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26. März 2011, 16:36 Uhr

Rebellen-Trainingscamp in Libyen

Turbokurs für Turnschuh-Kämpfer

Aus Bengasi berichtet

Sie trainieren mit Kalaschnikows und Raketenwerfern, wollen möglichst bald an die Front: In einem Ausbildungscamp in Ostlibyen lernen junge Rebellen in Jeans und Turnschuhen, wie man einen Gegner tötet. Doch ihre Ausrüstung ist veraltet - schon der erste Einsatz könnte zur Selbstmordmission werden.

Mahsum will nicht länger warten. Mit einer Tarnkappe auf dem Kopf, an den Beinen eine alte Armeehose, hockt der 24-jährige Geologiestudent auf dem Exerzierplatz einer Kaserne im ostlibyschen Bengasi. Schon ziemlich geübt nestelt Mahsum an einem altersschwachen Kalaschnikow-Gewehr herum. Dutzende Male schon hat der junge Mann mit dem fusseligen Bart die Waffe auseinander genommen, den Lauf geprüft, alle Einzelteile mit Benzin poliert und wieder zusammengesetzt. Sein Trainer Saleh Firjani ist trotzdem noch nicht zufrieden. "Die Waffe muss ein Teil von dir werden", sagt der pensionierte Oberst der libyschen Armee, "du darfst sie nie aus der Hand geben, beim Schlafen musst du sie im Arm halten wie eine Frau".

Mahsum aber will sofort los, in Richtung Front, auf in den Kampf gegen die Truppen des verhassten Diktators Muammar al-Gaddafi. Immer wieder rufen ihn Freunde an, während er die Waffe zerlegt und zusammenbaut. Einige von ihnen sind mit den Rebellen in der Nacht zum Samstag nach Adschdabija, rund 180 Kilometer westlich von Bengasi, erfolgreich einmarschiert. "Ich will auch endlich kämpfen", sagt Mahsum. Sein noch kindliches Gesicht wird ernst. "Mein Bruder ist noch in Brega, ich habe seit Tagen nichts mehr von ihm gehört", sagt er. Brega wird eines der nächsten Ziele der Rebellen auf ihrem noch langen Weg gen Westen, nach Tripolis und bis zum Sturz von Gaddafi sein. Der junge Mahsum will dabei sein, er will nicht länger nur trainieren, sagt er.

Beim Training an der tödlichen AK-47 ist Mahsum nicht allein. Pünktlich um zehn Uhr finden sich am Tor der Kaserne Hunderte andere Freiwillige ein. Alle von ihnen wollen sich in einer Art Turbo-Ausbildung als Rebellen-Kämpfer trainieren lassen und dann mitkämpfen gegen Gaddafi. Unter ihm hieß die Basis am Stadtrand von Bengasi Kaserne des 7. Aprils. Nun haben die Rebellen den Armeestandort rasch nach dem Datum des Starts ihrer Revolution am 17. Februar umbenannt. Gleich am Eingang muss jeder der Freiwilligen ein Plakat von Gaddafi mit Füßen treten. Dahinter nimmt ein Rebell mit Sonnenbrille ihre Daten auf. Name, Alter und Handynummer reichen, dann geht es direkt auf den großen Platz zur Ausbildung.

Schlechte Waffen, aber viel Entschlossenheit

Was sich auf dem Platz abspielt, zeigt die Entschlossenheit, aber auch die militärische Unterlegenheit der Rebellen gegen die Armee von Gaddafi. In kleinen Gruppen sitzen die jungen Männer, an diesem Morgen sind es um die 500, zumeist in Jeans und mit Turnschuhen vor völlig veralteten Raketenwerfern, Flugabwehrgeschützen und Kalaschnikows und lauschen ihren Ausbildern. Saleh Saheti, ein früherer Offizier Gaddafis und nun Chef der Basis, springt immer wieder von einer Gruppe zur nächsten. Mit seiner dunklen Fliegersonnenbrille und einem Fallschirmspringer-Abzeichen an der Uniform ist der 52-Jährige einer der wenigen hier, die wie ein Soldat aussehen.

Der Offizier bringt die Lage der Rebellen recht gelassen auf den Punkt. "Wir haben schlechte und zu wenige Waffen", sagt Saheti, "doch jeden Tag kommen hier Hunderte junger Leute hin, die alle bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden". Hinter Saheti erklärt ein Rebell in zivil den Rekruten gerade eine 106-Millimeter-Kanone. Die Waffe, sie stammt laut dem Ausbilder aus Russland, habe Vorteile und Nachteile. "Mit den Schüssen könnt ihr Stellungen und selbst Häuser leicht zerstören", doziert er. "Das Problem ist nur, dass man die Schussbahn nur schwer berechnen kann." Die Lösung aber sei einfach: "Der Mann am Zielfernrohr muss schlau, der Mann fürs Nachladen einfach nur schnell sein".

