Razzia gegen verdächtige Muslime MI5-Agenten verhinderten Anschlag auf London

Der Anschlag, den Terroristen möglicherweise in London planten, hätte verheerendere Folgen haben können als bislang bekannt. Scotland Yard und Agenten des britischen Geheimdienstes MI5 hatten mehr als eine halbe Tonne Chemikalien entdeckt, mit denen Bomben gebastelt werden können.


Razzia in West Sussex: Mahnung zur rechten Zeit
DPA

Razzia in West Sussex: Mahnung zur rechten Zeit

London - Bei dem größten Anti-Terror-Einsatz seit Jahren beschlagnahmte die britische Polizei im Westen Londons mehr als eine halbe Tonne Ammoniumnitrat. Die Chemikalien seien in einem zwei Meter hohen Plastiksack gelagert worden, berichtete Peter Clarke, Chef der Anti-Terror-Einheit.

Rund 700 Anti-Terror-Spezialisten hatten gestern in den frühen Morgenstunden in 24 Wohn- und Geschäftshäusern in Sussex, Thames Valley, Surrey, Bedfordshire und der britischen Hauptstadt zugeschlagen.

Bei den festgenommenen Männern handele es sich um britische Staatsbürger im Alter zwischen 17 und 32 Jahren. Nach vorläufigen Erkenntnissen geht die Polizei davon aus, dass alle acht Muslime und pakistanischer Herkunft sind. Sie stünden im Verdacht, einen Terroranschlag vorbereitet zu haben. Es gebe aber keinen Zusammenhang mit den Anschlägen in Madrid, für die al-Qaida die Verantwortung übernahm, sagte Clarke.

"Die Tatsache, dass eine solche Aktion notwendig war, ist eine Mahnung zur rechten Zeit, dass Großbritannien und seine Vertretungen im Ausland ein Ziel bleiben", sagte Innenminister David Blunkett. Die Verdächtigen seien schon seit Wochen von Scotland Yard und MI5 observiert worden, berichtet die Zeitung "Guardian".

Das sichergestellte Material habe für die Herstellung mehrerer Bomben gereicht. Ammoniumnitrat ist dem Sprengstoff ähnlich, der bei den Anschlägen auf Bali im Oktober 2002 verwendet wurde. Bei den Attentaten auf zwei Nachtclubs wurden auf der indonesischen Insel 202 Menschen getötet. Die Substanz wurde aber auch bei dem Anschlag in Oklahoma im Jahr 1995 und beim Attentat von al-Qaida auf die US-Botschaft in Nairobi 1998 benutzt.

Ein Experte des Fachblatts "Jane's Intelligence Digest" sagte, Ammoniumnitrat werde in der Regel für große Bombenanschläge auf Gebäude benutzt und weniger für Selbstmordanschläge. "Man hat vielleicht eine Reihe von Anschlägen mit Lastwagen geplant, aber dies ist mit Sicherheit kein Material für Selbstmordattentäter", sagte er. Einige der Verdächtigen wurden in der Nähe der Flughäfen Heathrow und Gatwick festgenommen.

Es gab jedoch zunächst keine Hinweise, dass dort ein Anschlag geplant war. Mögliche Ziele könnten aber auch Einkaufszentren, Pubs oder das Verkehrsnetz der britischen Hauptstadt gewesen sein.

"Der potenzielle Terrorist muss nicht mehr aus Nordafrika oder Afghanistan kommen, er kann in Großbritannien geboren und aufgewachsen sein", schrieb der "Daily Telegraph" in einem Kommentar nach der Razzia. Nach den Anschlägen von Madrid hatte der britische Polizeichef John Stevens im "Guardian" ein Attentat in Großbritannien als unvermeidlich bezeichnet. Das Land ist der engste Verbündete in dem von den USA nach dem Anschlägen vom 11. September 2001 ausgerufenen Kampf gegen den Terrorismus und im Irak-Krieg.

"Diese Bombe hätte viele Menschen getötet"

Doch bislang ist London von einem Anschlag verschont geblieben. "Wenn die jetzt gefundene Menge für eine Bombe verwendet worden und im Zentrum Londons zur Explosion gebracht worden wäre, hätte dies viele Menschen getötet", sagte BBC-Sicherheitskorrespondent Frank Gardner.

Muslimische Organisationen kritisierten die Aktion. Das Resultat solcher Razzien sei, das die muslimische Gemeinde dämonisiert werde, sagte Massud Schadjareh von der Islamischen Menschenrechtsorganisation.

Die Durchsuchungen und Verhaftungen stützten sich auf ein Antiterrorgesetz aus dem Jahr 2000, das es erlaubt, Verdächtige bis zu einer Woche ohne Anklage festzuhalten. Bislang wurden auf dieser Grundlage im Vereinigten Königreich rund 500 Terrorverdächtige festgenommen, jedoch letztlich nur einige wenige angeklagt und verurteilt.



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