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Moskau: Gefahr in der Luft

Foto: LEV MASLOV/ AFP

Russlands Jahrtausendhitze Moskaus Stadtväter versagen in der Krise

Im smogvernebelten Moskau geht die Angst um. Infolge der Hitze und des giftigen Rauchs erkranken und sterben immer mehr Menschen. Doch die Behörden geben sich angesichts der dramatischen Lage ganz gelassen. Auch die radioaktive Gefahr werde von Russland verharmlost, warnt Greenpeace.

Moskau - Der giftige Rauch kriecht seit Tagen durch jeden Spalt, jede Fensterritze in Moskau. Er schwebt in U-Bahn-Schächte, vernebelt Parks und Spielplätze. Auf den Straßen tragen Passanten nicht mehr nur Mundschutz, sondern Gasmasken. Die Leichenhallen der Stadt sind voll.

Hunderttausende haben die russische Hauptstadt bereits Hals über Kopf verlassen, andere campieren in Hotels oder schlafen in ihren klimatisierten Büros auf dem Boden, um sich vor dem gefährlichen Smog und der unerträglichen Hitze zu schützen.

Moskau, das kann man ohne Übertreibung sagen, befindet sich durch die Wald- und Torfbrände vor seinen Toren im Ausnahmezustand. Nur die städtische Obrigkeit nimmt die dramatische Situation erstaunlich gelassen.

Die Probleme lägen nicht in der Stadt, sondern im Umland. Mit diesem Argument hatte der Pressesprecher des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow begründet, warum dieser es tagelang nicht für nötig hielt, seinen Urlaub abzubrechen. Am Montag schickte der Stadtvater seinen Stellvertreter Wladimir Resin vor die Presse - mit demselben Statement.

In Moskau brenne es doch nicht, sagte Resin. Die Lage in der Hauptstadt sei unter Kontrolle. "Wir sind dabei, die Situation zu regeln, und wir werden das regeln", beschwichtigte der Beamte. Bisher, so kritisieren russische Medien, bestehe das vermeintliche Krisenmanagement vor allem in einer Verharmlosungs- und Verzögerungstaktik.

Erst am Montag räumte der Chef des Moskauer Gesundheitsamtes ein, dass sich die Sterblichkeitsrate in Moskau seit Beginn der Giftwolke fast verdoppelt hat. Zurzeit sterben täglich 700 Menschen in der Zehn-Millionen-Metropole, normalerweise sind es während der Sommermonate rund 360 bis 380 Tote.

Ärzte hatten sich anonym über die katastrophale Situation beklagt und gesagt, dass sie angehalten wurden, ihre Diagnosen geheim zu halten und nicht mit der Presse zu kommunizieren.

Selbst gesunde Menschen gefährdet

Ungeschickterweise hatte die Pressesprecherin der Moskauer Gesundheitsbehörde, Tatjana Popowa, bereits am Freitag selbst angedeutet, dass es zahlreiche Hitzetote gebe. "Ich möchte keine Zahlen nennen, um die Nervosität nicht zu erhöhen", sagte Popowa. Die Sterbestatistiken für den Monat Juli seien frühestens Ende August einsehbar. Nun ist die Statistik offenbar überraschend früh fertig geworden.

Auch 700 Tote, so versicherte der Chef des Gesundheitsamtes, seien aber angesichts der anhaltenden Hitze "völlig normal". Von 1500 Plätzen in den Moskauer Leichenhallen sind derzeit 1300 belegt. Wenn die Bestatter normal weiterarbeiten, beschwichtigt die Stadt, werde es "keinen Stau" geben.

Bloß keine Panik, das Leben geht ganz normal weiter. So scheint die von der Stadtverwaltung ausgegebene Losung zu lauten. Auf allen Baustellen in Moskau werde weitergearbeitet wie bisher, verkündete der stellvertretende Bürgermeister Resin entsprechend stolz. "Die Leute arbeiten, und keiner beklagt sich", sagte er.

Ärzte warnen jedoch schon seit Beginn der Krise, dass die Luftverschmutzung mit dem zwischenzeitlich sechsfach überschrittenen Kohlenmonoxidwert selbst gesunden Menschen gefährlich werden kann. Körperliche Anstrengung im Freien solle um jeden Preis vermieden werden.

