Sachsen-Anhalt Alle Opfer des Zugunglücks sind identifiziert

Die Ermittlungen zum Bahn-Unglück in Sachsen-Anhalt kommen voran: Alle zehn Todesopfer sind identifiziert - unter ihnen ist auch ein zwölfjähriges Mädchen. Einem Bericht des Verkehrsministeriums zufolge soll der Lokführer des Güterzugs zwei Haltesignale nicht beachtet haben.

Strecke wieder freigegeben: Ein HarzElbeExpress passiert die Unglücksstelle
dpa

Strecke wieder freigegeben: Ein HarzElbeExpress passiert die Unglücksstelle


Magdeburg - Drei Tage nach dem Zugunglück in Hordorf bei Oschersleben haben Ermittler alle zehn Todesopfer identifiziert. Es handele sich um vier Frauen und sechs Männer, teilte die Polizei am Dienstag in Magdeburg mit. Neun Opfer kommen aus dem Landkreis Harz. Hinzu kommt der 35 Jahre alte Lokführer des Personenzugs, der aus Schwerin stammt.

Das jüngste Todesopfer ist ein zwölfjähriges Mädchen, bei dem ältesten Opfer handelt es sich um einen 74-Jährigen. Zehn Verletzte werden noch im Krankenhaus behandelt. Darunter ist eine schwer verletzte Zehnjährige. Sie ist die Schwester der Zwölfjährigen, die bei dem Unglück starb. Auch die Mutter der beiden Mädchen und deren Lebensgefährte kamen ums Leben. Für die Opfer wird es am kommenden Samstag eine Trauerfeier im Dom zu Halberstadt geben.

Am späten Samstagabend waren in Hordorf bei Oschersleben auf einer eingleisigen Strecke ein Personenzug und ein Güterzug frontal zusammengeprallt. Gegen den Lokführer des verunglückten Güterzuges wurden mittlerweile schwere Vorwürfe laut: Laut eines Berichts des Bundesverkehrsministeriums übersah der Mann zwei Haltesignale.

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Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Kollision im Nebel
Der Güterzug habe die Durchfahrt des HarzElbeExpress (HEX) abwarten sollen, heißt es in dem Bericht. Er "passierte aber sowohl das Einfahrvorsignal in der Stellung 'Halt erwarten' sowie das anschließende 'Halt' zeigende Hauptsignal B, ohne diese zu beachten, und hat die für die Zugfahrt des HEX80876 eingestellte Weiche aufgefahren." Der Fahrdienstleiter im Stellwerk Hordorf habe nach eigener Aussage daraufhin noch über Zugbahnfunk einen Nothaltauftrag abgegeben.

Der HEX-Lokführer habe noch eine Schnellbremsung eingeleitet, heißt es weiter. Diese habe den Personenzug von rund 98 Kilometer pro Stunde auf etwa 66 Kilometer beim Zusammenstoß abgebremst. Ob und wie der Güterzug gebremst habe, müsse sich noch ergeben. Die Staatsanwaltschaft in Magdeburg zeigte sich erstaunt über den Bericht des Ministeriums. "Es befremdet uns ein wenig, dass Ergebnisse bekanntgegeben werden, die den Ermittlungsbehörden noch nicht vorliegen", sagte Behördensprecherin Silvia Niemann. Indizien deuteten aber darauf hin, "dass es so gewesen sein könnte". Gegen den Lokführer des Güterzugs wird unter anderem wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Experten erklärten, der 40-Jährige hätte nach dem ersten Einfahrvorsignal "Halt erwarten" abbremsen müssen, um vor dem 700 Meter entfernten zweiten Hauptsignal zum Stillstand zu kommen. Der Zug fuhr aber in den eingleisigen Bereich weiter und prallte dort mit dem Regionalzug zusammen.

Der Lokführer des Güterzugs, der bei dem Unfall Prellungen und einen Schock erlitt, äußerte sich bisher nicht zu dem Geschehen. "Er hat den Status des Beschuldigten. Er muss sich nicht äußern", sagte Oberstaatsanwältin Niemann. Mit einem schnellen Ende der Ermittlungen sei nicht zu rechnen, die Analyse der Fahrtenschreiber der Züge und weiterer Beweismaterialien könne Monate in Anspruch nehmen.