Ausbildungschef Saheti ist mit den Leistungen seiner Rekruten zufrieden. Viele hätten schon in der Schule, im Militärstaat von Gaddafi selbstverständlich, Wehrunterricht gehabt. Im Trainingslager dann müssten sie nur noch in der Praxis geschult werden. "Wir trainieren die Jungs nur ein paar Tage hier, den Rest lernen sie im Kampf." 1500 Freiwillige, sagt er, hat er schon an die Front geschickt. Saheti selber kann die Geschehnisse dort nur noch beobachten, seit einem Unfall vor ein paar Jahren ist eine seiner beiden Hände unbeweglich, eine Rückenverletzung macht ihm zu schaffen. Trotzdem zieht es den 52-Jährigen oft gen Westen, er will zumindest am Rand der Kämpfe dabei sein.

Reinigen ist so wichtig wie Schießen

Stolz ist Saheti auf seine Ausbilder, vor allem auf Oberst Saleh Firjani. Mit seinem langen schlohweißen Bart sieht der 60-Jährige auf den ersten Blick etwas zu alt für den Militärdrill aus. Doch das täuscht. Blitzschnell wechselt Firjani vor den Rekruten von der Hocke in den Stand und wieder auf den Boden. "Ihr müsst eure Position immer dem Gelände anpassen", sagt er, "für die Wüste, die euch erwartet, ist das Schießen im Liegen vermutlich die beste Haltung". Dann muss einer der Rekruten vortreten und eine Kalaschnikow auseinander bauen. "Ich weiß, dass ihr alle kämpfen und schießen wollt", sagt Ausbilder Firjani, "doch das Reinigen der Waffe ist ebenso wichtig wie der sichere Schuss".

Dass westliche Reporter mit Firjani sprechen, passt einigen auf der Basis gar nicht. Meist sind es vermummte und mit dunklen Sonnenbrillen und reichlich Waffen ausgestattete junge Männer, die sich in das Interview einmischen. Wo man herkomme, wollen sie wissen. Für welches Medium man arbeite. Ob man einen Presseausweis habe. Wer diese Rebellen sind, die niemanden ausbilden, aber auf der Basis offenkundig etwas zu sagen haben, ist nicht zu erfahren. Einer von ihnen entschuldigt sich später. Man wolle nur "falsche Bilder" in westlichen Medien vermeiden. "Mit dem langen Bart denken die Leser doch beim Anschauen der Bilder gleich", sagt er, "dass unsere Ausbilder von al-Qaida oder den Taliban sind".

Mahsum lacht am Ende des dreistündigen Trainings. Schon morgen, das jedenfalls hat ihm sein Ausbilder gesagt, könne er per Bus in Richtung Westen gebracht werden und kämpfen. Von Adschdabija aus wollen die Rebellen dann weiter in Richtung Tripolis marschieren, die wichtigen Städte Ras Lanuf und Brega wieder unter ihre Kontrolle bringen. Mit der Schützenhilfe aus der Luft durch die internationalen Streitkräfte wird das etwas einfacher werden. Und doch werden noch Hunderte der Freiwilligen aus der Kaserne des 17. Februar nach ihrer Turbo-Ausbildung im Kampf um den Sturz von Muammar al-Gaddafi sterben. Ohne militärische Strategie, ohne Kommunikation unter den Rebellengruppen gleicht ihre Mission einer Selbstmordoperation.

Dem jungen Geologiestudenten ist das egal, jedenfalls sagt er das immer wieder: "Wenn ich für mein Land sterben darf, wäre es das Größte, was ich erreichen kann". Als er die Basis verlässt, warten draußen vor der Tür schon Dutzende weitere Freiwillige, sie werden allerdings von den Wachposten abgewiesen. Für heute sei das Training zum Freiheitskämpfer zu Ende, sie müssten morgen wiederkommen. Im Hintergrund krachen in der Stadt schon die ersten Freudensalven aus Schnellfeuergewehren und Flugabwehrschützen. Die guten Nachrichten aus Adschdabija, der erste militärische Erfolg seit den Luftangriffen des Westens, haben sich in Bengasi herumgesprochen.

Dem Trainingscamp wird das vermutlich weiteren Zulauf verschaffen.

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