Zum Tod von Rüdiger Nehberg Der letzte Abenteurer

Er kämpfte im Amazonas für Menschenrechte und in Afrika gegen weibliche Genitalverstümmelung. Rüdiger Nehberg war ein Abenteurer und ein besonderer, furchtloser Mensch. Jetzt ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.
Rüdiger Nehberg (2015): Unermüdlicher Kämpfer, Menschenrechtler, Optimist

Rüdiger Nehberg (2015): Unermüdlicher Kämpfer, Menschenrechtler, Optimist

Foto: Axel Heimken/ DPA

Bei seinem Auftritt in der Hamburger St.-Nikolai-Kirche am Klosterstern in Eppendorf, November 2019, hatte Rüdiger Nehberg ein Banner dabei. Ein riesiges Stück Stoff, befestigt an zwei Holzstreben. "Weibliche Genitalverstümmelung ist mit dem Koran und der Ethik des Islam unvereinbar", stand darauf. Nehberg rollte es auf der Bühne aus, um Hunderten neugierigen Besuchern an diesem Abend zu zeigen, wie er sein Lebenswerk vollenden wollte.

Er mit dem Banner in Mekka - das war sein letzter großer Traum. Rüdiger Nehberg wollte den saudischen König treffen, mit ihm als Schirmherrn und allen muslimischen Würdenträgern der Welt ein Transparent über Mekka spannen. Dieser symbolische Akt sollte für ein Ende der weltweiten Genitalverstümmelung sorgen. In Mekka, dem heiligsten Ort der Muslime, würde man die Herzen der Gläubigen erreichen, so war sich Nehberg sicher.

Eine Schülerin kam an diesem Abend auf die Bühne, die Spenden für sein Projekt gesammelt hatte. Ein Freund, mit dem er einmal gemeinsam im Knast in Jordanien saß, grüßte aus dem Publikum. Nehberg erzählte und erzählte. Sprang auf, lachte, dann fiel ihm noch eine Anekdote ein. Hunderte Menschen hörten ihm zu. Als sie die Kirche verließen, konnte man in vielen Gesichtern Euphorie sehen, eine Begeisterung über diesen nahbaren 84-jährigen, der vor nichts Angst zu haben schien.

In den USA stieß Nehberg auf den Trend, der sein Leben bestimmen sollte

Im Jahr 2000 hat Nehberg zusammen mit seiner Frau Annette Nehberg-Weber den Verein Target gegründet, mit dem die beiden Aufklärungsarbeit leisteten und in Äthiopien eine Geburtshilfeklinik betreiben. Unermüdlich reiste er für sein Thema durch Deutschland, die Schweiz und Österreich, schrieb Bücher, gab Interviews. Seine Fangemeinde war riesig. Nehberg konnte Manager ebenso für sich interessieren wie Schülerinnen und Schüler. Oder die Journalisten des SPIEGEL, wo er vor einigen Jahren eine erfrischende Blattkritik gab, bei der er des Öfteren gestikulierend vom Stuhl aufsprang und die Runde zum Lachen brachte.

Nehberg im Jahr 2003: "Ohne den Luxus der Zivilisation klarkommen, wie jedes frei lebende Tier"

Nehberg im Jahr 2003: "Ohne den Luxus der Zivilisation klarkommen, wie jedes frei lebende Tier"

Foto: Kay Nietfeld/ picture-alliance/ dpa

Besuch in seiner Mühle in Rausdorf, in der Nähe von Hamburg, Dezember 2019: Rüdiger Nehberg empfängt mit einem Strahlen und festem Händedruck. An den Wänden hängen Mitbringsel aus aller Welt: Pfeile und Bögen, Dolche, ein Schrumpfkopf, Federschmuck – und ein Bild von Mekka. Der Blick von seinem Wohnzimmer führte auf einen See, in dem er schwamm und tauchte, um sich für seine Reisen fit zu halten. Auf dem Tisch Kaffee und Berge von Kuchen. Ein Gespräch mit Rüdiger Nehberg, Jahrgang 1935, konnte Stunden dauern, der Mann hatte einfach extrem viel zu erzählen.

