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Scientology: Razzia in der Entzugsklinik

Foto: WSB-TV

Razzia in US-Südstaaten Sturm auf die Festung Scientology

Lange hielten sich US-Fahnder von Scientology fern - nun kam es zu einer Razzia in einer Entzugsklinik, die nach abstrusen Ideen des Sektengründers L. Ron Hubbard therapiert. Mehrere Menschen waren in einer ähnlichen Einrichtung gestorben. Gehen die Behörden künftig entschlossener vor?
Von Mona Botros

Es war Ende April, ein Freitag, als die Ermittler am frühen Morgen vor der Entzugsklinik in Norcross anrückten, ein kleiner Ort nördlich von Atlanta. Eine Razzia ist immer überraschend, diese kam aber besonders unerwartet. Das letzte Mal, dass Behörden in den USA eine mit Scientology verbandelte Einrichtung mit einem Durchsuchungsbefehl konfrontierten, ist 36 Jahre her.

Ermittler des FBI waren 1977 in Washington und Los Angeles in Büros der Sekte eingedrungen, weil sie Beweise für eine geheimdienstliche Operation gegen die Regierung der Vereinigten Staaten suchten. Der damalige Verdacht: Mitarbeiter von Scientology hätten Bundesbehörden infiltriert und Dokumente gestohlen. In Folge der Razzia wurden elf Führungskräfte der Organisation wegen Einbruchs in Regierungsgebäude, Diebstahls von Dokumenten und illegaler Abhörmaßnahmen verurteilt, darunter Mary Sue Hubbard, Ehefrau des Sektengründers L. Ron Hubbard.

Seither schienen sich Polizisten von Scientology fern zu halten, als umgebe die Organisation ein Schutzschild gegen weltliche Interventionen. Doch schon seit einiger Zeit ermitteln Beamte gegen Narconon Georgia, die Klinik außerhalb von Atlanta.

Entzug per Saunagang

Am 11. April 2008 war der 28-jährige Patrick Desmond als Patient dieser Einrichtung an einer Überdosis Heroin gestorben. Er absolvierte dort eine gerichtlich verordnete stationäre Therapie. Seine Eltern wähnten ihn unter ständiger Aufsicht und in professioneller Behandlung, formulierte ihr Anwalt später in einer Anklageschrift gegen Narconon.

Narconon verfolgt eine - vorsichtig formuliert - ganz eigene Form von Entziehungskur: Die Patienten müssen in mehrwöchigen Kuren bis zu fünf Stunden am Tag in der Sauna sitzen, sie nehmen Nahrungsergänzungsmittel und Nikotinsäure in großen Mengen zu sich. Und sie werden Studenten genannt, nicht Patienten. Parallel zur Therapie absolvieren sie eine Art Persönlichkeitstraining.

Die Methode beruht auf Eingebungen von L. Ron Hubbard. Er propagierte, dass sich Rückstände der Drogen im Gewebe der Süchtigen ablagerten. Durch Saunagänge sollen die Substanzen ohne Medikamente aus dem Körper gewaschen werden. Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen hat das wenig zu tun.

Die Eltern von Desmond verklagten nach dem plötzlichen Tod ihres Sohnes Narconon Georgia und den Scientology-nahen Dachverband Narconon International. Die gerichtliche Auseinandersetzung förderte fragwürdige Vorgänge zutage, darunter die Tatsache, dass die Klinik als stationäre Einrichtung agiert hatte, tatsächlich aber nur ambulant therapieren durfte.

In der Zivilklage Desmond gegen Narconon einigten sich die zwei Parteien außergerichtlich im Februar. Doch auch nach der Einigung drohten die zuständigen Behörden, Narconon Georgia die Zulassung zu entziehen und leiteten weitere Ermittlungen ein.

