Russische Pressestimmen "Ein für das Regierungsimage tödliches Dokument"


"Sewodnja"

"Mehr als ein Fehler" titelt die Print-Ausgabe von "Sewodnja" und veröffentlicht eine Liste der größten offiziellen Lügen in Bezug auf den Untergang der "Kursk".

1. Lüge: Nach dem Unglück gibt es eine ständige Verbindung zur Kursk, Elektrizität und Sauerstoff sind vorhanden.
2. Lüge: Die Rettungsaktion begann schon in den ersten Minuten nach der Katastrophe.
3. Lüge: Ausländische Hilfe zur Rettung der Besatzung ist nicht vonnöten - Russland verfügt über ausreichende eigene Mittel und Kräfte.
4. Lüge: Die Öffnung des Notausstieges im neunten Abschnitt des Bootes durch Taucher ist nicht möglich.
5. Lüge: Die Besatzung gab keine Klopfzeichen aus dem Heck der "Kursk". Das mechanische Klopfen kam aus dem daneben liegenden Teil und wurde von den Rettern falsch interpretiert.
6. Lüge: Die gesamte Mannschaft der "Kursk" kam schon in den ersten Minuten nach dem Unglück ums Leben.
7. Lüge: Die Besatzung der "Kursk" war ohne jede Chance auf Rettung.


"Kommersant":

Der "Kommersant" veröffentlichte ein Interview mit der Witwe des Kapitän-Leutnants Kolesnikow, Olga Borisowna Kolesnikowa. Zwar hatten Vertreter des Flottenkommandos verkündet, dass auf Grund seines privaten Inhalts nicht der gesamte Text der bei Kolesnikow gefundenen Nachricht veröffentlicht worden sei. Frau Kolesnikowa jedoch hatte zum Zeitpunkt des Gespräches noch keine Kenntnis über den gesamten Wortlaut. Auf die Frage, ob man den Inhalt mutwillig zurückhalte, weil er den wahren Grund des Unglücks offenbaren könnte, sagte Frau Kolesnikowa: "Ich weiß, dass dieser Brief an mich gerichtet ist, er (der Ehemann, Anm. d. Red.) verabschiedet sich von mir. Alles, was das Boot betrifft, kann meines Erachtens nach veröffentlicht werden." Ihr Mann, so Olga Borisowna, sei ein gewissenhafter und selbstloser Mensch gewesen, der in schweren Stunden wusste, was zu tun sei. Kolesnikow und seine Kameraden hätten ihren Beruf sehr gemocht und von ihrem Boot geschwärmt, "wie von einer Geliebten".

"Krasnaja Zwezda":

"Wir verneigen uns vor dem Mut der Taucher" schreibt die "Krasnaja Zwezda" und berichtet von dem Fund der vier Leichen an Bord der Kursk. Auf Grund der starken psychologischen Belastung stünden die in dem U-Boot tätigen Spezialisten unter ständiger ärztlicher Kontrolle. Der Gesundheitszustand der Bergungstruppen sei jedoch zufriedenstellend. Admiral Wjatscheslaw Popow habe sich an Bord der "Admiral Schabanenko" an die Vertreter der Medien gewandt und sie gebeten, besonders bei der Berichterstattung über die Evakuierung der Leichen taktisch klug mit der heiklen Situation umzugehen. Wie der Kommandant der Nordflotte sagte, sollte der Tod auf Fernsehbildschirmen und Zeitungsseiten keinen Platz haben: "Lassen Sie uns menschlich bleiben."

"Sewodnja" online:

Nach Angaben von "Sewodnja" sind die Leichen der vier Seeleute auf Grund des schlechten Wetters nicht sofort nach Seweromorsk gebracht, sondern direkt auf der "Regalia" untersucht worden - möglicherweise in Anwesenheit der norwegischen Helfer. Unter den ehemaligen und noch im Dienst stehenden Matrosen habe das Verhalten des Admirals Kurojedow Respekt hervorgerufen: Der Oberkommandierende der Flotte hätte alle Mittel und Möglichkeiten gehabt, einer Veröffentlichung des entlarvenden Briefes Kolesnikows entgegenzuwirken. Das für das "Regierungsimage tödliche Dokument" hatte offenbart, dass mindestens 23 Seeleute das Unglück zunächst überlebt und sich im neunten Abschnitt des U-Bootes aufgehalten hatten. Vize-Premier Ilja Klebanow beeilte sich, zu bemerken, dass der Zettel lediglich einige Stunden nach dem Unfall geschrieben wurde und es "danach keine weiteren Aufzeichnungen" gegeben habe - ein impliziter Hinweis darauf, dass schon gegen Abend des 12. August niemand mehr hätte gerettet werden können. Putins gestrige Ankündigung, sein den Hinterbliebenen gegebenes Versprechen einzulösen und den heldenhaften Matrosen die verdiente Ehre zu erweisen, kommentiert "Sewodnja" mit den Worten: "Eine andere Wahl hat die Regierung ohnehin nicht. Und zu verbergen gibt es im Großen und Ganzen auch nichts mehr. Alles ist auch so klar."



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