Raubkatzenalarm in der Toskana Wer hat Angst vorm schwarzen Panther?

Eine Raubkatze versetzt Anwohner der Südtoskana in Angst und Schrecken. Noch furchtsamer agieren allerdings die Greifertrupps der Staatsmacht, die den schwarzen Panther fangen sollen. Die Jagdposse erinnert an den Glaubenskrieg um Problembär "Bruno".

Massa Marittima: In der Gegend um die Stadt soll sich das Tier verstecken
Corbis

Massa Marittima: In der Gegend um die Stadt soll sich das Tier verstecken

Von , Massa Marittima


Der Panther hat das Leben verändert. Jedenfalls in den Olivenhainen und Wäldern rund um das mittelalterliche Toskana-Dörfchen Prata, ein paar Kilometer vom Touristenzentrum Massa Marittima entfernt. "Bis jetzt haben wir auf den Boden geschaut, wenn wir draußen herumgingen", sagt die Bäuerin Antonella Boddi, "um nicht auf Vipern zu treten. Heute schauen wir zuerst nach oben, in die Bäume." Denn dort könnte der schwarze Panther lauern.

Dutzende von Polizisten, Carabinieri, Forstaufsehern, Experten aller Art sind ausgeschwärmt, das vermutlich gefährliche Tier zu fangen. An den Bäumen hängen Verordnungen mit Verhaltensvorschriften für die Anwohner, deren Häuser sich über Kilometer in der dünnbesiedelten aber dichtbewachsenen Naturlandschaft verteilen. "Lebend" soll das Tier gefangen werden, beschlossen hochrangige Behördenvertreter bei einem Gipfeltreffen vorige Woche. Aber keiner weiß, wie das gelingen soll.

Wer ihn zuerst gesichtet hat, ist nicht zu klären. Riccardo Pini hat Anfang August im Dorf erzählt, er habe zweimal binnen fünf Tagen eine schwarze Großkatze, "ganz offensichtlich ein schwarzer Panther", gesehen. Ganz lange und ganz deutlich. Pini leitet in der Umgebung von Florenz ein Unternehmen. Seinen Sommersitz, das Podere "Rappalda", hat er schon 1974 gekauft.

"Dieser Moment schien unendlich"

In ein paar Jahren wollte er sich dort eigentlich zur Ruhe setzen. Aber das ist jetzt nicht mehr ganz so sicher. Denn Pini betritt Prata nicht mehr. Zu übel haben sie ihn verleumdet. Er wolle das wenige Tage später anstehende Dorffest verhindern, mutmaßten die einen. Er wolle Pilzsucher aus den Wäldern fernhalten, um selber mehr zu ernten, behaupteten die anderen. Kurzum: Er sei ein infamer Lügner. "Selbst eine Elefantenherde" würde er künftig verschweigen, erbost sich Pini.

Aber dann meldete Bruno Sani - der Vater eines Parlamentsabgeordneten! - ihm seien zwei Schafe, zwei Ziegen und zwei Jungschweine abhandengekommen. Der Kot und die Spuren deuteten auf eine Großkatze hin. Nun outeten sich weitere Panther-Entdecker. Die Behörden übernahmen den Fall. Und schon kurz darauf sahen und fotografierten zwei Forstbeamte das Raubtier.

Das Tier habe ganz entspannt auf einer Wiese mit vertrocknetem Gras gelegen, berichteten die zwei Forsthüter auf Patrouille. Als sie sich einige Schritte nähern wollten, habe es sich erhoben und in ihre Richtung geschaut. "Dieser Moment schien unendlich", berichtete das mutige Duo dem Reporter des Lokalblatts "Corriere di Maremma".

Es folgten weitere "Momente der Panik und Unentschlossenheit", bis das unheimliche Wesen sich endlich abwandte und langsam im Wald verschwand. Auf dem Foto ist nur ein tierähnlicher, schwarzer Fleck auszumachen. Aber die Waldmänner haben "keinen Zweifel, dass es ein Panther war".

Täglich berichten die Lokalzeitungen seither über die Suche nach "Bagheera", in Erinnerung an den gutmütigen Panther im Disney-Film "Das Dschungelbuch". Die Betroffenen vor Ort finden den neuen Nachbarn weniger kuschelig. Sie haben Angst. Kaum ein Haus ist umzäunt, die Terrassen und Gärten gehen unmittelbar in Wiesen, Gebüsch und Wald über. Das abendliche Leben spielt sich draußen ab, oder besser: Es spielte sich dort ab.

Jagd mit Automatik-Kameras

Nach dem riskanten Zusammentreffen mit dem Untier verlegten sich die Ordnungskräfte auf einen möglichst martialischen Auftritt, um wenigstens die Menschen, wenn schon nicht die unberechenbare Katze zu beeindrucken.

So steht ein Fahrzeug - manchmal sogar zwei - an der einzigen asphaltierten Straße, die in das hügelige Waldgebiet südlich von Prata führt, um Anwohner zur Wachsamkeit zu ermahnen und Fremde fernzuhalten. Aber meistens steigen sie aus ihrem sicheren Auto gar nicht aus. Und wenn es dunkelt, ziehen sie sowieso ab. Auf den engen, dunklen Waldwegen, die zu den Bauern- oder Ferienhäusern führen, wurde noch nie eine Patrouille gesichtet, nicht einmal bei Tageslicht.

