Samia Yusuf Omar Olympia-Sportlerin auf Flüchtlingsboot verschollen

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking sorgte Samia Yusuf Omar als einzige Sportlerin Somalias für Furore. Wie erst jetzt bekannt wurde, soll die junge Sprinterin vor kurzem an Bord eines Flüchtlingsbootes Schiffbruch erlitten haben. Angeblich war sie auf dem Weg zu den Wettkämpfen in London.
Somalische Sprinterin Samia Yusuf Omar: Verschollen auf einem Flüchtlingsboot

Somalische Sprinterin Samia Yusuf Omar: Verschollen auf einem Flüchtlingsboot

Foto: Kerim Okten/ picture-alliance/ dpa

Lampedusa - Als Samia Yusuf Omar im August 2008 von den Olympischen Spielen in Peking in ihre Heimatstadt Mogadischu zurückkehrte, war alles wie immer: Die Zweizimmerwohnung, die sie sich mit sieben Familienmitgliedern teilte, die Mutter, die Früchte und Gemüse verkaufte, das Chaos und die Gefahr in einem Land, in dem seit Jahrzehnten ein blutiger Bürgerkrieg tobt.

Stolz hatte die zierliche Somalierin bei der Eröffnungsfeier die Fahne ihres Landes getragen, einen weißen Stern auf hellblauem Grund. Geradezu exotisch wirkte sie im Vorlauf über 200 Meter der Frauen, bei dem sie im legeren weißen T-Shirt weit nach den anderen Athletinnen ins Ziel ging und mit einer Zeit von 32,16 Sekunden ausschied. Der Misserfolg konnte aber ihre Freude über die Teilnahme an den Wettkämpfen nicht trüben. Auch die Zuschauer waren begeistert und feierten die Sportlerin frenetisch.

Neben der 17-Jährigen war nur ein einziger weiterer Athlet aus dem Land am Start: Der Langstreckenläufer Abdi Said Ibrahim. Das Training der Top-Athleten soll in dem von Kugeln durchsiebten, mit Pflanzen überwucherten Coni Stadion stattgefunden haben, das noch nicht einmal über eine Laufbahn verfügte. Feste Trainingszeiten gab es Berichten zufolge nicht, ebenso wenig eine adäquate Ernährung.

"Samias Drama nicht vergessen"

Wie jetzt bekannt wurde, ging die 21-Jährige vor acht Monaten in Libyen an Bord eines Fischerbootes. Auf dem Weg nach Italien soll sie zusammen mit anderen Migranten vermutlich Anfang April im Kanal von Sizilien nahe Malta Schiffbruch erlitten haben.

"Wisst ihr, welches Ende Samia Yusuf Omar gefunden hat?", fragte Omars Landsmann Abdi Bile, 1500-Meter-Weltmeister von Rom 1987, am Montag anlässlich der Feier zu den beiden Olympiasiegen des britischen Läufers Mo Farah, der in Somalia geboren wurde. "Die junge Frau ist tot, tot, weil sie in den Westen wollte." Laut dem italienischen "Corriere dello Sport" sagte Abdi Bile weiter: "Wir sind über Mos Erfolge sehr glücklich, wir dürfen Samias Drama jedoch nicht vergessen."

Demnach hatte Omar sich als 17-Jährige gegen den Widerstand muslimischer Kräfte in ihrer Heimat den Olympiastart erkämpft. "Ich renne gegen den Hass in meinem Land und um meiner Familie zu helfen", sagte sie damals.

Auch an den Olympischen Spielen in London habe Omar teilnehmen wollen, berichtete Abdi Bile. Man habe aber nicht gewusst, ob Somalia überhaupt Athleten nach London schicken würde. "Sie hatte uns daher vorgeschlagen, allein London zu erreichen. Wir haben Geld gesammelt, um ihr die Reise zu zahlen." Die Mutter der Athletin habe zu diesem Zweck sogar ein kleines Grundstück verkauft. "Samia ist voller Hoffnungen abgereist. Wir wussten, dass die Reise nach Europa gefährlich war, wir dachten jedoch nicht, dass sie das Leben verlieren würde", sagte Samias Trainer Mustafa Abdelaziz.

Der Bürgermeister von Lampedusa, der italienischen Insel, auf der seit Jahren immer mehr Migranten aus Afrika anlanden, zeigte sich bestürzt über den mutmaßlichen Tod von Omar. Der Nachrichtenagentur Adnkronos sagte Giusi Nicolini: "Die offiziellen Zahlen sprechen von 6000 Toten durch Schiffbruch - aber wir wissen nur zu gut, und das zeigt auch die Geschichte von Samia, dass es viel mehr Opfer sind."

Die italo-somalische Schriftstellerin Igiaba Scego hatte in ihrem Blog auf das traurige Schicksal der Athletin aufmerksam gemacht. Im Interview mit Radio Vaticana bezeichnete sie das Schicksal Omars als beispielhaft, weil eine ganze Generation in Somalia seit 21 Jahren unter dem Bürgerkrieg leide. "Es gibt junge Leute, die im Krieg geboren sind. Das bedeutet, dass sie weder studieren noch an ihre Zukunft oder eine Arbeit denken können." Omar sei gescheitert mit dem Versuch, sich über ihre Leistung im Sport etwas aufzubauen: "Das funktioniert nicht, vor allem, wenn du eine Frau bist."

Omar hat nie ein privilegiertes Sportlerleben geführt. Ihr Vater kam in Somalia durch Artilleriebeschuss ums Leben. Dennoch äußerte sie sich stets begeistert und enthusiastisch über ihre Teilnahme an den Sommerspielen. "Trotz all der Schwierigkeiten und all dem, was uns in unserem Land passiert ist, sind wir stolz auf unsere Leistung."

Erst am heutigen Montag wurde die geplante Präsidentschaftswahl in Somalia verschoben. Nach Ablauf des Mandats der von den Vereinten Nationen unterstützten Übergangsregierung sollte am Nachmittag erstmals das Parlament zusammenkommen und vereidigt werden. Weil aber Dutzende der von Clanchefs ernannten Abgeordneten wegen Korruption und Morddrohungen nicht ins Parlament aufgenommen wurden, musste die Wahl zunächst verschoben werden.

Mit Material der Agenturen