"Ritas" Folgen Erneut Kritik am Krisenmanagement

Noch ist das gesamte Ausmaß der Schäden nicht klar, aber sicher scheint: "Rita" wird bei weitem nicht so schlimme Verheerungen anrichten wie Hurrikan "Katrina". Erneut werden Stimmen laut, die das Krisenmanagement der Behörden kritisieren.


Sturmschäden in Port Arthur, Texas: "Rita" kippte den Lieferwagen auf die Seite
DPA

Sturmschäden in Port Arthur, Texas: "Rita" kippte den Lieferwagen auf die Seite

Houston - Der texanische Ort Lake Charles ist offenbar stärker von den Folgen von Hurrikan "Rita" betroffen als die meisten anderen Regionen. Der Bürgermeister verhängte jetzt, zusätzlich zum verpflichtenden Evakuierungsgebot, eine Ausgangssperre. Fernsehbilder zeigen dramatische Überflutungen in dem Gebiet. Die vielerorts immer noch hohen Windgeschwindigkeiten und vor allem der extrem starke Regen sorgen weiter für eine angespannte Lage.

Andere Orte, in denen die Sorge vor dem Sturm groß war, sind aber offenbar weitgehend glimpflich davongekommen. In Houston sind die Schäden kleiner als befürchtet, das gleiche gilt für die in Küstennähe gelegene Stadt Galveston.

Es gebe zwar Schäden an Häusern, verstreute Äste auf den Straßen sowie heruntergerissene Stromleitungen, sagte Houstons Bürgermeister Bill White. Auch könne anhaltender Regen weitere Schäden anrichten. "Aber man kann sagen, wir meistern den Sturm."

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Hurrikan "Rita": Brände und fliegendes Glas

In Houston, Pasadena und andernorts waren allerdings Brände ausgebrochen, die einige Zerstörung anrichteten und aufgrund des Windes schwer zu löschen waren. Überschwemmungen und Sachschäden wurden aus Port Arthur und Beaumont in Texas gemeldet. Im Staat Louisiana sind 700.000 Haushalte ohne Strom. Dagegen richtete der Wirbelsturm nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN keine bedeutsamen Schäden an Ölraffinerien an. Insgesamt lautet der Tenor der örtlichen Behörden: Die Schäden sind weniger groß als befürchtet, "Katrina" war viel schlimmer.

Zu viel Vorsicht kann auch schädlich sein

Todesopfer wurden bislang nicht gemeldet. Die Evakuierungen und die Mahnungen zur Vorsicht scheinen sich also ausgezahlt zu haben. Zu viel Vorsicht kann jedoch auch schädlich sein - zumindest scheint das die Wurzel der Probleme zu sein, die viele Bewohner der Region um Houston in den vergangenen 24 Stunden zu überstehen hatten. Ältere Menschen kollabierten in ihren im Stau feststeckenden Autos, viele Flüchtlingsfahrzeuge blieben mit leerem Tank liegen, Schulkinder legten auf Rücksitzen die Windeln ihrer kleineren Geschwister an, weil sie über viele Stunden hinweg im Verkehrschaos ausharren mussten.

Lake Charles: Schwimmende Casinos im Sturmchaos
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Lake Charles: Schwimmende Casinos im Sturmchaos

"Viel mehr Leute als evakuiert werden sollten wurden evakuiert", beschrieb ein Sicherheits-Koordinator aus Harris County in Texas das Problem. "Wegen Katrina", sagte er der "New York Times", "wegen der Schäden, die in Louisiana angerichtet wurden, hatten viele Leute Angst." Und an dieser Angst waren die Behörden nicht unschuldig - auch der Bürgermeister von Houston etwa, Bill White, hatte im Vorfeld der Evakuierung gesagt: "Folgen sie nicht dem Beispiel von New Orleans."

