Neuzeit hängen geblieben - dabei sind die Zeiten der Inquisition und der Hexenverbrennung vorbei." Die Kirchenführung, sagte sie der gleichen Zeitung, bleibe gesellschaftlich hinter ihren Anhängern zurück.

Reaktionen aus der Kirche: Vorsichtige Zustimmung

Eberhard von Gemmingen, Leiter des deutschen Programms von Radio Vatikan, hält es allerdings für ein Missverständnis, dass in dem Papier "der weltweite Feminismus" angegriffen werde. Der Papst fordere vielmehr die gesellschaftliche Aufwertung der Frau und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, hieß es in einer am Freitagabend in Rom verbreiteten Erklärung.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) findet, dass das Schreiben berechtigte Anliegen von Frauen aufnehme. Das Papier wende sich gegen die Reduzierung des Frauenbildes auf die Rolle der Gebärerin und gegen Diskriminierung, sagte kfd-Sprecherin Margret de Haan dem "Kölner Stadt-Anzeiger". De Haan fordert den Vatikan auf, den Ruf nach Zugang von Frauen zu Führungspositionen "eins zu eins auch in der Kirche umzusetzen". Auch Kardinal Karl Lehmann kann dem Schreiben positive Aspekte abgewinnen: "Die intensive Beschäftigung mit dem Grundgedanken könnte zu einer heilsamen Herausforderung werden."

Gegen die "Rivalität der Geschlechter

Das 40-Seiten-Schreiben der Glaubenskongregation wendet sich im Kern gegen eine Auffassung der "Rivalität der Geschlechter". Zudem kritisiert es feministische Tendenzen, die Verschiedenheit zwischen Mann und Frau vor allem historisch und kulturell zu erklären, biologische Unterschiede aber auf ein Minimum zu reduzieren. Eine solche Denkweise führe zur "Infragestellung der Familie", zur "Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität" und fördere "ein neues Modell polymorpher (vielgestaltiger) Sexualität".

"Mann und Frau sind von Beginn der Schöpfung an unterschieden und bleiben es in alle Ewigkeit", heißt es in dem "Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt". Die Frau besitze "eine tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz. Diese Intuition ist mit ihrer physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken."

Ausdrücklich wendet sich das Papier gegen eine Diskriminierung der Frau in der Gesellschaft und bei der Arbeit. Frauen müssten zu "verantwortungsvollen Stellen Zugang haben" und in der Politik mitwirken können. "Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr." Zur Rolle in der Kirche bekräftigt das Dokument das Nein von Papst Johannes Paul II. zu Frauenpriestern.

Das Dokument liegt in voller Länge auf einer Webseite von Radio Vatikan zum Download bereit. Unterzeichnet ist es von Kardinal Joseph Ratzinger und trägt folgenden Nachsatz: "Papst Johannes Paul II. hat das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet."



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