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Ausgespielt Das Ende des großen amerikanischen Zirkus

Ringling Bros. and Barnum & Bailey, der letzte große amerikanische Traditionszirkus, gibt auf: Im Mai 2017 endet "die großartigste Show der Welt". Nach 146 Jahren scheiterte sie am Tierschutz.

Als spät am Samstagabend die Aufführungen zu Ende gingen, ließ Kenneth Feld, Chef des gleichnamigen Entertainment-Konzerns, die kunterbunte Belegschaft des ältesten und größten verbliebenen Zirkusunternehmens der Vereinigten Staaten zusammenrufen. Die meisten werden vorab gewusst haben, worum es gehen würde: Um das Ende einer Ära, um das Aus für Ringling Bros. and Barnum & Bailey .

Noch bis Mai 2017, erfuhren sie, werden die zwei riesigen Showtruppen mit mehr als 500 Artisten durch die USA ziehen und dabei mehr als 30 Auftritte absolvieren. Dann aber soll endgültig Schluss sein. Eine "schwere geschäftliche Entscheidung" sei das gewesen, erklärte Feld. Der Zirkus sei nicht nur Teil der Geschichte seiner Familie, sondern über die Generationen auch für "Millionen von Familien ein Teil ihres Lebens".

Am Ende scheiterte Ringling, weil der Zirkus nicht mehr in die Zeit passen wollte. Feld: "Die Ticketverkäufe der Ringling Bros. gingen seit zehn Jahren zurück, aber nachdem wir die Elefanten aus der Show genommen haben, kam es zu einem dramatischen Einbruch."

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Aus für US-Zirkus: Das Ende von von Ringling Bros. and Barnum & Bailey

Foto: Bill Sikes/ AP

Ringlings Elefanten: Es waren gerade die Tierattraktionen, die Ringling Bros. and Barnum & Bailey berühmt gemacht hatten. 1882 brachte Barnum mit "Jumbo" den ersten Dickhäuter in die Manege, damals noch direkt aus Indien importiert. Bald züchtete der Zirkus seine Elefanten selbst, bis zu 40 Tiere begleiteten die Tourneen.

Im Mai 2016 war damit Schluss. Ringling ergab sich teils jahrzehntelangen Kampagnen von Tierschützern und erklärte, auf die Großsäuger verzichten zu wollen. Ein Schritt, über den weltweit berichtet wurde, der für viel Beifall sorgte - und das Schicksal des Unternehmens nun offenbar besiegelte. Denn es stoppte den Niedergang des Zirkus nicht, sondern beschleunigte ihn.

Zirkus ohne Tiere funktioniert nur selten

Es ist ein Muster, das Zirkusbetreiber in den letzten Jahrzehnten überall in der westlichen Welt erlebten: Tiere dazu zu dressieren, in der Manege Kunststücke aufzuführen, stieß auf immer stärker wachsenden Widerstand. Ein sich langsam verbessernder Tierschutz schränkte die Möglichkeiten ein, während Tierschutzorganisationen immer weitere Restriktionen einforderten.

Am Ende dieser Entwicklung steht ein Zirkus, der auf das Tier weitgehend verzichten muss. Das aber ist ihm wesensfremd - und das Publikum bleibt aus.

Das Tier gehört zum Duft der Manege, es war von jeher Teil des spezifischen Zirkuszaubers. Doch große Teile der Gesellschaft wollen nicht mehr, dass der Zirkus Löwen, Affen oder Elefanten in Käfigen hält und in Manegen agieren lässt. Große Teile des Zirkuspublikums hingegen wollen und erwarten genau das. Fehlt es, dann kommen auch sie nicht mehr.

Noch in der Nacht zum Sonntag ließ die Tierschutzorganisation Peta der Erklärung von Ringling eine eigene Presseerklärung folgen : Ringlings Ende sei das Resultat von 36 Jahren Peta-Protesten gegen den Zirkus. Für Peta ist das Aus des Traditionszirkus ein Fanal: "Alle anderen Zirkusse, Zoos und Aussteller von Wildtieren, einschließlich mariner Freizeitparks wie SeaWorld oder Miami Seaquarium, müssen erkennen: Die Gesellschaft hat sich verändert, Augen wurden geöffnet, Menschen haben erkannt, wer diese Tiere sind und dass es falsch ist, sie zu fangen und auszunutzen."