Journalisten lieferten Behörden Beweismaterial

Mit angestoßen hatten diese Untersuchungen auch örtliche Medien, die das Verfahren um den Tod von Patrick Desmond intensiv begleitet hatten. Drei Reporter des Fernsehsenders WSB-TV, dem Hörfunk WSB-Radio und der Zeitung "Atlanta Journal-Constitution" hatten sich zusammengetan, um in der Causa Narconon investigativ zu recherchieren.

Weitere Betroffene wandten sich an die Medien, erzählten von Drogenmissbrauch und mangelnder Aufsicht in der Einrichtung. Die Reporter machten die Vorfälle bekannt, setzten so die Behörden unter Druck.

Dabei war ihr Kronzeuge kein geringerer als Lucas Catton, der ehemalige Präsident der größten Niederlassung von Narconon - einer abgelegenen Klinik im US-Staat Oklahoma, bekannt als Narconon Arrowhead.

Catton, 35, haben die Vorwürfe gegen Narconon nicht überrascht. In seiner früheren Position an der Spitze von Narconon Arrowhead hat er die Machenschaften der Organisation hautnah miterlebt. "Unser wichtigstes Ziel war es, Mitglieder für Scientology anzuwerben und Geld für die Organisation zu verdienen", berichtet Catton. Für eine drei- bis sechsmonatige Therapie hätten Patienten 30.000 Dollar bezahlt.

Karin Pouw, Sprecherin von Scientology, dementierte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass in Narconon-Einrichtungen Mitglieder rekrutiert oder Spenden eingeworben würden. Die Religion der Menschen, die das Narconon-Programm durchlaufen, spiele keine Rolle, die Zahl derjenigen, die danach Mitglieder von Scientology wurden, sei sehr klein.

Zumindest bei Catton lief es offenbar anders: Seine Eltern hatten ihn als 20-Jährigen dort eingeschrieben, um ein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Zwei Jahre später habe man ihn als Mitarbeiter von Narconon rekrutiert. Kurz danach trat er Scientology bei, aus dem vermeintlich Süchtigen wurde ein Sektenmitglied. Anschließend führte seine Karriere steil nach oben. Mit 23 Jahren war er Präsident der Einrichtung.

Tod durch Überdosis

Als solcher betreute er prominente Gäste: "Wir haben öfter Scientology-VIPs wie Kelly Preston und Priscilla Presley herumgeführt. Sie sollten ein positives Bild von dem Programm bekommen. Tom Cruise hat uns sogar mehrmals besucht. Auch der Chef von Scientology, David Miscavige, hat sich persönlich umgeschaut." Immer wieder machen sich Top-Scientologen wie Cruise in der Öffentlichkeit für Narconon stark.

Eine Serie von Todesfällen innerhalb von neun Monaten konterkarierte jedoch die PR-Kampagne: Narconon Arrowhead geriet durch sie im vergangenen Jahr ins Visier der Ermittler. Eine der Toten war die 20-jährige Stacy Murphy: Sie soll an einer Überdosis Heroin in Verbindung mit Alkohol gestorben sein. Offenbar waren keine Ärzte anwesend, es habe keine Medikamente gegeben, um ihr zu helfen, berichtete ein Zeuge.

Catton, inzwischen aus Scientology ausgestiegen, beschloss nach den Todesfällen, an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem Buch hat er ausführlich über seine Erfahrungen hinter den Mauern von Arrowhead berichtet. Seine Insiderkenntnisse liefern wertvolle Hinweise in den laufenden Ermittlungen.

Beispielsweise über Verbindungen zwischen Narconon und dem Office of Special Affairs (OSA), eine Art Geheimdienst von Scientology. Diese Verknüpfung war auch im Verfahren um den Tod des jungen Patrick Desmond in Georgia aufgefallen: Ein internes Dokument zeigte, dass die Leiterin der Entzugsklinik keine 24 Stunden nach dem unerwarteten Tod ihres Schützlings einen Bericht per Mail absetzte, allerdings nicht an die staatlichen Aufsichtsbehörden, sondern an das OSA.