Und diese Warnung nahmen sich die Texaner zu Herzen. Statt der eingeplanten 1,25 Millionen Menschen flohen geschätzte 2,5 Millionen aus der Stadt. Was als geordnete Evakuierung geplant war, führte zu chaotischen Szenen auf den Highways, zu Staus von über 150 Kilometern Länge, leeren Tanks und dehydrierten Passagieren. Bill White selbst musste vor "Todesfallen-Highways" warnen. Viele Frustrierte kehrten um, nur um in Houston keine geeigneten Schutzräume vorzufinden - die hatte man wohlweislich nur spärlich eingerichtet, damit keine Situation wie im "Superdome" in New Orleans würde entstehen können.

"Es ist ein freies Land"

Auf die Frage eines CNN-Reporters, ob die Entscheidung, alle Spuren der Autobahnen Richtung stadtauswärts zu öffnen, nicht "ein bisschen spät" gekommen sei, sagte White, es seien einfach zu viele geflohen, die nicht evakuiert hätten werden müssen, die gar nicht in den bedrohten Regionen gelebt hätten. "Es ist ein freies Land", so die Erklärung des Bürgermeisters.

Lake Charles, Texas: "Folgen Sie nicht dem Beispiel von New Orleans"
AP

Lake Charles, Texas: "Folgen Sie nicht dem Beispiel von New Orleans"

Gleichzeitig waren die Flüchtenden nicht ausreichend auf ihre Flucht vorbereitet. Robert Eckels, ein Richter und einer der höchsten Beamten in Harris County, zu dem auch Houston gehört, sagte der "New York Times": "Der größte Fehler im Plan war die Kommunikation. Die Leute haben nicht verstanden, was passieren würde. Dass sie vielleicht 20 Stunden auf der Straße sein würden." Die Menschen hätten nicht genug Benzin dabeigehabt. "Wir waren einfach nicht gut genug dabei, den Leuten zu erklären, dass es 20 Stunden dauern könnte, wenn sie erst einmal losgefahren sind." Viele, die tanken wollten, bekamen aber gar keine Chance dazu - denn an vielen Zapfsäulen ging nichts mehr.

"Man hat uns Unrecht angetan"

Bürgermeister White sagte am Samstag, es sei "total inakzeptabel", dass die Benzinreserven in Texas für die aus der Stadt fliehenden Autofahrer nicht ausgereicht hätten.

Die "Washington Post" zitiert einen Flüchtling, der im Verkehrschaos verzweifelte und umkehrte, um sich in einer überfüllten Sporthalle wiederzufinden - und die galt keineswegs als überflutungssicher. "Das war wie das Ende der Welt", sagte er dem Blatt, "wissen Sie, wie weit Sie das bringt? Es bringt Sie dazu, dass Sie heimgehen und sterben wollen. Die Regierung hat uns Unrecht angetan."

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Angst vor "Rita": Staus, Chaos, Hamsterkäufe

Die US-Regierung und das Militär bemühen sich unterdessen darum zu betonen, sie hätten alles unter Kontrolle. Charles Rodriguez von der Nationalgarde sagte in CNN, man habe Truppen in der Region, die perfekt ausgerüstet seien, 2000 Mann stünden bereit, um nachzurücken, wenn das nötig werden solle. General Robert Clarke, zuständig für die Koordination der "Rita"-Operation, sagte dem Sender, auf die Frage, ob wieder Kommunikationsprobleme wie bei "Katrina" zu erwarten seien: "Wir werden dieses Problem nicht wieder haben."

Präsident George W. Bush bat die Geflüchteten, noch nicht wieder nach Hause zurückzukehren, bevor die Situation im betroffenen Gebiet nicht endgültig geklärt sei. Von einer Militärbasis in Colorado aus verfolgte er das Geschehen. In seiner wöchentlichen Radioansprache sagte Bush: "Die vergangenen drei Wochen haben unsere Nation geprüft und die Stärke und Widerstandskraft unseres Volkes geprüft." Der "mutige Geist" Amerikas werde das Land durch den Sturm tragen.



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