Reaktionen zur Papstwahl "Das ist vollkommen irre"

Die Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst ist in der Christenwelt mit Begeisterung aufgenommen worden. Politiker, Kirchenleute, Katholiken und Vertreter anderer Glaubensgemeinschaften gratulieren. Aber auch einige Kritiker melden sich zu Wort.


Betende in Warschauer Kirche: "Wir gratulieren den Deutschen"
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Betende in Warschauer Kirche: "Wir gratulieren den Deutschen"

Hamburg/Warschau - In Polen waren die ersten Reaktionen auf die Wahl Kardinal Josef Ratzingers zum Papst überwiegend positiv. Viele Gläubige strömten in die Kirchen, um für das neue Kirchenoberhaupt zu beten. "Wir lieben Dich, Benedikt XVI., auch wenn Du kein Pole bist und aus einem fernen Land kommst", schrieb eine junge Polin in einem Internetforum zur Papstwahl. "Wir gratulieren den Deutschen", meinte ein anderer Internet-Kommentator.

Polnische Katholiken betonten, Ratzinger habe Johannes Paul II. nahe gestanden und werde seine Tradition fortsetzen. "Hoffen wir, dass es ihm gelingt", meinte ein junger Warschauer. Eine Rentnerin war froh, dass die katholische Kirche wieder einen Oberhirten hat: "Hauptsache, ein neuer Papst!"

In Lateinamerika haben viele Katholiken dagegen mit Enttäuschung auf die Wahl Ratzingers zum Papst reagiert. "Es wäre gut gewesen, wenn ein Lateinamerikaner gewählt worden wäre. Immerhin leben hier die meisten Katholiken", sagte der kolumbianische Ingenieur José Rodriguez.

Die Nonne Blanca Maria Benavidez betonte, die Nationalität sei in der katholischen Kirche ja eigentlich unerheblich. "Es kommt darauf an, die Fundamente des Glaubens zu bewahren. Der neue Papst ist Gott nahe und ihm folgen wir», sagte die Rektorin der Schule "Del Sagrado Corazon de Jesus" in der südwestkolumbianischen Kleinstadt San Lorenzo.

Nach Einschätzung des Tübinger Theologen Albert Biesinger könnte die Wahl Ratzingers zu einer Polarisierung innerhalb der Kirche führen. Die Entscheidung für Ratzinger sei eine Entscheidung gegen größere Reformen innerhalb der Kirche und für einen Übergangspapst. In jüngster Zeit habe sich Ratzinger allerdings durchaus offen für vorsichtige kleine Reformschritte gezeigt. Die Frage sei nun, ob Ratzinger "sich freischwimmt zu eigenen Ideen".

Auch der evangelische Landesbischof Ulrich Fischer äußerte sich skeptisch: "So glücklich sind wir über die Wahl nicht." Ratzinger habe als Leiter der Glaubenskongregation dem ökumenischen Gedanken keine Chance gegeben. Die Evangelische Kirche in Baden werde sich aber auf den neuen Papst einstellen und ihm offen gegenüber treten. Ein Papst aus Lateinamerika wäre jedoch die bessere Wahl gewesen, sagte Fischer.

Kirchenkritiker Hans Küng zeigte sich von der Wahl enttäuscht. Allerdings gebe der gewählte Name Benedikt XVI. Hoffnung, dass der Papst einen gemäßigten Kurs einschlagen könnte, sagte der Tübinger, dem der Vatikan vor 25 Jahren die Lehrerlaubnis entzog. "Wie bei einem Präsidenten der USA, sollte man einem neuen Papst 100 Lerntage zubilligen." Der neue Pontifex stehe vor einem Berg unerledigter Aufgaben.

Kirchenkritiker Gotthold Hasenhüttl hält die Wahl Ratzingers gar für eine Katastrophe. Ratzinger werde den Kurs von Johannes Paul II. verschärft fortsetzen und damit auch den Reformstau in der katholischen Kirche vergrößern. Der emeritierte Professor der Universität Saarbrücken war unter maßgeblicher Beteiligung Ratzingers vom Priesteramt suspendiert worden, nachdem er am Rande des Ökumenischen Kirchentags in Berlin 2003 evangelischen Christen die katholische Kommunion ausgeteilt hatte.

