Royale Hochzeit "Eine Liebesgeschichte im Schatten von Diana"

Er ist Royals-Experte, Historiker am Queen Mary College der University of London und Abgeordneter der Labour-Partei: Im Interview spricht Tristram Hunt, 36, über prunkvolle Feste in Zeiten der Wirtschaftskrise und erklärt, warum Prinz Charles Grenzen überschritten hat.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Hunt, Prinz William und Kate Middleton heiraten wie Prinz Charles und Lady Diana 1981 inmitten einer Wirtschaftskrise. Wie prunkvoll darf das Fest sein, während alle anderen sparen müssen?

Hunt: Diesmal ist die Balance schwieriger. Damals hatten die Leute vielleicht noch mehr Spaß an der Monarchie, und es gab nicht dieses Dauerfeuer aus den Medien. Jetzt muss der Palast geschickter vorgehen, aber ich habe keine Zweifel, dass ihm das gelingt. Natürlich wird die Hochzeit wunderbar werden. Eine gewöhnliche kommt nicht in Frage.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Windsors der Partyservice für die Nation?

Hunt: Sie sind viel mehr als das. Diese Familienfeste - Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen - sind Schlüsselmomente, in denen sich die Monarchie definiert. Und durch das Prisma der Monarchie definiert sich gleichzeitig die Nation. Ob wir das wollen oder nicht: Monarchie und Britishness gehen Hand in Hand, jetzt noch mehr als noch vor wenigen Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Die Feier erneuert also das Verhältnis zwischen Volk und Monarchie?

Hunt: Das Fest muss belegen, dass die Monarchie auch modern ist. Es muss zeigen, wie nützlich die Monarchie ist für die Nation. Denn vergessen Sie nicht - unsere Monarchie steuert ja auf eine geriatrische Krise zu. Am besten funktioniert sie als Institution, wenn die Throninhaber mit 40 oder 50 Jahren sterben. Aber jetzt und wohl auch künftig leben diese Leute 80, 90, 100 Jahre. Thronfolger sind Mitte 60 bei ihrer Krönung. Das löst nicht so viel Begeisterung aus.

SPIEGEL ONLINE: William und Kate sollen also Schwung bringen in ein altes Haus?

Hunt: Das ist ihre Aufgabe. Sie sind das junge Element, sie sind interessant, aufregend, die Leute mögen ihn, sie mögen sie, es gibt ein langes Wochenende, das kann kaum schiefgehen. Nach historischen Standards für königliche Hochzeiten sind die beiden übrigens gar nicht mehr jung. Aber ihre Trauung reflektiert die geänderten Heiratsgewohnheiten der Gesellschaft insgesamt.

SPIEGEL ONLINE: Warum bringt die Welt dem Ereignis so viel Interesse entgegen?

Hunt: Es ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei attraktiven Menschen, außerdem ragt natürlich der Schatten von Diana mit hinein und die gute alte Tradition deutscher Märchen. Und alles, was diese königliche Familie macht, ist größer und eindrucksvoller als das, was ihre Verwandten auf dem Kontinent tun. Wenn ein holländischer Prinz heiratet oder ein Norweger, dann ist das nicht dasselbe. Dies ist keine Fahrrad-Monarchie. Das ist Teil ihres Problems, aber auch Teil ihres Erfolgs.

SPIEGEL ONLINE: Darf sich Großbritannien glücklich schätzen, dass es noch eine so altmodische Staatsform hat?

Hunt: Wir zahlen dafür eindeutig einen Preis. Wir haben ein zementiertes und ungesundes Klassensystem und ganze Schichten, denen überkommene Privilegien zuteil werden. Wenn wir es neu machen würden, dann würden wir ganz sicher keine Monarchie errichten. Aber wir leben nun einmal mit ihr, sie ist auf das Engste verwoben mit Staat, Gesellschaft, Religion, Verfassung. Wenn wir sie aufgeben müssten, hätte der Gesetzgeber auf Jahre nichts anderes zu tun. Das will sich niemand zumuten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist die königliche Familie als britischer Markenartikel?

Hunt: Sie verleiht uns immer noch mehr "soft power", als wir ohne sie je haben könnten. Die Familie hat einen unvergleichlichen Bekanntheitsgrad in aller Welt. Das ist wichtig für die Wirtschaft insgesamt. Wegen ihr kommen Touristen her und geben Milliarden aus.

SPIEGEL ONLINE: Was macht den Zauber aus?

Hunt: Jeder hat Familie, jeder versteht das. Und dies ist eine Familie, die exponiert und zurückgezogen in höchsten Höhen lebt. Die Monarchie ist sowohl handfest als auch mysteriös, das macht sie so unvergleichlich interessant.

SPIEGEL ONLINE: Wenn darüber abgestimmt würde, dann würde das Volk William auf den Thron wählen und nicht Charles.

Hunt: Ja, aber so funktioniert Monarchie nun einmal nicht. William muss sich darauf einstellen, noch 20, 30 Jahre zu warten. Die Frage ist: Was tut er währenddessen? Macht er sich das Leben schwer wie sein Vater? Er kann noch eine Weile bei den Streitkräften bleiben, aber dann muss er sich entscheiden. Bisher scheint er wenig Gefallen daran zu finden, einfach nur ein Royal zu sein. Er muss seine Rolle noch finden.

SPIEGEL ONLINE: Wird Charles ein guter König?

Hunt: Aus der Geschichte wissen wir, dass diejenigen, die ewig auf den Thron warten, sich dann damit schwerer tun als die, die ihn unverhofft besteigen. Als Prince of Wales hat er seine verfassungsgemäßen Schranken oft übertreten und zum Beispiel die gebotene politische Neutralität verletzt. Er ist zu weit gegangen. Vielleicht kann er sich ja noch ändern, aber wir wissen auch, dass es schwierig ist für Männer eines gewissen Alters, ihre Ansichten und Gewohnheiten umzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sie als Parlamentarier jemals über die Abschaffung der Monarchie entscheiden werden?

Hunt: Wenn Queen Elizabeth stirbt und es hinsichtlich Charles einen Moment der Krise gibt, dann könnte das in der Tat sehr schnell gehen. Entweder schnell oder gar nicht. Weil wir keine geschriebene Verfassung haben, ist bei uns alles möglich, auch das Radikale, selbst wenn wir meist dem Konservativen zuneigen.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Parlament die Monarchie wenigstens reformieren?

Hunt: Im Augenblick gibt es hier in Westminster eine Initiative, die Thronfolge zu verändern. Eine Tochter von William und Kate könnte dann Königin werden, selbst wenn sie noch einen kleineren Bruder bekäme. Der Palast hat signalisiert, dass er keine Einwände hegt.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine Änderung der Thronfolge hätte schwierige internationale Konsequenzen.

Hunt: Ja, leider. Die Queen ist ja auch Staatsoberhaupt von Kanada, Australien, Neuseeland, Papua-Neuguinea, den Salomonen, Belize, Jamaika, Barbados, den Bahamas, Grenada, Antigua und noch ein paar Inseln. Alle Parlamente in diesen Ländern müssten dem zustimmen. Das ist aufwendig - aber machbar.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie am Freitag in der Innenstadt stehen und der Kutsche winken?

Hunt: Nein. Das wird doch viel zu voll da. Ich fahre lieber weit weg.

Das Interview führte Marco Evers
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