Romantik mitten in Rauferei Ein Kuss für die Ewigkeit

Brennende Autos, plündernde Horden, knüppelnde Polizisten - und mittendrin ein Pärchen, das sich innig umschlungen küsst. Kann das die Wahrheit sein? Ein Foto von der außergewöhnlichen Szene im kanadischen Vancouver sorgt im Internet für Furore und Skepsis. Nun wurde die Wahrheit aufgedeckt.

Rich Lam/ Getty Images/ AFP

Von


Das Bild ist faszinierend: Im Hintergrund sind unscharf Polizisten zu sehen, die offenbar Randalierer verfolgen. Im Vordergrund steht unscharf ein Bereitschaftspolizist, sein Schild am Arm, den Knüppel zum Schlag bereit erhoben. Und genau dazwischen liegt, genau im Brennpunkt der Linsen, ein junges Paar und küsst sich. Küsst sich, als hätten die beiden vollkommen vergessen, was um sie herum passiert, dass sie sich mitten in einem gewalttätigen Chaos befinden.

So jedenfalls scheint es.

Die Szene ist perfekt, und sie soll sich während der Ausschreitungen im Anschluss an das NHL-Finale am Donnerstag im kanadischen Vancouver ereignet haben. Die Anhänger der heimischen Canucks hatten die Niederlage ihrer Mannschaft nicht einfach so hinnehmen wollen - und richteten in der Innenstadt ein Chaos an. Sie steckten Autos in Brand, plünderten Geschäfte und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Der freischaffende Fotograf Richard Lam war zu diesem Zeitpunkt unterwegs, um für seinen Auftraggeber Getty Images Bilder von den Krawallen zu machen. Er habe das Paar entdeckt, als die Polizei einige Randalierer verfolgte, erklärte er kanadischen Zeitungen. Dass ihm dabei ein besonderer Schnappschuss gelungen war, bemerkte er aber anfangs nicht. Erst als ein Kollege das Bild mit den Worten "schönes Foto" kommentierte, sei ihm klar geworden, wie einzigartig es ist.

Romantik oder Unterwerfung?

Als das Bild wenig später von der Agentur Getty Images verbreitet wurde, sorgte es nicht nur für enorm viel Aufsehen, es meldeten sich naturgemäß auch sofort die Zweifler zu Wort. Via Twitter erklärte etwa Autor Eric Adelson, das Foto könne auch etwas Böses darstellen: "Woher wissen wir, dass das Mädchen bei Bewusstsein und willig ist?" Ein anderer Twitter-User sprach aus, was viele dachten: " Das Foto ist krass, aber es ist gestellt."

Tatsächlich zeigt ein anderes Bild der Szene, vom Dach eines angrenzenden Hauses aufgenommen, das Paar umringt von jungen Männern. Damit wurde die nächste Runde Spekulationen ausgelöst. Was war da passiert? Hatten die Männer die chaotische Situation ausgenutzt, das Mädchen zu Boden geworfen und bedrängt? War, was auf dem ersten Bild wie eine romantische Begegnung wirkte, eigentlich ein brutaler Akt der Unterwerfung?

"Das ist unser Junge"

Glücklicherweise erwiesen sich solche Befürchtungen als unbegründet. Tatsächlich handelten die beiden einvernehmlich. Und doch war es ganz anders, als bis dahin angenommen wurde. Die Auflösung brachte die australische Nachrichtenseite Nine News. Dort hatten sich am Freitag die Schwester und Mutter des jungen Mannes auf dem Foto gemeldet und erklärt: Der Küssende ist der 29 Jahre alte Australier Scott Jones. Der sei vor einem halben Jahr nach Vancouver umgezogen und seit kurzem mit der Kanadierin Alex Thomas liiert, dem Mädchen auf dem Foto.

"Sowas macht er. Das ist unser Junge", sagte Megan Jones, die Mutter von Scott, Nine News. Dass es tatsächlich ihr Sohn sei, habe sie an seiner Kleidung erkannt, weil der "nicht viel zum Anziehen dabei hat und immer dieselben Sachen trägt". Außerdem lebe ihr Sohn in einer eigenen Welt, vergesse leicht, was um ihn herum vor sich gehe, erklärte die Mutter die eigentümliche Kuss-Situation.

Ganz so harmlos, wie es die Mutter darstellt, kam es aber offenbar doch nicht zu dem Kuss. Und ganz so romantisch und weltfremd war er auch nicht.

Ein schönes Souvenir

Die wahre Geschichte will ein Augenzeuge kennen, der sich der "Vancouver Sun" gegenüber nur als William ausgab. Er habe von einem nahe gelegenen Parkhausdach aus beobachtet, wie die Polizisten in geschlossener Linie gegen die Menschenmenge vorgingen, möglicherweise um Randalierer zu verhaften. Das Paar habe versucht zusammenzubleiben, habe den Polizisten aber nicht ausweichen können und sei überrannt worden.

Weil sie dabei schwer gestürzt sei, habe das Mädchen vor Schmerz geweint. Während sich die Polizisten nicht weiter um die Verletzte gekümmert hätten, hätten Umstehende sich zumindest erkundigt, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Was dann geschehen ist, erklärte Scotts Vater, ganz Internet-affin, per Facebook: "Er legte sich zu ihr, um es ihr bequem zu machen. Sie weinte, und er küsste sie einfach, um sie zu beruhigen."

So einfach kann das also offenbar sein. Nicht ganz so weltfern wie ursprünglich gedacht, aber doch romantisch. Scott Jones kündigte seiner Mutter jedenfalls schon an, er werde "ein schönes Souvenir aus Kanada" mitbringen: Alex Thomas, die er so öffentlichkeitswirksam geküsst hat.

Mehr zum Thema


insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
CHANGE-WECHSEL 18.06.2011
1. Souvenir = Mensch?
---Zitat--- "ein schönes Souvenir aus Kanada" http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,769178,00.html ---Zitatende--- Alpha-Männchen auf Beutezug!
Neinsowas 18.06.2011
2. die Australier....
....werden mir immer sympatischer!
Baracke Osama, 18.06.2011
3. --
Zitat von Neinsowas....werden mir immer sympatischer!
Falsch abgebogen. Hier geht es um Kanadier.
Maronno 18.06.2011
4. So sind Männer
Zitat von Neinsowas....werden mir immer sympatischer!
So sind Männer. Edel und hilfreich. Aber auch typisch: die feministische Meute wittert sofort Missbrauch. Ein Glück, dass er nicht gleich angezeigt und verhaftet wurde.
dilletantes 18.06.2011
5. *
Zitat von Baracke OsamaFalsch abgebogen. Hier geht es um Kanadier.
Der Küsser ist Australier...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.