Russland Gericht verurteilt Journalisten wegen Verleumdung

Ein russisches Gericht hat den für seine kritische Berichterstattung bekannten Journalisten Michail Beketow der Verleumdung schuldig gesprochen. Weil er einen Bürgermeister beleidigt haben soll, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt.

Archivfoto von Michail Beketow aus dem Jahr 1991
AP

Archivfoto von Michail Beketow aus dem Jahr 1991


Moskau - Michail Beketow war seit 2007 Chefredakteur der "Chimkinskaja Prawda". Im Jahr 2008 wurde er von Unbekannten überfallen und brutal zusammengeschlagen. Der Journalist verlor ein Bein und mehrere Finger und sitzt seitdem im Rollstuhl. Sein Gehirn wurde durch die Gewaltattacke so schwer geschädigt, dass er nicht mehr in der Lage ist zu sprechen.

Zusammen mit Umweltschützern kämpfte Beketow gegen den Bau einer Autobahn durch den Eichenwald von Chimki. Mit seinen Reportagen über die illegale Vermarktung der Waldgrundstücke im Speckgürtel von Moskau machte sich der Journalist Feinde. Dem Bürgermeister der ehemaligen Datschensiedlung Chimki, Wladimir Strelschenko, warf er in diesem Zusammenhang "politischen Terror" vor und beschuldigte ihn, für einen Bombenanschlag auf sein Auto im Jahr 2007 mitverantwortlich zu sein.

Das Schnellstraßen-Projekt wurde von Staatschef Dmitri Medwedew angesichts des wachsenden Protests vorläufig auf Eis gelegt. Der schwerstbehinderte Beketow musste sich trotzdem vor Gericht verantworten. Der Zeitung "Kommersant" zufolge wurde er am Mittwoch im Krankenwagen zu der Verhandlung gefahren und von Ärzten in den Gerichtssaal begleitet. Wegen Falschdarstellungen wurde der Journalist zu einer Geldstrafe in Höhe von 5000 Rubel (knapp 120 Euro) verurteilt, wie die Nachrichtenagentur Itar-Tass berichtete. Der Angeklagte müsse die Summe aber wegen Ablaufs der Verjährungsfrist nicht zahlen, hieß es. Beketows Anwalt Andrej Stolbunow kündigte Berufung an.

In der vergangenen Woche wurden in Russland mehrere Journalisten tätlich angegriffen. Vor einer Woche verprügelten Unbekannte den Chef der Oppositionspartei Gerechte Sache in Chimki, Konstantin Fetissow, mit Baseball-Schlägern und verletzten ihn schwer. Ein Reporter der auflagenstarken Zeitung "Kommersant", Oleg Kischin, wurde von zwei Unbekannten vor seiner Wohnung fast tot geprügelt. Aufnahmen einer Überwachungskamera, die den Überfall dokumentieren, kursieren seit Tagen auf den russischen Websites. Darauf ist zu sehen, wie ein Angreifer mechanisch und gezielt mehr als 40-mal auf sein Opfer einschlägt und sich zwischendurch die Zeit nimmt, eine zweite Tatwaffe zu holen. Sein Komplize hält den auf dem Boden Liegenden fest und tritt ihm zum Schluss noch in die Seite.

Am Montagmorgen wurde ein Reporter der Regionalzeitung "Schukowskie Westi", Anatoli Adamtschuk, zusammengeschlagen. Er hatte ebenso wie Beketow kritisch über geplante Straßenbauprojekte in der Region Moskau berichtet.

Der Straßenbausektor gilt als einer der korruptesten Wirtschaftsbereiche Russlands, wo immer wieder Regierungskritiker Opfer von Angriffen werden. Beketows erster Anwalt Stanislaw Markelow wurde im Januar 2009 im Zentrum von Moskau getötet.

ala/dapd/AFP



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