Die Salzgitter AG bestätigte, dass der Güterzug mit zweistündiger Verspätung unterwegs war. "Das ist ein normaler Vorgang, der mit der DB Netz abgestimmt war", sagte ein Konzernsprecher. Der 2700 Tonnen schwere Zug der Salzgitter-Tochtergesellschaft VPS war in Blankenburg mit Kalk beladen worden und sollte über Magdeburg nach Salzgitter fahren.

Am Dienstag fuhren auf der Strecke Magdeburg-Halberstadt wieder die ersten Züge des HarzElbeExpresses (HEX). Die Bahn kündigte Konsequenzen aus dem Unglück an, sie will die Sicherheitsvorkehrungen verbessern. Die Strecke war nicht mit einem sogenannten PZB-Sicherheitssystem ausgestattet, das die Züge automatisch stoppt, wenn sie ein Haltesignal überfahren. Dieses System war für die Bahnlinie Magdeburg-Halberstadt erst ab März geplant.

Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube kündigte die Ausrüstung aller eingleisigen Strecken in Deutschland mit PZB an. Zu diesem Schritt habe sich die Bahn am Montag entschieden und bereits eine Untersuchung aller kritischen Bahnstrecken in Auftrag gegeben, sagte Grube am Montagabend. Insbesondere im Osten Deutschlands gebe es noch viele eingleisige Strecken.

wit/dapd/dpa



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glchao 01.02.2011
1. Trauer
Letztendlich macht dies fassungslos. Zu lesen ist, dass nicht nur eine Fanilie ihr Leben verlor. Wenn die Ursache persönlich schuldhaftes Versagen eines einzelnen war, ist dies auch keinesfalls beruhigend. Zu prüfen, immer wieder, wie vermeidbar so etwas sein kann.
Pandora0611 01.02.2011
2. Es muß wohl immer erst etwas passieren
bevor die Bahn reagiert. - 2 Haltesignale überfahren - nicht auf den Bahnfunk reagiert - dann soll sich der Lockführer angeblich auch noch in der 2. Lock aufgehalten haben.
bigdaddy2 01.02.2011
3. Mein Beileid an die Angehörigen der Opfer!
Zitat von Pandora0611bevor die Bahn reagiert. - 2 Haltesignale überfahren - nicht auf den Bahnfunk reagiert - dann soll sich der Lockführer angeblich auch noch in der 2. Lock aufgehalten haben.
Wenn ich daran denke, wie mag wohl das 10 jährige Mädchen reagieren, wenn es am Krankenbett erfährt, dass ihre Familie bei dem Zugunglück ums Leben kam? Das geht mir sehr an die Nieren. Man kann nur schwer hoffen, das sie dieses Trauma irgendwann überwindet. Traurig,aber wahr! Das wird sich wohl nie ändern.
Navitrolla, 01.02.2011
4. Lokführer
Ich frage mich ja langsam allen ernstes, ob es nicht an der Zeit wäre Lokführer wegzurationalisieren. Was macht dann ein Lokführer eigentlich außer Butterbrot essen und regelmäßig auf einen Knopf drücken der signalisiert "Lokführer ist noch wach"? - Der Lokführer fährt los wenn der Zugchef pfeift oder mit der Kelle winkt - das könnte eine Fernbedienung genauso gut. - Die Weichen werden extern gestellt - also muss er nicht lenken. - Die Geschwindigkeiten sind für einzelne Gleisabschnitte vorgegeben - das könnte man genauso gut extern oder per GPS steuern. - Wie wir jetzt lernen ist ein PZB Sicherheitssystem schon vielerorts Standard, das den Zug bremst wenn der Lokführer es nicht tut. - Und realistisch gesehen macht es keinen großen Unterschied, ob der Lokführer auf offener Strecke jemanden auf die Gleise springen sieht, eine Notbremsung einleitet und nach 1 km mit blutverschmierten Zug stehen bleibt oder ein Kollisionssensor den Zug nach Aufprall abbremst. Und regelmäßig wird dann noch wegen "Hoch verantwortungsvollen Job - ähnlich wie der eines Piloten" gestreikt und mehr Geld Oder andere Arbeitsbedingungen verlangt. Alternativ könnte man Kameras in die Lokomotiven installieren, die Lok remote steuern und Homeoffice-Jobs daraus machen ... oder?
Scornorcs, 01.02.2011
5. Eine technische Frage
Wenn die Weiche für den HEX aus Nord-östlicher Richtung eingestellt war, wie konnte denn der Güterzug überhaupt über die Weiche fahren, bekommt man das nicht als Lokomotivführer mit? Oder drückt der Zug die (Zungen?) einfach an das Gleis?
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