Debatte über Vatikan-Reliquien Petrus, alter Knochen

Zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche sollen die Gebeine des heiligen Petrus öffentlich gezeigt werden, so hat es Papst Franziskus angeordnet. Doch mit der Ankündigung ist ein alter Streit neu entfacht: Sind die Knochen wirklich echt?
Petrus-Statue auf dem Petersdom: Hundeknochen im Schuhkarton

Petrus-Statue auf dem Petersdom: Hundeknochen im Schuhkarton

Foto: VINCENZO PINTO/ AFP

Es soll der krönende Abschluss des "Jahrs des Glaubens" werden. Dieses hatte der damalige Papst Benedikt XVI. am 11. Oktober 2012 eher still eröffnet, sein Nachfolger Franziskus will es am kommenden Sonntag mit einem Paukenschlag beschließen. Er plant, der Öffentlichkeit etwas zu präsentieren, was bislang allenfalls Eingeweihte sehen durften: die sterblichen Überreste des heiligen Petrus.

Wiederentdeckt wurden sie 1942, bei Bauarbeiten in den "Heiligen Grotten", einer unterirdischen Gräberwelt in den Fundamenten des Petersdoms. Zuerst hielt man sie für Hundeknochen und sammelte sie in einem Schuhkarton.

Später wurden sie als Menschenknochen identifiziert und einem älteren Mann zugeschrieben, der zur Zeit des heiligen Petrus gelebt haben könnte. Eine Archäologin entzifferte rätselhafte Graffiti in der Nähe des Fundortes als "Petrus", Wissenschaftler fanden eine Gewebe-Übereinstimmung der Knochen mit einem Schädel, der seit langem als traditionelle Petrus-Reliquie in der Papst-Kirche San Giovanni in Laterano verehrt wird. Endlich schien bewiesen, was seit den Zeiten des römischen Kaisers Konstantin ohnehin zum katholischen Glaubensfundus gehört: Die Knochen unter dem Petersdom stammen vom heiligen Petrus, dem Apostelfürsten, dem "Fels der Kirche".

Zweifel bei vatikanischen Archäologen

Dabei, sagen Historiker, sei Petrus vermutlich nicht einmal in Rom gewesen, nicht dort hingerichtet und folglich auch nicht dort begraben worden. Nichts findet man darüber im Neuen Testament, nichts in glaubwürdigen anderen Quellen.

Der Streit ist alt. Er lodere durch die anstehende Zurschaustellung der Reliquie nun aber neu auf, berichtet Radio Vatikan. Dabei verläuft die wissenschaftliche Demarkationslinie sogar quer durchs Kirchenreich. Auch einige vatikanische Archäologen, so der päpstliche Radiosender, bezweifeln ausdrücklich die Echtheit der Gebeine.

Deren Geschichte beginnt im letzten Jahr der Herrschaft Kaiser Neros, 67 nach Christus. Der zum Apostel Petrus aufgestiegene Fischer Simon wurde auf kaiserliche Anordnung in Rom gekreuzigt und auf einem nahegelegenen Friedhof begraben. So ist es zumindest überliefert, doch die Quellenlage ist unklar.

Gleichwohl begannen römische Christen irgendwann, an dieser Stelle Petrus' Grab zu verehren. Und als die Christenverfolgung immer brutaler wurde, hätten sie, heißt es, die sterblichen Überreste ihres Heiligen in Katakomben außerhalb Roms versteckt. Bald galten sie als verschollen.

Glauben braucht kein Wissen

Kaiser Konstantin, Regent im vierten Jahrhundert, verfolgte die Christen nicht wie seine Vorgänger. Er ließ an der vermeintlichen Petrus-Grabstelle sogar eine Basilika bauen und erfreute die Gläubigen mit der Nachricht, er höchstpersönlich habe die heiligen Gebeine wiedergefunden und ins Grab zurückgelegt. Zu sehen bekamen sie freilich nur ein Loch im Grabdenkmal, mitten in der Basilika. Gleichwohl strömten die Christen herbei und ließen Stofffetzen an Fäden in die tiefe Dunkelheit herab, um den Heiligen um dieses oder jenes Wunder zu bitten.

Die Jahrhunderte vergingen, die Anbetung des Petrus-Grabes kam aus der Mode, bis die Konstantinbasilika abgerissen und darauf der heutige Petersdom gebaut wurde. Während der 120-jährigen Bauzeit entdeckte einer der Architekten, Giacomo Della, 1594 unter dem Fußboden etwas, was wie ein Grab aussah. Papst Clemens VIII. hörte davon, stieg, so ein zeitgenössischer Chronist, "in die Krypta hinab und sah im Schein einer Fackel (...), was seit über tausend Jahren niemand gesehen hatte: das Grab des heiligen Petrus". Doch was genau er sah, erfuhr niemand. Denn der "wundervolle Anblick beeindruckte den Papst so sehr, dass er sofort die Schließung der Öffnung veranlasste".

Erst 346 Jahre später, mitten im Zweiten Weltkrieg, ordnete Papst Pius XII., nachdem man zuvor eher zufällig antike Anlagen unter der Krypta entdeckt hatte, die planmäßige Untersuchung und Ausgrabung der Grotten unter dem Petersdom an. Man fand vieles, Knochen und Graffiti - aber auch dabei keinen wirklichen Beweis für die Petrus-Legende.

Das störte viele Kirchenvertreter jedoch wenig. Und auch Erzbischof Rino Fisichella vom Päpstlichen Neuevangelisierungs-Rat in Rom sagte kürzlich, es komme ja auch gar nicht darauf an, ob die Reliquie tatsächlich dem Apostel Petrus zugeordnet werden könne oder nicht. Christen glaubten seit fast zweitausend Jahren, dass sie echt seien und würden das auch weiterhin tun.

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