Tobias Großekemper

Was ich bei meinen Coronareportagen erlebte Verheizt auf Station IOI-C

Bevor ich Journalist wurde, war ich Krankenpfleger. Mitten in der Pandemie kehrte ich nach mehr als 20 Jahren für drei Tage zurück in den alten Beruf. Es war eine bittere Erfahrung.
SPIEGEL-Redakteur Tobias Großekemper auf einer Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Leipzig

SPIEGEL-Redakteur Tobias Großekemper auf einer Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Leipzig

Foto: Sven Döring / DER SPIEGEL

Mitte November, sechs Uhr morgens in einer Umkleide des Universitätskrankenhauses Leipzig. Ich schlüpfe in einen Kassak, die übliche Krankenhaus-Uniform. Und damit zurück in ein Kapitel meines Lebens, das ich für abgeschlossen gehalten hatte: Krankenpflege. Nach mehr als 20 Jahren sind alle Erinnerungen sofort wieder da. Der Krankenhausgeruch, nach Reinigungsmittel. Die Uhrzeit und die Dienstpläne. Menschliche Schicksale in Mehrbettzimmern.

Wenn ich erzähle, dass meine erste berufliche Station die Pflege war, reagieren meine Gegenüber überrascht, aber immer positiv. Als mache mich das sozial kompetenter. Ich ergriff den Beruf, weil ich dachte, ich könne damit überall auf der Welt arbeiten, und Kranken ein wenig helfen.

Mir selbst gab der Beruf zu wenig: zu wenig geregelte Arbeitszeiten, zu wenig Perspektive und auch zu wenig Geld. 1999 wurde ich Journalist. So viel zur Sozialkompetenz. Jetzt also wieder im Kassak.

Drei Tage lang sollte ich auf der Station IOI-C des Klinikums mitlaufen, eine Intensivstation für Coronapatienten. Aufschreiben, was passiert, wie es dem Pflegepersonal geht. Meine Pflegeausbildung half mir, nicht gleich umzukippen, als im dritten Zimmer, in das ich hineinschaute, ein Mensch in einem Leichensack lag. Unvorbereitet war ich auf die komplette Sinnlosigkeit des Sterbens. Die, die es hart getroffen hatte, waren in der Regel ungeimpft. Lauter Skispringer ohne Helm. Hatten die Wissenschaft geleugnet und wären jetzt, ohne sie, schon lange tot. Und ohne die Pflegerinnen und Pfleger, die sie versorgten, auch.

Vor mehr als 20 Jahren zeigten sie uns in der Ausbildung, was man alles gut machen kann, wenn man Zeit hat als Pfleger. Danach, auf den Stationen lernten wir, dass es diese Zeit eigentlich nie gibt. Seitdem ist die Situation für Pflegende nur noch schlechter geworden, zu wenig Geld, zu dünne Besetzung, jeder weiß es, seit Jahren. In Leipzig sah ich Pflegerinnen und Pfleger eigentlich immerzu rennen. Von Bett zu Bett. Aber auch gegen eine Gesellschaft, die draußen lebt, als gäbe es kein Corona. Sie rannten dort seit 20 Monaten. Ich dachte: Sie werden verheizt. Wie es ihnen geht, davon habe ich jetzt eine Idee.

Ich glaube heute, nach den Erfahrungen in der Uniklinik Leipzig, dass dieses freundliche Erstaunen, dass ich in den Jahren davor auslöste, wenn ich erwähnte, mal Pfleger gewesen zu sein, nichts mit Anerkennung sozialer Kompetenz zu tun hat. Sondern mehr mit der ehrlichen Überraschung, wie man auf diesen Beruf überhaupt noch kommen kann.

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