Riesending-Schachthöhle "Da kann man sich kaum durchquetschen"

Bloß nicht daran denken, dass man den schwierigen Weg auch wieder nach oben muss: Erstmals äußerten sich jetzt Einsatzkräfte in einer Pressekonferenz über die Rettungsaktion in der Riesending-Schachthöhle. Die Hilfe geht gut voran.

Von , München


Pedro Balordi war schon in vielen Höhlen, aber so etwas hatte er in seiner Schweizer Heimat nicht gesehen. Als Balordi zuletzt in die Riesending-Schachthöhle im Berchtesgadener Land einstieg, war ihm schnell die Dimension der Rettung des verunglückten Höhlenforschers Johann Westhauser klar: die sich windenden Gänge, die engen Passagen, die Schächte und Canyons, die Komplexität der rund 19 Kilometer langen und mehr als 1100 Meter tiefen Höhle. "Sie macht ihrem Namen alle Ehre", sagte Balordi jetzt in Berchtesgaden über die größte Höhle in Deutschland.

Der Höhlenretter ist einer von mehreren unmittelbar beteiligten Helfern, die sich am Montag erstmals in einer Pressekonferenz über die beispiellose Rettungsaktion äußerten, an der 120 Experten aus Deutschland, Österreich, Italien, Kroatien und der Schweiz beteiligt sind. Die Zusammenarbeit funktioniere sehr gut, sagte Balordi. Zusammen mit einem Team hatte er die rund acht Kilogramm schwere Trage zu Westhauser transportiert.

Tatsächlich haben die Retter derzeit allen Grund zur Zuversicht: Die Gruppe mit Westhauser kam zuletzt schneller voran als zunächst erwartet. Bereits am Montagmorgen hatte der Trupp Biwak 3 in rund 700 Metern Tiefe erreicht, eine der Zwischenetappen auf dem Weg aus der Höhle. Neun Stunden hatte der anspruchsvolle Weg über glitschige Wände gedauert, ursprünglich waren die Einsatzkräfte von bis zu zwei Tagen ausgegangen.

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Verunglückter Höhlenforscher: Rettung kommt gut voran
"Jetzt fängt die Zone mit vertikalen Schächten an"

Gegen 17.30 Uhr brach der Trupp in Richtung Biwak 2 in rund 550 Metern Höhe auf. Für die schwierige Wegstrecke sind 24 Stunden eingeplant. Der Bergwacht zufolge gilt der noch ausstehende Weg bis zum Ausgang aus der Höhle als der schwierigste. Zuletzt bewegte sich die Gruppe in der Horizontalen, "jetzt fängt die Zone mit vertikalen Schächten an", sagte Balordi am Montag. Der Zugang zu ihnen sei oft sehr eng, "da kann man sich kaum durchquetschen".

Westhauser soll mithilfe von Flaschenzügen aus der Tiefe gerettet werden. Der Gesundheitszustand des 52-jährigen Höhlenforschers, der am Pfingstsonntag durch einen Steinschlag in der Höhle ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, gilt weiterhin als stabil. Per Funk hatte er zuletzt "liebe Grüße" an seine Familie aus der Tiefe schicken lassen.

Der Forscher liegt in einem Schlafsack in Körperform in der Trage, ein Klettergerüst fixiert und sichert ihn darauf. Er trägt einen Kopfschutz, außerdem Ohrenschützer, die für ihn die Lärmbelastung minimieren sollen. Draußen bringen regelmäßig Hubschrauber Material und Helfer zum Höhleneingang auf rund 1800 Metern Höhe, auch unten ist es alles andere als ruhig: Die Helfer müssen sich immer wieder Kommandos in der verschachtelten Höhle zurufen.

Die körperlichen Anstrengungen in der Tiefe sind enorm. In der Höhle herrsche eine Luftfeuchtigkeit von rund 98 Prozent, sagte Balordi, der vier Tage in der Höhle war. Die Temperatur liege bei circa vier Grad: "Das fordert einen." Anfangs sei es für ihn bei diesen Bedingungen auch sehr schwierig gewesen, ausreichend zu schlafen.

Kroatische und italienische Kräfte verstärken das Team

Stephan Bauhofer gehörte zu den ersten, die Westhauser zur Hilfe geeilt waren. Der ausgebildete Rettungssanitäter der bayerischen Bergwacht war in die Höhle gestiegen, als ein Forschungspartner Westhausers einen Notruf abgesetzt hatte. Beim Abseilen in die tiefe Höhle habe er versucht, einen Gedanken zu verdrängen: "Dass ich da wieder raus muss." Der Aufstieg sei "extrem anstrengend", sagte Bauhofer.

Inzwischen sind zusätzliche Rettungskräfte in Berchtesgaden eingetroffen, 20 Höhlenretter aus Italien, 25 aus Kroatien. Sie sind eine Art Stand-by-Mannschaft, für den Fall, dass es Ausfälle bei den bisherigen Teams gibt. Der Transportweg wird auch weiterhin zusätzlich mit Kletter- und Seilhilfen gesichert, der Verschleiß ist der Bergwacht zufolge derzeit wegen des Einsatzes vieler Helfer sehr groß.

Roland Ampenberger, Sprecher der bayerischen Bergwacht, lobte am Montag die hohe Einsatzbereitschaft der Rettungskräfte. Sie würden sich mit Begeisterung an der Aktion beteiligen, dies habe "da oben eine Familie entstehen lassen", sagte Ampenberger.