Nehberg kam aus einer bürgerlichen Familie, geboren wurde er in Bielefeld. Er machte eine Lehre zum Konditor, für die er dann aber doch zu rastlos war. Mit 17 fuhr er mit dem Fahrrad heimlich nach Marokko, um Schlangenbeschwörung zu lernen. Das sollte ihm helfen, Geld zu verdienen und sich schneller als Konditor selbstständig zu machen. Ende der Sechzigerjahre stieß er in den USA auf das Thema Survival. Als einer der Ersten brachte er die Praktiken mit nach Deutschland.

Einmal ließ er sich von einer Riesenschlange würgen - zur Probe

Nehberg hackte Löcher ins Eis und tauchte von Loch zu Loch, er fing Wildschweine mit der Hand oder ließ sich zur Probe von einer Riesenschlange würgen. Erzählte er von diesen Jahren, spürte man, wie sehr ihn die Wildheit solcher Abenteuer energetisierte. "Ich wollte mir beweisen, dass ich auch ohne den Luxus der Zivilisation klarkomme, wie jedes frei lebende Tier", erzählte er im vergangenen Dezember in der Mühle. Seine Frau Annette Nehberg-Weber, gelernte Arzthelferin, nannte ihn während dieses Gespräches immer wieder liebevoll "Sir Vival."

Rüdiger Nehberg (2015): Am 1. April starb der Mann, der als "Sir Vival" bekannt wurde

Rüdiger Nehberg (2015): Am 1. April starb der Mann, der als "Sir Vival" bekannt wurde

Foto: Axel Heimken/ dpa

Um sich auf die Qualen der Reisen vorzubereiten, lief Nehberg unter anderem ohne Gepäck, Essen oder Geld 1000 Kilometer durch Deutschland, von Hamburg nach Oberstdorf.

In den Achtzigerjahren reiste er durch Brasilien und stieß auf die Yanomami-Indianer, das größte noch ursprünglich lebende indigene Volk. Sie rückten für Jahrzehnte ins Zentrum seines Engagements. Die erste Begegnung absolvierte er nahezu unbekleidet, dafür mit einer Mundharmonika. Das sollte den Ureinwohnern signalisieren, dass er in Frieden komme. Um sie positiv zu stimmen, habe er alle Viertelstunde eine Melodie gespielt.

Nehberg hat dreimal den Atlantik überquert - per Tretboot, Floß und mit einem massiven Baumstamm -, auch um auf das Schicksal der Yanomami aufmerksam zu machen.

Nehberg und seine Frau Annette in einer Moschee in Hamburg-St. Georg vor einem Vortrag gegen weibliche Genitalverstümmelung

Nehberg und seine Frau Annette in einer Moschee in Hamburg-St. Georg vor einem Vortrag gegen weibliche Genitalverstümmelung

Foto: Bodo Marks/ picture alliance / dpa

Als er 1977 die Danakilwüste in Äthiopien durchquerte, erfuhr er von der dort üblichen Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen. Erst Jahre später, aber dafür umso intensiver, widmete er einen Großteil seines Lebens dem Kampf gegen diese Praxis. Mit seinem Verein Target organisierte er im Jahr 2006 eine Konferenz hochrangiger islamischer Gelehrter in Kairo, die die Genitalverstümmelung in Form einer Fatwa als nach islamischem Recht verboten erklärte. Für Nehberg und seine Frau war das ein zentraler Erfolg. Der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung war das Thema, über das Nehberg am entschiedensten sprach.

Immer unter Strom, den Koffer gepackt

Die Zeit laufe ihm davon, hatte er beim Besuch in seiner Rausdorfer Mühle gesagt. Sein Koffer sei gepackt. Die Fotos von den grausamen Verbrechen, die er dem saudischen König zeigen wollte, lägen bereit. "Ich stehe unter Strom", sagte er. Beim Abschied draußen vor dem Haus, zeigte Nehberg die Kletterstollen, die er einst zum Training an der Hauswand angebracht hat. Er lachte. Rüdiger Nehberg schien immer im Einsatz zu sein, ein unermüdlicher Kämpfer, ein Menschenrechtler, ein Optimist.

Am 1. April ist der Abenteurer mit 84 Jahren gestorben. "Rüdiger Nehberg ist tot. Wir trauern", steht in großen Buchstaben auf der Website seines Vereins . Am 6. April erscheint Nehbergs neues Buch. Der Titel heißt: "Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen".

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