In Moskau sieht man dieser Tage sogar Kleinkinder im dichtesten Smog spielen. Kinderärzte forderten nun gegenüber der Kreml-kritischen Internetzeitung Gaseta.ru, dass man Babys und Kleinkinder unter einem Jahr dringend aus der Stadt bringen oder wenigstens in entsprechend klimatisierten Räumen beobachten müsse. Ihre noch in der Entwicklung befindlichen Lungen und Atemwege können durch die giftigen Gase und die extrem hohe Feinstaubbelastung dauerhaft geschädigt werden.

Der Vorsitzende der russischen Gesellschaft für evidenzbasierte Medizin, Wassilij Wlassow, kritisierte die bisherigen Ratschläge des obersten russischen Amtsarztes, Gennadi Onischtschenko, als "vollkommen unsinnig".

Hitze soll noch zehn Tage andauern

Dieser hatte den Moskauern unter anderem empfohlen, Mundschutz zu tragen und in ihren Wohnungen mehrmals täglich feucht zu wischen. Gegen die giftigen Gase könne man damit nichts ausrichten, klagte Wlassow.

Viel zu spät erst habe die Stadtverwaltung sinnvolle Maßnahmen ergriffen, also beispielsweise die städtische Industrie aufgefordert, ihren Schadstoffausstoß um 40 Prozent zu reduzieren, und die Moskauer gebeten, auf das Autofahren zu verzichten. Ebenfalls ziemlich spät, am Sonntag, hatte die Stadt auch 123 sogenannte Smog-Erholungsräume eingerichtet.

Allerdings wurde diese Information so schlecht kommuniziert, dass viele Menschen bis heute nicht wissen, wo sich die klimatisierten Räume befinden, in denen man vor dem Smog geschützt ist. Stattdessen laufen auf den Rolltreppen der U-Bahn Durchsagen, die zur Vorsicht mit offenem Feuer im Wald aufrufen.

Wenn die Moskauer Glück haben, dreht am Mittwoch wie prognostiziert der Wind, und der Smog wird sich etwas aus der russischen Hauptstadt zurückziehen.

Die Hitze, die durch ein außergewöhnlich langanhaltendes Hochdruckgebiet bereits seit Anfang Juli auf Zentralrussland lastet, soll allerdings noch mindestens zehn Tage andauern.

Greenpeace: Radioaktive Gefahr viel höher als von den Behörden eingeräumt

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO ist alarmiert und nahm mittlerweile Kontakt zu russischen Behörden auf. In vielen Regionen liege die Konzentration an schädlichen Gasen wie Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid und Schwefeldioxid mittlerweile weit über den zulässigen Grenzwerten, heißt es aus dem WHO-Regionalbüro in Kopenhagen.

Tschernobyl 1986

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hält auch die radioaktive Gefahr in Russland für viel höher als von den Behörden eingeräumt. Auf Satellitenfotos seien 20 Brände in radioaktiv verseuchten Gebieten zu sehen, wie das russische Greenpeace-Büro in Moskau mitteilte. Davon seien allein drei Feuer in dem besonders stark betroffenen Gebiet Brjansk an der Grenze zu Weißrussland und der Ukraine registriert worden. Die Region um Brjansk war nach der Atomkatastrophe im ukrainischen verstrahlt worden.

Das Moskauer Greenpeace-Mitglied Wladimir Tschuprow warnte die Behörden davor, die radioaktive Gefahr herunterzuspielen. Zwar hatte Zivilschutzminister Sergej Schoigu anfänglich noch darauf hingewiesen, dass durch die Feuer und Löscharbeiten Boden mit radioaktiv verseuchten Partikeln aufgewirbelt werden könnte. Genaue Informationen zu dem Thema ließen die Behörden aber bisher vermissen, kritisierte Tschuprow.

Noch nie habe Russland "ein solches Chaos" angerichtet

Greenpeace-Experten haben nach eigenen Angaben Daten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sowie Satellitenaufnahmen ausgewertet. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Behörden nicht alle Brände in den betroffenen Gebieten gemeldet hätten.

Zudem sei bislang nicht untersucht, wie gefährlich das Zusammenspiel von giftigem Smog von den Wald- und Torfbränden und radioaktiver Strahlung ist.

In der gesamten Geschichte Russlands habe der Staat noch nie "ein solches Chaos" angerichtet wie mit seiner Waldpolitik und der Bekämpfung der Brände, hieß es in der Greenpeace-Mitteilung.

Mit Material von dpa
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