Rekord im Stahlsarg Tod nach 60 Jahren in Eiserner Lunge

Eine Australierin ist nach mehr als 60 Jahren Gefangenschaft in einer Stahlröhre gestorben. Nach einer Polio-Erkrankung war June Middleton auf eine Eiserne Lunge angewiesen. Die Rekord-Patientin nahm ihr Schicksal gelassen: "Da muss man durch".
Rekordpatientin Middleton: Mehr als 60 Jahre im Beatmungsgerät

Rekordpatientin Middleton: Mehr als 60 Jahre im Beatmungsgerät

Foto: A3482 epa AAP Luis Enrique Ascui/ dpa

Sydney - 60 Jahre musste die Australierin June Middleton 21 Stunden am Tag in einer Röhre liegen, die ihr das Atmen ermöglichte. Die Eiserne Lunge hielt sie seit einer Polio-Erkrankung im Jahr 1949 am Leben. Am Freitag starb Middleton im Alter von 83 Jahren, wie das Thornbury-Pflegeheim in Melbourne am Samstag mitteilte. Middleton kam vor drei Jahren in das Guinness-Buch der Rekorde, als Patientin, die länger als alle anderen in einer Eisernen Lunge gelebt hatte.

Die Eiserne Lunge ist eine Druckkammer, die die Beatmung des Patienten übernimmt. Der Patient steckt bis zu Hals in der Stahlröhre fest. Mit Über- und Unterdruck wird die Lungenfunktion aufrechterhalten. Die Patienten können nur stundenweise mit einem mobilen Atemgerät aus der Zwangslage befreit werden.

Die Eiserne Lunge war das erste klinische Gerät, das eine maschinelle Beatmung ermöglichte. Sie wurde zwischen 1929 und 1970 hergestellt, seit 2004 wird auch keine Wartung mehr angeboten. Heute werden Patienten mit Beatmungsgeräten beatmet.

"Da muss man durch"

Middleton ertrug die Situation mit Humor. "Es ist schwer zu erklären, aber da muss man einfach durch. Man muss das beste draus machen und Hürden überwinden", sagte sie im Frühjahr, als sich der Tag, an dem sie in die Eiserne Lunge kam, zum 60. Mal jährte. Sie feierte - mit Freunden und ihrem Hund Angel.

Middleton erkrankte während einer Polio-Epidemie 1949, zwei Wochen, bevor sie zum Traualtar schreiten wollte. Während bei vielen anderen Polio-Opfern die Muskelfunktion irgendwann zurückkehrt, blieb Middleton ihr Leben lang auf die künstliche Beatmung angewiesen.

"Nicht ein einziges Mal hat sie versucht, Mitleid zu erregen - diese Stimmung ist ihr einfach fremd", sagte ein Freund, Harry Newell, in einem Radiointerview an Middletons 80. Geburtstag.

Middleton war ein treuer Fan des Carlton Football-Teams. Die Bilder der Spieler klebten auf der Maschine. "Wenn ich mit 49 Männern schlafe brauche ich keine Decken", meinte die 80-Jährige damals keck.

Andere Patienten lebten ähnlich lange in der Eisernen Lunge: Die US-Amerikanerin Martha Mason verbrachte unglaubliche 61 Jahre in einer Eisernen Lunge, bis sie 2009 starb. Als Elfjährige war sie an Polio erkrankt, hatte in der Maschine einen Hochschulabschluss absolviert, regelmäßig zu Dinnerpartys geladen und mit Hilfe einer computergesteuerten Spracherkennung ein Buch über ihr Leben geschrieben. Auch ihre Landsfrau Dianne Odell lebte fast 60 Jahre in einer Lungenmaschine, bevor sie 2008 auf tragische Art starb: Ein Stromausfall legte die Eiserne Lunge lahm, gleichzeitig versagte das Notstromaggregat.

cpa/dpa