Scientology-Sprecherin Pouw sagte SPIEGEL ONLINE, die Klinikleiterin sei nicht verpflichtet gewesen, dem OSA zu berichten. Dass sie es tat, sei aber verständlich, "bedenkt man das traumatische Erlebnis und die Möglichkeit, dass sie pastorale Unterstützung suchte".

"Ein kleiner Spalt in einer schier undurchdringlichen Festung"

Fragt man Mike Rinder, einen Scientology-Aussteiger höchsten Ranges, klingt die Arbeit des OSA allerdings wenig pastoral. Jahrelang war er Chef der Einheit, dirigierte Spitzel und Agenten der Organisation weltweit. "OSA wird sofort eingeschaltet, wann immer Scientology negative Schlagzeilen drohen, egal wo auf der Welt oder in welcher Organisation das passiert, auch bei Narconon."

Die Razzia löst bei Rinder Hoffnung aus. "Wenn ich sehe, was dort passiert ist, dann frage ich mich, ob andere staatliche Behörden dem Beispiel folgen werden," sinniert Rinder. "Mit der Razzia in Atlanta hat sich ein kleiner Spalt in einer schier undurchdringlichen Festung aufgetan, die für Scientology seit über 30 Jahren Bestand hatte." Das sieht er nicht allein so: Die Nachricht über die Razzia verbreitete sich unter Kritikern der Organisation im Netz wie ein Lauffeuer.

In der Tat markiert die Durchsuchung der Drogenklinik nicht nur eine mögliche Kehrtwende der amerikanischen Behörden im Umgang mit Scientology, sondern auch eine der Medien. Diese hatten die klagefreudige Sekte bisher oft mit Samthandschuhen angefasst. Die Lokalreporter von Atlanta, die über den Todesfall von Patrick Desmond berichtet hatten, ließen aber nicht locker.

Narconon weist Anschuldigungen von sich

Ermutigt durch die Berichterstattung wandte sich die Mutter einer Patientin mit ihren Belegen für fragwürdige Abrechnungspraktiken von Narconon an die TV-Journalistin Jodie Fleischer. Narconon Georgia habe ihrer Krankenversicherung wiederholt Rechnungen ausgestellt. Dabei habe die Familie die Behandlung in vollem Umfang bereits selbst gezahlt gehabt. Insgesamt beliefen sich die zusätzlichen Rechnungen demnach auf 166.000 Dollar. Und das für ärztliche Behandlungen, die nach ihrer Aussage nie stattgefunden hatten und für Aufenthaltszeiten, in der die Tochter gar nicht anwesend gewesen sei, erzählt die Mutter.

Narconon Georgia reagierte auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen und den Verbindungen zu Scientology nicht. Zuvor hatte die Organisation eine Mitteilung verbreitet, in der es hieß, man wisse von den Ermittlungen, verfolge aber ein branchenübliches und professionelles Rechnungswesen. "Die Zahlungsbedingungen werden allen Studenten erklärt." Im Übrigen könnten die erfolgreich Therapierten und deren Familien bezeugen, "dass das Programm zu einem Leben in Abstinenz und Gesundheit führt".

Das Journalistenteam war vor Ort, um die spektakuläre Razzia in den Räumlichkeiten von Narconon Georgia zu dokumentieren. Kistenweise schleppten Beamte Unterlagen aus der Verwaltungszentrale, rund zwei Dutzend Computer hievten sie in einen eigens dafür angemieteten Lieferwagen.

Es wird sich zeigen, ob das Material, das in den Dokumenten und Festplatten schlummert, eine Anklage wegen Versicherungsbetrugs untermauern kann. Nach dem Gesetz des Staates Georgia kann nur eine Einzelperson wegen dieses Delikts belangt werden, nicht eine Organisation. Sollten die Beamten aufschlüsseln können, wer welche Rechnung an wen ausgestellt hat, könnte die Schlinge der Justiz sich auch um Narconon und Scientology enger ziehen.

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