Brennender Regenwald: Kann man Umweltschutz und Landwirtschaft irgendwie versöhnen?

Von Thembi Wolf
Foto: Victor Moriyama/Greenpeace Brazil/dpa

Dieser Beitrag wurde am 28.08.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Der Regenwald im Amazonas brennt. Umweltforscher warnen, dass es hundert Jahre dauern könnte, bis sich der brasilianische Regenwald von dem Inferno erholt. (SPIEGEL ONLINE

Trotzdem hat der ultrarechte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro die Hilfen der G7-Staaten zurückgewiesen und ihnen eine "kolonialistische Mentalität" im Umgang mit der Krise vorgeworfen. (SPIEGEL ONLINE) Ursache der Brände ist Brandrodung, die von der Bevölkerung genutzt wird, um im Regenwald Platz für Felder zu machen. 

Aber warum wird im Amazonas gerodet? Was macht die Rodung mit dem Wald? Und woher kommt das schwierige Verhältnis der brasilianischen Regierung zum Umweltschutz?

Wir haben mit der Geoökologin Sophie von Fromm gesprochen. Die 26-Jährige hat im Amazonasgebiet zu Landnutzung geforscht (TU Bergakademie Freiberg ). Heute ist sie Doktorandin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und untersucht, wie Kohlenstoff unter veränderten Klimabedingungen in Böden gespeichert wird.

Sophie, wie geht es dir, wenn du die Bilder aus dem Amazonas siehst?

Es macht mich wütend. Ich war schon oft vor Ort und weiß, wie schön so ein intakter Regenwald ist, in seinen Formen, Farben und Geräuschen. Zu sehen, wie das in kürzester Zeit brutal niedergebrannt wird, ist schon traurig.

Seit der brasilianische Regenwald brennt, ist die Welt besorgt. Warum ist der Amazonas so wichtig?

Das Amazonas-Gebiet ist größer als ganz Europa. Es wird nicht ohne Grund als "grüne Lunge" der Welt bezeichnet, weil dort extrem viel CO2 aufgenommen und gebunden wird. Auch der Boden darunter funktioniert wie eine Lunge: Durch die Mikroben wird viel CO2 aufgenommen und abgegeben. Wenn jetzt große Flächen gerodet werden, kann das Auswirkungen haben, die uns alle betreffen. 

Die Brände haben im Vergleich zum Vorjahr um 82 Prozent zugenommen, sagt die brasilianische Weltraumagentur.

Illegale Rodung gibt es schon sehr lange. Aber es ist spannend, die Aufs und Abs zu verfolgen. In der Vergangenheit haben brasilianische Regierungen das Amazonasgebiet stets eher aus ökonomischer als aus ökologischer Sicht betrachtet. Seit Bolsonaro an der Macht ist, ist die Zahl der Brandrodungen wieder in die Höhe gegangen. Dazu kommt: Momentan herrscht Trockenheit, dadurch breiten sich viele Brände unkontrolliert aus.

HANDOUT - 23.08.2019, Brasilien, Novo Progresso: Auf diesem von Greenpeace Brasilien zur Verfügung gestellten Bild stehen einzelne Bäume im Rauch bei einem Brand im Schutzgebiet Jamanxim im Staat Para. Angesichts der verheerenden Waldbrände im Amazonasgebiet setzt die brasilianische Regierung nun Soldaten bei den Löscharbeiten und der Verfolgung von Brandstiftern ein. Foto: Victor Moriyama/Greenpeace Brazil/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
HANDOUT - 23.08.2019, Brasilien, Novo Progresso: Auf diesem von Greenpeace Brasilien zur Verfügung gestellten Bild stehen einzelne Bäume im Rauch bei einem Brand im Schutzgebiet Jamanxim im Staat Para. Angesichts der verheerenden Waldbrände im Amazonasgebiet setzt die brasilianische Regierung nun Soldaten bei den Löscharbeiten und der Verfolgung von Brandstiftern ein. Foto: Victor Moriyama/Greenpeace Brazil/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit Foto: Victor Moriyama/Greenpeace Brazil/dpa

Wie geht es Forscherinnen und Forschern in Brasilien?