Helfer in Berchtesgaden haben die Hoffnung, dass Westhauser vielleicht schon am Donnerstag aus der Höhle geholt werden kann - auf einen Termin will sich aber niemand festlegen.

Unklar ist derzeit auch die Höhe der Rettungskosten - und wer sie am Ende tragen wird. Der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher hatte bereits vor mehreren Jahren einen Solidaritätsfonds eingerichtet. Er soll greifen, wenn ein Höhlenforscher verunglückt und nicht versichert ist. Außerdem soll er die Kosten decken, die das Limit der Unfallversicherung sprengen. Bergwacht-Sprecher Ampenberger zufolge kommt für derartige Einsätze "in der Regel die Versicherung auf". Wie Westhauser versichert ist, ist derzeit aber offenbar noch nicht geklärt.

Mitarbeit: David Fischer

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Newspeak 16.06.2014
1. ...
Ich wünsche den Rettern viel Erfolg bei ihrem Vorhaben. Aber anschließend muß auch mal geklärt werden, wo Höhlenforschung ihre berechtigten Grenzen haben sollte. Die beteiligten Forscher sind dabei eher befangen und nicht in der Lage den allgemeinen Nutzen gegen das persönliche Risiko abzuschätzen. Man spekuliert darauf, daß schon alles gut gehen wird und nimmt jahrelanges Glück als Beweis für die Richtigkeit dieser Einschätzung.
herkurius 16.06.2014
2. Regulieren!
@Newspeak: klar, reichen Sie's bei unseren Politikern und der EG ein. Und lassen Sie uns gleich Spaziergänge, unnötigen Aufenthalt im Freien, Arbeiten im Steinbruch, das Betreten von Grundstücken rund um Hochhäuser und Kirchtürme und ähnliche Aktivitäten verbieten, eben alles, wobei einem ein Stein auf die Birne fallen könnte. Ausserdem, wen interessiert schon die Geologie und der Untergrund. Forschung, Baubehörden und Militärs sind da eher befangen, die sind viel zu neugierig, was sich unter unseren Füßen befindet.
der:thomas 16.06.2014
3. so ganz unrecht hat er nicht...
Ich hab kurz vor dem Unfall im Fernsehen einen Bericht über eben diese Höhle gesehen. Wahrscheinlich war da sogar der Forscher zu sehen... Ich hab mich da schon gefragt ob man sich das Antun muss - auch ohne Unfall schon eine riesen Quälerei - um zu wissen, das es nach der nächsten Ecke noch einen Durchgang gibt?
Thunder79 16.06.2014
4. ...vorallendingen
....beschweren sich scheinbar viele hier über die aufwändige und (teure) Rettungsaktion, die selbst mit Chips, Cola, Zigarette vor dem PC den Alltag verbringen. Dass eine einzlene OP am Herzen oder Lunge teurer sein kann wie eine einzelne Rettungsaktion aus einer Höhle sind diesen Leuten wohl nicht bewusst..... Aber da meckert der Arzt auch nicht "selbst schuld" und macht seinen Job. Also ein wenig Respekt vor den Rettern und dass uns das Finanzielle + techn. Mittel überhaupt zur Verfügung steht, wäre hier angebracht.
cobaea 16.06.2014
5. Man "muss" nicht, aber man kann
Zitat von der:thomasIch hab kurz vor dem Unfall im Fernsehen einen Bericht über eben diese Höhle gesehen. Wahrscheinlich war da sogar der Forscher zu sehen... Ich hab mich da schon gefragt ob man sich das Antun muss - auch ohne Unfall schon eine riesen Quälerei - um zu wissen, das es nach der nächsten Ecke noch einen Durchgang gibt?
Nein, natürlich muss man sich das nicht antun. Deshalb müssen weder Sie noch ich Höhlenforscher werden und versuchen herauszufinden, was sich da in der Tiefe unter unseren Füssen tut. Natürlich wollen Höhlenforscher wissen, was hinter der nächsten Ecke ist - aber dabei geht es z.B. bei der Riesending-Höhle auch darum, herauszufinden, welche Wege das Wasser unter den Alpen nimmt. Da werden Zusammenhänge vermutet von Deutschland bis Italien - aber bisher eben nur vermutet. Wie aber Wasserströme verlaufen, sagt auch etwas über ihre Störanfälligkeit, über die Stabilität der Gebirge, ihre Anfälligkeit bei Erdbeben etc. aus. Natürlich "muss" man das nicht untersuchen. Aber man "musste" auch nicht untersuchen, wie man bakterielle Entzündungen bekämpfen kann - zum Glück hat's Herr Fleming doch mal getan und das Penicillin entdeckt. Auch Meerespassagen "musste" man ursprünglich nicht befahren, aber irgendwann hat es mal einer auf solchen gefährlichen Wegen probiert und damit neue Wege aufgetan.... Ob sich so etwas für "die Menschheit" und nicht nur die Forscher irgendwann wirklich mal lohnt, weiss man oft eben erst hinterher. Aber wenn's gar nie jemand probiert, gibt's auch keine neuen Erkenntnisse. Wenn sich in grauer Vorzeit unsere Vorfahren auf den Bäumen bei der Frage "sollen wir uns das antun und wirklich von den Bäumen runter steigen, wo's hier oben doch relativ ungefährlich und gemütlich ist?" Mit "Nein" beantwortet hätten, wären wir heute noch da oben.
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