Das Manegenspektakel hatte seine Zeit

So ist das wohl: Elefanten aufeinander stehend in der Manege zu stapeln oder Tiger durch brennende Reifen springen zu lassen, passt nicht mehr in die Zeit. Es war eine Form der Unterhaltung aus Zeiten, als Zirkus für eine Mischung aus Artistik, Exotik und Kuriositäten stand. Für keinen Zirkus galt das mehr als für Ringling Bros. and Barnum & Bailey.

Der 1884 in Baraboo, Wisconsin, gegründete Zirkus Ringling Brothers war 1919 mit der 1871 gegründeten Kuriositätenshow von Barnum & Baileys "Greatest Show on Earth" fusioniert. Das schuf einen neuen, schrillen Zirkus, in dem Hunderte von Artisten und Tieren meist parallel in mehreren Arenen versuchten, das Publikum mit Artistik, Absurditäten und vermeintlich oder tatsächlich lebensgefährlichen Stunts zu verblüffen.

Es war eine Form der Show, die die Sinne überwältigen wollte - zu einer Zeit, als denen noch nicht so viel geboten wurde. Doch schon bald kam es für den Zirkus knüppeldick und in schneller, nicht enden wollender Abfolge: Der Film, das Radio, das Fernsehen, der Massensport, ein wachsendes Angebot stationärer Entertainment-Angebote und in digitalen Zeiten schließlich auch mobile Dauerbespaßung nahmen dem Zirkus immer mehr von seinem Zauber, seinem Sex-Appeal.

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Aus für US-Zirkus: Das Ende von von Ringling Bros. and Barnum & Bailey

Foto: Bill Sikes/ AP

Was bleibt, ist Tierschutz

Selbst die meisten seiner Fans dürften den Zirkus heute nicht mehr als etwas primär Spektakuläres, sondern vor allem Nostalgisches empfinden. Die Zirkusmanege, in der Clown auf Elefant folgt, bevor zum Gehorsam gedrillte Raubtiere einem peitschenschwingenden Dompteur folgen, während unter dem Zeltdach Trapezkünstler schwingen, ist schon vor Jahrzehnten aus der Zeit gefallen.

Was bleibt, ist die Artistik, aber die braucht keine drei Manegen: Sie findet ihr Refugium im gerade in Deutschland zunehmend boomenden Varieté. Auch von der "großartigsten Show der Welt" wird wohl einiges bleiben: Feld Entertainment ist Betreiber zahlreicher weiterer Showbetriebe.

Auch die eigene Aufzuchtstation für Zirkuselefanten in Florida soll weiter betrieben werden: Sie wurde 1995 zum "Center for Elephant Conservation " (CEC) erklärt und hat sich inzwischen komplett der Aufgabe der Erforschung und Arterhaltung der Tiere verschrieben. Unumstritten ist auch das CEC nicht, weil nicht alle Tiere der rund 70 Köpfe zählenden Herde im Freiland gehalten werden. Die Aufzuchtfarm gilt aber als renommiertes und wichtiges Projekt und kooperiert mit zahlreichen Zoos, Naturschutzorganisationen sowie Genforschern, die nach Krebstherapien forschen.

So werden wohl ausgerechnet die Elefanten, die Ringling einst groß und am Ende klein machten, das Letzte sein, was von Ringling Bros. and Barnum & Bailey bleibt, diesem berühmtesten aller amerikanischen Zirkusunternehmen. Noch in der Nacht zum Sonntag machte Juliette Feld, Tochter des Firmenchefs und eine der Leiterinnen des Konzerns klar, dass Feld Entertainment  das CEC auch weiterhin finanzieren werde. Für die verbliebenen anderen Tiere des Zirkus, darunter Dromedare, Tiger und zahlreiche Pferde, werde man angemessene neue Heimstätten suchen.

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