Der Bischof der evangelischen Landeskirche Sachsen, Jochen Bohl, bezeichnete die Wahl Ratzingers dagegen als eine Ehre für die deutsche Kirche. "Es ist natürlich eine Ehre für die deutsche Kirche, dass ein Deutscher der römisch-katholischen Kirche vorsteht", sagte Bohl. Sein Wunsch sei es, dass er auch eine große werbende Zustimmung entwickele, die der ganzen Christenheit diene. Auf Basis des Vertrauenskapitals, das sich Johannes Paul II. erworben habe, hoffe er auf eine weitere Verbesserung des ökumenischen Verhältnisses. "Unsere Hoffnung und Erwartung ist, dass die Kirche der Reformation durch die römisch-katholische Kirche als Vollkirche anerkannt wird."

Zu den Gratulanten gehört auch der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. "Wir sind sicher, dass er den von Johannes Paul II. eingeschlagenen Weg der Verständigung zwischen Christen und Juden weitergehen wird", sagte Spiegel. Er wünsche dem neuen Papst bei seiner schwierigen und verantwortungsvollen Aufgabe viel Erfolg, fügte der ranghöchste Repräsentant der Juden in Deutschland hinzu.

In Berlin reagierten Politiker von Regierungs- und Oppositionsparteien mit einhelliger Zustimmung. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) schloss sich den Glückwünschen an hat dem früheren Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger zu seiner Wahl zum Papst gratuliert. Stoiber betonte am Dienstagabend in München, ganz Bayern sei "in großer Freude". Es sei ein "historisches Erlebnis, dass nach über 400 Jahren wieder ein Deutscher zum Papst erwählt worden ist".

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel würdigte den neuen Papst Benedikt XVI. als "historisch". "Dass ein Deutscher zum Papst gewählt wurde, ist ein Moment des Stolzes. Es ist eine Ehre", sagte Merkel.

Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth erwartet vom neuen Papst Benedikt XVI. den Einsatz "für neue Positionen im Bereich der Empfängnisverhütung und der Aids-Bekämpfung". Sie wünsche sich einen Papst, der Frauen als gleichberechtigt anerkenne und Homosexuelle nicht diskriminiere, sagte Roth am Dienstag in Berlin. "Ich wünsche mir einen Papst Benedikt XVI. mit der Kraft zu Menschlichkeit und Integration", sagte Roth.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wandte sich mit seiner Gratulation an die Katholische Kirche. Zugleich verband er damit die Hoffnung auf Reformen. "Ich wünsche Benedikt XVI. die Kraft für sein Amt und verbinde damit die Hoffnung, dass der neue Papst auch die nötigen Reformen für seine Kirche auf den Weg bringt", erklärte Wowereit.

NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) gab seiner Hoffnung Ausdruck, den Papst schon im August in Köln beim Weltjugendtag begrüßen zu können. Er selbst habe Ratzinger vor gut einem Jahr bei einer Privataudienz im Vatikan getroffen, sagte Steinbrück. Diese Zusammenkunft habe ihn sehr beeindruckt.

Auch Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) freute sich über die Wahl Ratzingers zum Papst Benedikt XVI. "Ich hatte die Ehre, den damaligen Kardinal Ratzinger in Rom kennen zu lernen", sagte Milbradt. "Ich wünsche ihm ein erfolgreiches Pontifikat." Mit der Wahl Ratzingers verbinde er auch die Hoffnung auf eine Stärkung der Ökumene.

Begeistert vor der Wahl Razingers zeigten sich auch die Bewohner seines Geburtsorts. Der Bürgermeister von Marktl, Hubert Gschwendtner, ballte in seinem Wohnzimmer bei der Bekanntgabe des Ergebnisses die Faust, sprang vom Sofa auf und brüllte: "Ja!". "Wir Marktler sind stolz, dass wir so einen exponierten und weltweit anerkannten Vertreter der katholischen Kirche ehren dürfen", sagte Gschwendtner. Auf dem Marktplatz vom Marktl sollte es eine Feier mit Blasmusik, Böllerschüssen und Freibier geben.

"Das ist vollkommen irre, dass der neue Papst ein Marktler ist. Wir sind vollkommen begeistert und gratulieren Josef Ratzinger aus vollem Herzen", sagte Geschwendtner In seinem Redemanuskript für die Feier erklärte Gschwendtner: "Ihre Intelligenz und Autorität vor allem aber Ihr tiefer Glaube wird es möglich machen, die große katholische Kirche in eine gute Zukunft zu führen."



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