Debatte um #regrettingmotherhood Mütter, seid nicht so hart!

Darf eine Mutter sagen, dass sie es bereut, Kinder bekommen zu haben? Ja, darf sie. Reue ist nur deshalb ein Tabu, weil sie dem so realitätsfernen wie mächtigen Bild der perfekten Mutter widerspricht.
Mutter und Kind: Dafür gibt es kein Schnupperpraktikum

Mutter und Kind: Dafür gibt es kein Schnupperpraktikum

Foto: Corbis

Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie sich gegen Kinder entscheiden - darf eine Mutter so etwas sagen? 23 israelische Frauen haben es getan, ihre Bekenntnisse befeuern seit Tagen eine hitzige Debatte.

Kaum eine Mutter, die ich kenne, vermisst nicht etwas aus ihrem alten Leben, bevor sie Kinder bekam. Frauen, die früher ihre Unabhängigkeit liebten, hadern mit dem Gefühl, nie mehr allein sein zu können. Frauen, die vor der Geburt die Zweisamkeit mit ihrem Partner schätzten, sind traurig über den Verlust dieser Zeit. Frauen, die ihren Beruf lieben, fühlen sich durch das Kind eingeengt. Frauen, die viel Wert auf ihr Äußeres legen, hadern mit den Veränderungen ihres Körpers. Alle diese Frauen mussten lernen, mit diesen Entbehrungen zurechtzukommen.

Wer sich für ein Kind entscheidet, legt sich unwiderruflich fest, dafür gibt es kein Schnupperpraktikum. Trotz bewusster Entscheidung ist das Leben mit Kindern dann oft ganz anders, als es sich Eltern vor der Geburt ausgemalt haben. Ob der Mutter ihre neue Rolle nun zusagt oder nicht und wie sie mit dieser Ambivalenz und möglichen Enttäuschungen umgeht, sollte eine ganz persönliche Sache sein, eine Typfrage.

Ist es aber nicht.

Mutterschaft ist ein Thema, das überhitzt diskutiert und mit Ideologien überfrachtet wird, der Druck auf die Mütter ist groß. Als in meinem Umfeld neulich ein Kita-Kind krank wurde, wurde es von einem Taxi nach Hause gebracht, wo der Babysitter-Notdienst wartete. Die anderen Mütter stichelten drauflos: Rabeneltern! Wie kann ihnen etwas anderes wichtiger sein als das fiebernde Kind?

Liebe Mütter, seid nicht so hart zu euch! Es ist eure private Entscheidung, ob ihr euch dem kulturellen Leitbild entsprechend bis zur Selbstaufgabe um eure Kinder kümmert. Ob ihr überhaupt dem allgemeinen Tenor aus Politik und Gesellschaft zustimmt, dass jede Frau Kinder zu wollen hat. Ebenso frei sollte eine Frau sein, sagen zu dürfen, dass der Lebensentwurf Mutter für sie nicht ideal ist.

Wenn eine Frau ihre Entscheidungen reflektieren und sich alternative Lebensführungen vorstellen kann, sollte das als intelligent und kognitiv flexibel gewertet werden. Reue in der Rückschau darf jeden Lebensbereich, jede Beziehung betreffen.

In Bezug auf Mutterschaft ist Reue nur deshalb ein Tabu, weil Mütter untereinander so strenge Kritiker sind. Sie verteidigen vehement den eigenen Lebensentwurf und proklamieren das Kinderglück. Sie verlangen nach Perfektion und schüren die ständige Angst, dem Kind nicht gerecht zu werden. Sie befeuern untereinander die Sorge, das Kind wachse nicht unter optimalen Bedingungen auf, und sie erblassen vor Neid, wenn die andere etwas besser hinkriegt.

Diese 23 israelischen Mütter erzählen auch von der Belastung, die Elternschaft mit sich bringt. Und davon, dass es für diese Anstrengung aus ihrer Sicht keinen adäquaten Lohn gibt. In einer Leistungsgesellschaft ist das eine völlig neue Erfahrung: Eltern gehen bis zur Erschöpfung an ihre Grenzen, der Lohn ist aber nicht immer greifbar.

23 Mütter bereuen eine Entscheidung, doch sie sagen explizit, dass sie ihre Kinder trotzdem lieben. Diese gegensätzlichen Gefühle haben ihre Berechtigung.