Reality-Shows Absturz in die Wirklichkeit

Reality-Sendungen im deutschen Fernsehen floppen weiter: Die RTL-II-Show "to club" wird mit sofortiger Wirkung eingestellt, der Start der vierten Staffel für "Big Brother" ins Jahr 2002 verschoben. Und eine Live-Show über die Besteigung des Nanga Parbat wird gestrichen.


Hamburg - "Wir mussten feststellen, dass 'to club' von unseren Zuschauern nicht in dem Maße angenommen wurde, wie wir es uns gewünscht hatten", sagte RTL-II-Geschäftsführer Josef Andorfer am Freitag. Andorfer kündigte außerdem an, die noch in diesem Jahr geplante vierte Staffel der Containershow "Big Brother" zu verschieben.

Die Real-Life-Serie "to club" startete am 28. Januar und erzielte Marktanteile von rund fünf Prozent im Bereich der 14- bis 49- jährigen Zuschauer. In der Show "to club" wollten 13 junge Leute innerhalb von 13 Wochen eine heruntergekommene Berliner Kneipe zu einem Szenetreff umbauen. RTL II will das Preisgeld von 100.000 Mark unter allen Kandidaten aufteilen.

Andorfer sagte weiter, die vierte Staffel der Containershow "Big Brother" statt im Herbst erst im Jahr 2002 zu starten. Der Zuschauer habe ein Anrecht darauf, erst einmal ein bisschen Abstand zu gewinnen. Die dritte Staffel von "Big Brother", die gegenwärtig bei RTL und RTL II läuft, hat nicht die Marktanteile der ersten Staffel und liegt zum Teil auch hinter der zweiten.

"Big Diet": Hungern vor der Kamera

Ganz gestrichen hat RTL II die Pläne für eine Besteigung des Himalaya-Gipfels Nanga Parbat, die in einer mehrwöchigen TV-Show hätte übertragen werden sollen. Dies wäre zu aufwendig gewesen, hieß es. RTL II stellte in diesem Jahr bereits die Formate "Allein gegen alle" - eine Vorabend-Quizshow - und mit Wirkung vom März an "Call TV" ein. Planungsgemäß soll aber die Real-Life-Show "Big Diet", in der sich Übergewichtige ihre überflüssigen Pfunde herunterhungern wollen, am 27. Mai beginnen.

Ein knappes Jahr nach dem Start von "Big Brother" haben die für RTL II zuständigen hessischen Medienwächter ihre Kritik an Real-Life-Formaten erneuert. "Das deutsche Privatfernsehen trägt auf breiter Front zur Aufgabe von Privatsphäre und zur Salonfähigkeit von Voyeurismus bei", sagte der Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR), Wolfgang Thaenert, in Kassel. Es werde ein Menschenbild vermittelt, das nicht mehr das sei, was die Gesellschaft bisher hatte. Thaenert forderte die Sender auf, sich bei Reality-Shows wie bei den "Daily Talks" auf einen Verhaltenskodex zu verständigen. "Sie handeln mit der Verbreitung von Meinungen, nicht mit Filzhüten. Sie tragen zur Wertevermittlung bei".



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