Es gibt Repressalien, und die Umwelt-Forschungsinstitute bekommen nicht viel Geld zur Verfügung gestellt, dabei ist ihre Arbeit extrem wichtig. Einige Umwelforschungsinstitute in Brasilien werten Satellitenbilder aus, um Brände und Landnutzung zu verfolgen. Andere unterstützen Farmer, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben, die Böden lange zu nutzen und den Wald zu schonen. Diese wichtigen Arbeiten werden nun erschwert, da Bolsonaro die Fördermittel drastisch gekürzt hat.

Kann man Umweltschutz und Landwirtschaft im Amazonas überhaupt versöhnen?

Das war und ist für mich auch eine spannende Frage. Mit unserer Forschung sind wir dem nachgegangen.  Wir haben vor Ort Bodenproben genommen, aber auch mit kleinen Farmern und Familienunternehmen gearbeitet. Ein sehr bewegendes Ereignis war, als wir nach sechs Monaten zu einem Stück Regenwald zurückkamen, auf dem wir Untersuchungen gemacht hatten: Das Gebiet war gerodet. Wir sprachen mit dem Farmer, der natürlich eine ökonomische Motivation hatte. Ich dachte vorher: Warum rodet man Regenwald? Die sollen das einfach sein lassen. 

ACHTUNG: SPERRFRIST 25. APRIL 20:00 UHR. ACHTUNG: DIESER BEITRAG DARF NICHT VOR DER SPERRFRIST, 25. APRIL 20.00 UHR, VERÖFFENTLICHT WERDEN! EIN BRUCH DES EMBARGOS KÖNNTE DIE BERICHTERSTATTUNG ÜBER STUDIEN EMPFINDLICH EINSCHRÄNKEN. - HANDOUT - 26.05.2016, Brasilien, ---: Luftaufnahme des Regenwaldes am Amazonas in Brasilien. Hunderte Wissenschaftler und Ureinwohner haben die EU dazu aufgerufen, bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Brasilien auf den Schutz der Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte zu bestehen. Foto: Larissa Rodrigues/AAAS/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung. Das Foto darf nicht verändert und nur im vollen Ausschnitt verwendet werden. Keine Archivierung. Nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ |
ACHTUNG: SPERRFRIST 25. APRIL 20:00 UHR. ACHTUNG: DIESER BEITRAG DARF NICHT VOR DER SPERRFRIST, 25. APRIL 20.00 UHR, VERÖFFENTLICHT WERDEN! EIN BRUCH DES EMBARGOS KÖNNTE DIE BERICHTERSTATTUNG ÜBER STUDIEN EMPFINDLICH EINSCHRÄNKEN. - HANDOUT - 26.05.2016, Brasilien, ---: Luftaufnahme des Regenwaldes am Amazonas in Brasilien. Hunderte Wissenschaftler und Ureinwohner haben die EU dazu aufgerufen, bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Brasilien auf den Schutz der Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte zu bestehen. Foto: Larissa Rodrigues/AAAS/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung. Das Foto darf nicht verändert und nur im vollen Ausschnitt verwendet werden. Keine Archivierung. Nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | Foto: Larissa Rodrigues/AAAS/dpa

Und jetzt hast du mehr Verständnis?

Die großen Baumstämme, die sie vor der Rodung aus dem Wald holen, bringen viel Geld. Mit dem können sie ihre Kinder zur Schule oder zur Universität schicken. Und sie gewinnen natürlich Farmland. Die Menschen leben nun einmal dort, und man kann ihnen nicht verbieten, sich Wohlstand zu erarbeiten. Diesen Konflikt gilt es so zu lösen, dass beide Seiten profitieren

Was setzt ihr dem entgegen?

