Organisierte Kriminalität Großeinsatz gegen den Remmo-Clan

Drogenhandel im großen Stil und Kriegswaffen: Ermittler von BKA und LKA gehen gegen das kriminelle Milieu in Berlin vor. Im Zentrum steht nach Informationen von SPIEGEL und SPIEGEL TV ein Mitglied des Remmo-Clans.
SEK-Beamte an einer der Adressen in Berlin-Neukölln. Credit: SPIEGEL TV

SEK-Beamte an einer der Adressen in Berlin-Neukölln. Credit: SPIEGEL TV

Foto: SPIEGEL TV

Monatelang arbeiteten die Mafiaexperten des Bundeskriminalamts (BKA) und des Landeskriminalamts (LKA) im Verborgenen – jetzt schlugen sie zu. Seit den frühen Morgenstunden gehen Ermittler der Abteilung für organisierte Kriminalität gegen Beschuldigte in mehreren Verfahren der Staatsanwaltschaft Berlin vor. Das Netzwerk soll für Drogenhandel im großen Stil, Handel mit Kriegswaffen und Körperverletzungen verantwortlich sein. Neben über 20 Häusern und Wohnungen im Stadtgebiet wird auch eine Lagerhalle in Brandenburg durchsucht, in der die Bande erhebliche Mengen an Drogen für den Weiterverkauf in Fässer verpackt haben soll. Bisher wurden zwei Personen festgenommen.

Datenschatz aus Frankreich

Nach Informationen von SPIEGEL und SPIEGEL TV beruhen wesentliche Polizeierkenntnisse auf geknackten Kryptohandys, die die Tatverdächtigen offenbar nutzten. Seit knapp einem Jahr werten Beamtinnen und Beamte in der Wiesbadener BKA-Zentrale einen riesigen Datensatz aus. Dabei handelt es sich um Chatnachrichten von Kunden der Firma Encrochat. Das Unternehmen mit Sitz in den Niederlanden bot der Unterwelt über Jahre verschlüsselte Mobiltelefone mit einem besonderen Messengerdienst an, der für die Polizei lange nicht zu durchdringen war. Der Datenverkehr der überwiegend kriminellen Nutzer lief über Server der Firma in Frankreich. Kriminalisten bezeichneten den inzwischen eingestellten Dienst als »WhatsApp für Gangster«, mit dem Berufsverbrecher auf der ganzen Welt ihre Geschäfte abwickelten.

Encrochat zählte rund 60.000 Kunden in über 120 Ländern, den Ermittlungen zufolge auch die Beschuldigten aus Berlin. Im Frühjahr gelang es französischen Sicherheitsbehörden, einen Encrochat-Server zu infiltrieren und so den Chatverkehr Zehntausender Teilnehmer über Monate heimlich mitzulesen. Rund acht Millionen Chatnachrichten von Encrochat-Nutzern in Deutschland landeten beim BKA. Seitdem kommt es auch hierzulande immer wieder zu spektakulären Razzien gegen die organisierte Kriminalität.

Verbindungen zum Remmo-Clan

Als Hauptbeschuldigter im Berliner Verfahren gilt nach Informationen von SPIEGEL und SPIEGEL TV der in Beirut geborene Nasser R., ein Mitglied des berüchtigten Remmo-Clans. Er wurde festgenommen. Das genaue Alter des abgelehnten Asylbewerbers ist unbekannt, Sicherheitskreisen zufolge soll R. ca. 40 Jahre alt sein. Vertrauliche Ermittlungsakten im Fall Nasser R. zeichnen den typischen Werdegang eines straffälligen Clansprosses nach, der bereits vor Jahrzehnten abgeschoben werden sollte – sich stattdessen aber zu einer einflussreichen Berliner Unterweltgröße entwickelte.

Clangröße Nasser R. Credit: Der SPIEGEL

Clangröße Nasser R. Credit: Der SPIEGEL

Den Unterlagen zufolge kam Nasser R. 1982 mit seiner Familie aus dem Libanon nach Berlin. Auffällig wurde er schon im Jugendalter. So verurteilte ihn das Jugendschöffengericht Tiergarten 1995 unter anderem wegen des Handels mit Heroin in nicht geringer Menge zu einer Jugendstrafe von über vier Jahren. In einer Ausweisungsverfügung aus dem Folgejahr attestierten die Behörden ihm eine »mangelnde Integration in den hiesigen Kulturkreis«, sowie eine »mangelnde Reflektionsmöglichkeit, um das bisher gezeigte Verhalten zu verändern«. Eine Prophezeiung, die sich als richtig erweisen sollte. Nasser R. wurde aufgefordert, Deutschland zu verlassen – »aus Gründen der öffentlichen Sicherheit«, wie das Land Berlin in dem Schreiben festhielt. Doch der Straftäter blieb und etablierte sich mit einigen seiner mindestens sieben Brüder in der kriminellen Szene. Eine Abschiebung in den Libanon scheitert seit nunmehr 25 Jahren an fehlenden Reisedokumenten seines Heimatstaates. Vor einem Jahr wurde Nasser R. die 16. Duldung erteilt.

Brutale Überfälle

Die Liste erfasster Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen das Clanmitglied ist lang. Betrug, bewaffneter Diebstahl, Bestechung, Drogenhandel – immer wieder führten in den vergangenen Jahren Spuren zu Nasser R. Zuletzt soll R. im Herbst an einem Angriff auf verfeindete Tschetschenen in Berlin beteiligt gewesen sein. Wechselseitige, brutale Überfälle zwischen arabischstämmigen Clanmännern und tschetschenischen Rivalen hatten im November Ängste vor einem eskalierenden Clankrieg in der Hauptstadt  geschürt. Das Landeskriminalamt will Nasser R. unter anderem anhand eines Videos als Beteiligten identifiziert haben, auf dem R. auf einen am Boden liegenden Tschetschenen einprügeln soll.

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Den Ermittlungsakten zufolge stand Nasser R. während der mutmaßlichen Attacke gegen den Tschetschenen unter sogenannter Führungsaufsicht. Das Landgericht Berlin hatte in einem Urteil eine strenge Überwachung angeordnet: R. musste seit geraumer Zeit eine elektronische Fußfessel tragen. Außerdem durfte er laut der Gerichtsauflagen nur Telefone nutzen, die seinem Bewährungshelfer bekannt sind.

Nasser R. ließ sich von den Vorschriften offenbar wenig beeindrucken. Im Glauben, sicher zu kommunizieren, wickelte er heikle Geschäfte wohl heimlich mit seinem Encrochat-Handy ab. Zum Verhängnis könnte ihm nun der Datenschatz aus Frankreich werden.

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