Reinigungskräfte in der Coronakrise "Nur oberflächlich sauber"

In vielen deutschen Krankenhäusern arbeiten die Putzkolonnen unter schlechten Bedingungen. Für eine gründliche Reinigung fehlt qualifiziertes Personal, Zeit und Geld. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation.
Reinigungskraft in einem Krankenhaus: "Immer viel zu wenig Zeit, um gründlich zu putzen"

Reinigungskraft in einem Krankenhaus: "Immer viel zu wenig Zeit, um gründlich zu putzen"

Foto: Daniel Reinhardt/ DPA

Manchmal, sagt Miriam Freiter, habe sie bei ihrer Arbeit große Angst. Doch nicht um sich selbst, "sondern um die Sicherheit der Patienten".

Freiter arbeitet als Reinigungskraft in einem Krankenhaus in einer bayerischen Großstadt. Freiter ist nur ein Pseudonym. Ihr richtiger Name ist dem SPIEGEL bekannt, aber sie will ihn in diesem Artikel nicht genannt wissen. Denn Freiter hat Sorge um ihren Job, wenn sie offen von den akuten Problemen bei der Zimmerreinigung berichtet, gerade in Zeiten des Coronavirus. "Wir haben immer viel zu wenig Zeit, um gründlich zu putzen", sagt sie. Die Geräte und die Bettgestelle machten sie und ihre Kollegen zwar gründlich sauber, aber an manchen Stellen werde bestenfalls "drübergewischt", sagt Freiter.

"Es fehlt einfach an der Zeit"

Auch Renate Petermann, Angestellte eines großen Krankenhauses in Oberfranken, kennt das Problem. Auch ihren Namen hat der SPIEGEL für diesen Text verändert. Petermann hat mehrere Jahre lang die Patientenzimmer in der Gynäkologie geputzt, jetzt arbeitet sie in einer anderen Funktion und hat dort einen guten Überblick über den Einsatz der Reinigungskräfte auf den verschiedenen Stationen. 

"Wenn ein neuer Patient kommt, wird zwar der Boden und das Bett gereinigt. Das Inventar wie Stühle oder Tische aber werden fast nie abgewischt", sagt Petermann. Selbst den Nachttisch, der von den Patienten viel benutzt werde, mache man wegen des Zeitmangels "nur ganz oberflächlich sauber". Am Fleiß der Putzkräfte liege das nicht, berichtet die 59-Jährige. "Es fehlt einfach an der Zeit, selbst den Gang zur Toilette habe ich mir zum Teil verkniffen."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Der Gewerkschaft Ver.di zufolge sind derlei Zustände in vielen deutschen Kliniken Alltag. Im Reinigungsbereich werde massiv gespart, viele feste Stellen seien in den vergangenen Jahren abgebaut worden, sagt Robert Hinke, der bei Ver.di Bayern den Gesundheitsbereich betreut. Die Folge: "Eine gründliche, vorschriftsmäßige Reinigung ist durch den hohen Arbeitsdruck in vielen Krankenhäusern gar nicht möglich." Dies erhöhe das Ansteckungsrisiko für Patienten mit gefährlichen Klinikkeimen - und aktuell auch mit Covid-19.

Wie leicht sich das Virus in Einrichtungen mit vielen Betten und geschwächten Menschen verbreiten kann, zeigte sich in den vergangenen Tagen in einer Vielzahl von Pflege- und Seniorenheimen - mit teils tödlichen Folgen: Allein in einem Wolfsburger Pflegeheim starben nach einem Corona-Ausbruch mindestens 17 Menschen.

Ein großes Problem sei die zunehmende Auslagerung der Putzkolonnen an externe Dienstleister, so Hinke. Zehntausende Menschen putzen täglich in deutschen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen - die genaue Zahl ist laut Ver.di schwer zu ermitteln. Bei den Tochtergesellschaften oder Subunternehmern würden viele von ihnen oft kaum mehr als den Mindestlohn verdienen. Geeignetes Personal sei Mangelware.

Auch in der Klinik, in der Renate Petermann arbeitet, wurde ein Großteil der Reinigungskräfte "outgesourct". Seitdem wechsle ständig das Personal, niemand fühle sich für eine Station verantwortlich. "Da gibt es niemanden mehr, der sagt: Das ist mein Bereich - den will ich immer sauber haben." Einmal habe eine Station in ihrer Klinik sogar geschlossen werden müssen, weil zu viele Keime nachgewiesen worden seien. Die zuständige Reinigungskraft habe offenbar extrem schlampig geputzt.

Immer wieder müssen Stationen in Krankenhäusern wegen akuten Keimbefalls geschlossen werden. Ob diese durch Pfleger, Reinigungskräfte oder Gäste der Patienten eingeschleppt wurden, ist dann schwierig zu klären. Dem Robert Koch-Institut zufolge starben bereits vor der Corona-Pandemie bis zu 20.000 Menschen jährlich an den Folgen einer Ansteckung mit Klinikkeimen.