Wir erklären, dass nach der Rodung das gesamte Farmgebiet trockener wird, weil in den Wäldern auch viel Wasser umgesetzt und gespeichert wird. Durch größere Rodungen können die Bauern also langfristig schlechter Anbau betreiben, weil ihnen was Wasser in der Fläche fehlt. Ich glaube schon, dass einige Farmern umdenken. Aber es ist natürlich ein Zwiespalt. Und die Menschen in Europa tragen mit ihrem Konsumverhalten auch dazu bei, dass es den Drang nach immer mehr Landwirtschaftsflächen gibt: Wir kaufen das Holz. Und wir wollen Fleisch essen, deswegen werden Anbauflächen für Sojaanbau für die Rinderversorgung benötigt.

Bolsonaro kündigte schon im Wahlkampf an, den Regenwald abholzen zu wollen:

Wie der rechte brasilianische Präsident für Geld die Zukunft der Welt aufs Spiel setzt

Bolsonaro hat gesagt, er hält die westlichen Bestrebungen, den Regenwald zu bewahren, für Kolonialismus. Hat er ein bisschen Recht?

Das ist ein spannender Aspekt. Erst einmal ist es eine sehr populistische Aussage, dafür ist er ja auch bekannt. Aber es ist etwas anderes, wenn zu Kolonialzeiten die natürlichen Ressourcen dieser Länder ausgebeutet wurden, als wenn heute Brasilien darauf aufmerksam gemacht wird, dass es den Amazonas schützen soll, weil der nun einmal eine globale Bedeutung hat. Aber natürlich hat es einen bitteren Beigeschmack, wenn westliche Länder, die selbst ihre Klimaziele verfehlen und historisch gesehen für die meisten Treibhausgase verantwortlich sind, auf andere Länder mit dem tadelnden Finger zeigen. Also: Ein bisschen Wahrheit ist dran, aber der Vergleich hinkt.

Gibt es Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft?

Ja, sogenannte Agroforstwirtschaft. Man versucht, große Bäume stehen zu lassen und im Unterbau Anpflanzungen zu machen. Oder man baut auf gerodeten Flächen neue Bäume an, die wirtschaftlich genutzt werden können, beispielsweise Paranüsse. Die brauchen weniger Pflege und bringen auch Geld. Doch auch diese Anbaumethode ändert nichts daran, dass weiterhin wertvoller Regenwald vernichtet wird.  Denn das ist natürlich nur eine Option für kleine Bauern, nicht für die großen Unternehmen, die großflächig roden.

Warum bauen dann nicht alle kleinen Farmer Paranüsse an?

Zum einen dauert es länger, bis sie wachsen. Außerdem hat das auch eine geschichtliche Dimension. Das Amazonasgebiet wurde in den 60er und 70er Jahren von der brasilianischen Regierung mit Farmern aus dem südlichen und nordöstlichen Brasilien besiedelt. Die kannten sich aber mit dem Ökosystem Amazonas nicht aus und haben ihre Anbaumethoden aus ihrer Heimat mitgebracht. Im Süden und im Nordosten herrschen andere Klimate, in denen Weidewirtschaft durchaus lukrativ sein kann.

Bolsonaro hat auch gesagt, wir sollten lieber in Deutschland aufforsten.

Es spricht überhaupt nichts dagegen, auch hier aufzuforsten. Die letzten Sommer haben ja gezeigt, wie empfindlich unsere Wälder gegenüber extremen Wetterbedingungen wie Dürre sind. Wir haben kaum Wälder, die nicht wirtschaftlich genutzt werden, und zu viele Monokulturen. Diese sind gegenüber Krankheiten und extremen Wetterbedingungen deutlich empfindlicher. Aber ein Thema wie Klimawandel kann ohnehin nur global gelöst werden. Das vergessen viele politische Akteure in dieser Debatte.

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