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Katrin Elger

Vom schwierigen Umgang mit Flüchtlingsschicksalen Taghrid und ich

Ohne es zu wollen, weckte ich falsche Hoffnungen bei einer Syrerin, die im Libanon festsitzt. Sie hatte ihren in Deutschland lebenden Enkel noch nie auf dem Arm. Ich schon.
aus DER SPIEGEL 1/2022
Redakteurin Elger und Syrerin Taghrid Karakouz (r.) im libanesischen Tripoli im Sommer 2017

Redakteurin Elger und Syrerin Taghrid Karakouz (r.) im libanesischen Tripoli im Sommer 2017

Foto: Diego Ibarra Sanchez / MeMo

Vor ein paar Wochen telefonierte ich mit einer alleinerziehenden Syrerin, die mit ihren Kindern im Libanon lebt. Am Ende weinte Taghrid. Auch die Übersetzerin und ich hatten Tränen in den Augen. Es ist ein mieses Gefühl, Hoffnungen zerschlagen zu müssen. Taghrid, 47 Jahre alt, hatte geglaubt, wir könnten ihr dabei helfen, nach Deutschland zu kommen.

Berichterstattung kann öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Problem lenken, sie ändert nicht geltende Gesetze. Ich versuche, das deutlich zu formulieren. Im Fall von Taghrid hatte ich unterschätzt, welche Hoffnungen eine Interviewanfrage bei ihr wecken würde.

Ich kenne die Witwe schon seit mehr als vier Jahren, damals porträtierte ich ihre älteste Tochter Tabarak, zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt. Deren Mann war ohne sie nach Deutschland geflohen, und ich schilderte, wie langwierig und schwer es für ihn war, seine Frau nachzuholen. Dafür hatte ich Tabarak und Taghrid im libanesischen Tripoli besucht.

Ein paar Monate nachdem mein Artikel erschienen war, erhielt Tabarak das Visum für Deutschland. Als sie ein Jahr später einen Sohn bekam, besuchte ich sie, um ihr zu gratulieren. Sie kochte syrisch für mich, die stolze Oma Taghrid war per Videochat dazugeschaltet, ich hielt den Kleinen auf dem Arm.

Dramatische Geschichten

Vor ein paar Wochen rief ich Taghrid an, weil ich mit ihr für einen Artikel über die schwierige Situation von Geflüchteten im Libanon sprechen wollte. Nur engste Angehörige wie Ehepartner oder minderjährige Kinder haben ein Recht auf Familiennachzug, Taghrid nicht. Daran kann auch ein Text im SPIEGEL nichts ändern.

Ich spreche häufig mit Geflüchteten, höre ihre dramatischen Geschichten. In Hamburg fühlt sich das für mich oft fern an, das macht es leicht, professionelle Distanz zu wahren. Aber ich habe in Tripoli selbst gesehen, wie schlecht es Taghrid und ihren Kindern dort geht. Ihre Tochter schickt ihr alles Geld, das sie in Deutschland erübrigen kann. Taghrids Enkel ist inzwischen drei Jahre alt, sie hat ihn – anders als ich – noch nie getroffen.

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