Manchmal immerhin fährt ein tollkühner, bewaffneter Trupp sogar nach Einbruch der Dunkelheit - mit extrastarken Scheinwerfern auf dem Dach - zu den Häusern an der Asphaltstraße und beschwört die Anwohner, nur ja im Haus zu bleiben, Haustiere eingeschlossen. Zeige sich das Ungeheuer, seien die Behörden anzurufen, am besten gleich der amtlich zuständige Tierarzt. Der hat nämlich ein Betäubungsgewehr. Allerdings braucht er zwei Stunden, um an Ort und Stelle zu sein. Und vor allem, so die Mahnung der Uniformierten, dürfe sich auch tagsüber den aufgestellten Käfigfallen niemand nähern, 500 Meter sei der Mindestabstand. Sonst würde der Panther vielleicht verscheucht, wenn er gerade einsteigen wollte.

Aber der Panther will offenbar gar nicht. Warum auch? Es gibt Rehe, Wildschweine, Hasen und anderes frisches Getier in Hülle und Fülle, zur Not auch Schafe auf den Weiden.

Und sollte der Gedanke, am Braten im Käfig zu naschen, ihm doch einmal kommen, so treiben ihm das die Waldhüter und Polizisten gleich wieder aus: Beim Wechseln des Lock-Fleisches wird gepfiffen und gebrüllt, auf die Metallstangen geschlagen, so dass sich kein Tier mehr dorthin wagen wird. Aber so fühlen sich die mutigen Käfigpfleger bei ihrer gefährlichen Arbeit wenigstens etwas sicherer.

Jetzt haben sie an einigen Stellen automatische Kameras angebracht. Die sollen das Objekt der Angst fotografieren, wenn es dort vorbeihuscht. So weiß man, wenn es klappt, wo es sich am Vorabend oder nachts herumgetrieben hat. Panther, sagen Kenner, wandern während ihrer nächtlichen Jagdzeit bis zu zehn Kilometer. Was bedeutet, auch mit dem Foto vom vorigen Tag weiß man eigentlich gar nichts.

Der Besitzer wird nicht so blöd sein, mit seinem Käfig anzurücken

Was also tun? Die Jäger sagen, die gefährliche Raubkatze müsse mit einer Treibjagd ausfindig gemacht und abgeschossen werden. Gebt uns Gewehre, und lasst uns machen, sagen die Bauern. Auf keinen Fall, halten die Tierschützer dagegen, der Panther steht auf der Artenschutzliste. Nicht einmal lebende Kaninchen oder Hühner als reizvolle Köder in den Käfigfallen wollen sie akzeptieren. Die ausgesandten Ordnungskräfte würden am liebsten abziehen. Da man doch sowieso nichts machen kann.

Bleibt eine vage Hoffnung: Der Ex-Besitzer des schwarzen Pelztiers kommt reumütig zurück. Bei jedem Zirkus, jedem Zoo der weiteren Umgebung haben die Behörden nachgeforscht, ob ein Panther fehlt. Ohne Erfolg. So nimmt man an, ein reicher Angeber habe sich ein Panther-Baby zugelegt und, als dieses immer größer und problematischer wurde, in seinem Käfig in die Naturlandschaft bei Prata gebracht und dort ausgesetzt. Und deshalb, sagen die Fachleute, will "Bagheera" auch nicht in unsere Käfige gehen, in seinen dagegen würde er wohl schlüpfen.

Der Ex-Panther-Besitzer mag ziemlich blöd sein. Aber so blöd, dort mit seinem Käfig anzurücken, wo ihn Polizisten und anschließend eine saftige Strafe erwarten, wird er kaum sein.



insgesamt 22 Beiträge
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fluxkompensator, 16.08.2011
1. Stimmt
Dass die "Förster" in Italien beamtete Schießbudenfiguren sind, kann ich bestätigen. Im Wald sieht man sie jedenfalls nie, nur in der Bar und natürlich im Range Rover. Naja, wie in Griechenland wird es wohl auch bei denen bald zu einem Sparpaket kommen und diese überfüssigen EU-Sesselbürokraten in ihren Fantasieuniformen hinwegfegen.
Alzheimer, 16.08.2011
2. ...
An sich genügt eine gut gefütterte schwarze Katze als Haustier. Aber die Prestigesucht treibt schon irrsinnige Blüten;-).
m.knappe 16.08.2011
3. Weißer Schimmel?
Es mag etwas pedantisch klingen, aber die Bezeichnung "schwarzer Panther" ist überflüssig. Der Begriff "Panther" beschreibt lediglich einen schwarzen Leoparden, es gibt also keine andersfarbigen Panther.
jot-we, 16.08.2011
4. °!°
Ach, hätte nur Charles Fort das noch lesen können ... Schliesslich tauchen seit über 100 Jahren schwarze Panther in Schottland, Amerika und weiss der Geier wo auf - und verschwinden dann einfach wieder. Und schon damals war's natürlich ein ebenso reicher wie absolut unbekannter Angeber, dem das Tier entwischt ist ... Ja, wo hätt's denn sonst auch herkommen sollen? Fort hatte auf diese Frage im übrigen bereits vor 100 Jahren eine überraschend einleuchtende Antwort: Es ist natürlich teleportiert.
Gegengleich 16.08.2011
5. Metal as its best - Pantera
Zitat von m.knappeEs mag etwas pedantisch klingen, aber die Bezeichnung "schwarzer Panther" ist überflüssig. Der Begriff "Panther" beschreibt lediglich einen schwarzen Leoparden, es gibt also keine andersfarbigen Panther.
U.u. auch schwarze Jaguare! Ich frage mich, ob das die schwarze Großkatze ist, die noch letztes Jahr ihr Unwesen in der Eifel trieb - angeblich.
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