"Um zu vermeiden, dass sich Menschen in den Krankenhäusern infizieren, ist die dortige Hygiene extrem wichtig", sagt Peter Walger, Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). In Zeiten von Corona gelte dies besonders. "Das sind geschwächte Menschen, zusätzliche Keime wären da gefährlich", sagt der Mediziner. Nur durch die Einhaltung strikter Hygieneregeln könne "verhindert werden, dass sich Keime und auch das Coronavirus selbst von einem Krankenzimmer ins nächste ausbreiten".  

Dramatische Befunde

Die DGKH setzt sich seit vielen Jahren für eine bessere Qualität der Reinigung und verstärkte Hygieneanstrengungen in den deutschen Kliniken ein. Bereits 2013 hatte die medizinische Fachgesellschaft eine Umfrage unter rund 280 Kliniken durchgeführt - mit dramatischem Befund. In der Hälfte der Krankenhäuser seien zum Beispiel an Sonntagen die Patientenzimmer gar nicht mehr gereinigt worden. In einigen Kliniken wurde tagelang nur eine sogenannte "Sichtreinigung durchführt" - heißt, es wurde nur das weggewischt, was offensichtlich als Schmutz ins Auge fiel.

Besonders heftig zeigte sich die Ausdünnung des Personals in der Nacht: "In fast der Hälfte der Krankenhäuser dauerte es mehr als sechs Stunden, bis eine Reinigungskraft, die akut angefordert wird, auf der Station erscheint", so die DGKG.

Bei der DGKH heißt es auf Anfrage, dass sich auch fast sieben Jahre nach dieser Umfrage "die Situation nicht substanziell verändert hat". Vorstandssprecher Walger geht davon aus, dass auch heute noch viele der bundesweit fast 2000 Kliniken etwa am Wochenende nur eine Sichtreinigung betrieben. Die Probleme führt er unter anderem auch auf die Auslagerung an externe Dienstleister zurück. Laut DKGH beschäftigten diese in der Regel zu wenig Personal, das oft wechsle und entsprechend schlecht eingearbeitet sei.

Dabei haben US-Forscher der Cornell University 2017 in einer Studie festgestellt, dass Krankenhäuser, die mit externen Reinigungs-Dienstleistern zusammenarbeiten, häufiger Infektionen mit Klinikkeimen verzeichnen. Doch das hat viele deutsche Krankenhäuser angesichts des Kostendrucks der Krankenkassen und öffentlicher Träger nicht davon abgehalten, Putzkräfte auszulagern.

Mangelnde Handhygiene

Auch eine Umfrage der Hochschule Niederrhein aus dem Jahr 2017 unter Reinigungskräften in Nordrhein-Westfalen bekräftigt die Sorge, dass es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern nicht gut bestellt ist. Nicht einmal die Hälfte der über 200 befragten Reinigungskräfte desinfiziert sich vor dem Betreten eines Krankenzimmers die Hände. Mehr als ein Viertel verzichten darauf beim Verlassen des Zimmers. Einzelne Befragte gaben sogar an, ihre Hände gar nicht zu desinfizieren. Viele wussten auch nicht, wie sie korrekt Blut- oder Urinreste beseitigen müssten.

Mitunter scheinen der Studie zufolge auch Verständigungsschwierigkeiten ein Grund zu sein, warum Hygienestandards nicht eingehalten werden. Ver.di-Mann Hinke weiß: "Manche Mitarbeiter verstehen aufgrund schlechter Deutschkenntnisse die Anweisungen des medizinischen Personals gar nicht". Aus- und Fortbildungen fänden ohnehin kaum statt, "da gibt es in der ganzen Branche ein Defizit".

In der aktuellen Coronakrise verfügten viele Reinigungskräfte nicht über ausreichende Schutzkleidung, wie etwa einen Mundschutz. Dies sei jedoch "sehr wichtig, um potenzielle Ansteckungen zu verhindern", sagt DGKH-Sprecher Walger. 

Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft erklärt mit Blick auf die Vorwürfe: "Die Kliniken haben in den vergangenen Jahren sehr viel unternommen, um die Krankenhaushygiene weiter zu verbessern." Wichtig für die Vorbeugung von Infektionen sei die Einhaltung der Basis-Hygienemaßnahmen sowie der Händehygiene. Dies gelte für Ärzte, Pfleger, Besucher, Patienten und Reinigungskräfte. "Eine sach- und fachgerechte Reinigung im Krankenhaus unterstützt diese Maßnahmen", so der Verbandssprecher. 

Ein Problem für die Kliniken sind dem Sprecher zufolge nicht gezahlte Investitionskosten seitens der Bundesländer. Hätten die Kliniken mehr Geld, könnten sie etwa mehr Patientenzimmer für hochinfektiöse Patienten einrichten, die dann zum Beispiel einen eigenen Vorraum mit einer Schleuse hätten. Krankheitserreger könnten sich dann weniger leicht verbreiten. 

Die Corona-Pandemie scheint auch für die Hygiene in den Krankenhäusern und Altenheimen der ultimative Stresstest zu werden. Reinigungsfrau Miriam Freiter hofft, dass aufgrund der kritischen Lage endlich ein Umdenken einsetzt: "Wer bei uns an Reinigungskräften spart, schadet nicht nur uns, sondern vor allem auch den Ärzten und Patienten."

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