Zerstörtes Gemälde im Emsland Der Teufelsausschneider

Die katholische Kirche von Salzbergen vermisst den Teufel: Irgendwer hat den als Drachen dargestellten Dämon aus einem Ölgemälde geschnitten. Der Pfarrer hofft nun, dass der Satansbraten zur Besinnung kommt.

Alfred Möller/ Scharfe Linse

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Der Heilige Cyriakus wird den Täter nicht gesehen haben. Sein Blick geht nach oben, hin zum Herrn, weg vom Teufel, der in Drachengestalt zu seinen Füßen kauert, angeleint mit einer Kette. Drei Meter hoch ist das Ölgemälde des Heiligen und etwa eineinhalb Meter breit. Es hängt in der St. Cyriakus Kirche von Salzbergen im Emsland, einer Gegend, in der laut Pfarrer Michael Langkamp der "religiöse Grundwasserspiegel recht hoch ist".

Nun ist der Drache weg, ein Teufelsausschneider war am Werk, Pfarrer und Gemeinde stehen vor einem Rätsel. Die Polizei hat den Tatzeitraum auf Samstag zwischen 10 und 17 Uhr eingegrenzt. Mehr weiß sie nicht, sie tappt also im Dunkeln, was in diesem Fall eventuell der richtige Ort sein könnte, denn wo sonst sollte man den Teufel vermuten?

Cyriakus machte sich einen Namen, als er im dritten Jahrhundert die Tochter des Kaisers Diokletian vom Dämon befreite. Deshalb der Drache in Ketten. Der Heilige wird als Patron verehrt: Er schützt den Weinbau und wirkt eigentlich auch gegen die Versuchung. Eigentlich. Nun steht er alleine da, und sein Glanz scheint verblichen, denn was ist das Gute schon wert, wenn es das Böse nicht gibt?

Solche Fragen kümmern Pfarrer Langkamp derzeit kaum, zum Sinnieren fehlt ihm schlicht die Zeit. Fernsehteams kamen, am Morgen waren Grundschüler und noch kleinere Kinder da mit Transparenten, auf denen stand: "Wir wollen unseren Drachen wieder haben". Wenn die wüssten, dass es der Teufel ist, will man sagen. Doch laut Langkamp hat ganz Salzbergen seine Liebe zu dem Bild entdeckt, jetzt, da es nicht mehr heil ist.

Neugierige Passanten kommen nun in die Kirche. Ein kaputtes Gemälde zieht die Leute an, das weiß man, seit in Borja eine Rentnerin Jesus entstellt hat und das spanische Dorf zur Pilgerstätte für Schadenfreudige wurde. Doch ein zweites Borja wird Salzbergen nicht werden: Ein nicht vorhandener Drache lässt sich auf Facebook nicht so gut verbreiten wie ein zum Monchichi umrestaurierter Jesus.

Pfarrer Langkamp wäre es ohnehin lieber, er könnte sein Gemälde wieder reparieren. Er vermisst den Teufel, einen "hohen ideellen Wert" habe das Bild für ihn und die Gemeinde. Seit den fünfziger Jahren hänge es in der Kirche, eine Künstlerin aus Meppen habe es gemalt, der Name ist Langkamp nicht mehr präsent.

Jemand habe aus einer Schnapslaune heraus zum Messer gegriffen, vermutet der 46-Jährige. Am Samstag war Kirmes, wer weiß, auf was für Ideen die Leute da kommen? "Vielleicht hängt sich jemand den Drachen im Keller über die Hausbar", phantasiert der Pfarrer. Vielleicht gebe jemand den Fetzen aber auch anonym ab, man soll den Teufel schließlich nicht gleich an die Wand malen.



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