Mord an Lehrer in Frankreich "Mir ist klar geworden, dass man wegen Unterricht sterben kann"

Nach der Enthauptung eines Lehrers durch einen mutmaßlichen Islamisten demonstrieren landesweit Franzosen. Berufskollegen zeigen sich schockiert - und fordern die Verteidigung des laizistischen Staats.
"Ich bin Lehrerin. Ich denke an Dich, Samuel", steht auf Poster dieser Demonstrantin in Lille

"Ich bin Lehrerin. Ich denke an Dich, Samuel", steht auf Poster dieser Demonstrantin in Lille

Foto: PASCAL ROSSIGNOL / REUTERS

In zahlreichen französischen Städten haben Menschen des Geschichtslehrers Samuel Paty gedacht, der am Freitag auf offener Straße enthauptet wurde. An einer Kundgebung auf der Place de la Republique in Paris nahm unter anderem Premierminister Jean Castex teil. In Lyon, Toulouse, Strasbourg, Nantes, Marseille, Lille und Bordeaux sowie zahlreichen kleineren Städten fanden ebenfalls Gedenkveranstaltungen statt.

Demonstranten zeigten den Slogan "Je suis Samuel" (Ich bin Samuel) - in Anlehnung an das Bekenntnis "Je suis Charlie" nach dem islamistischen Mordanschlag gegen die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Jahr 2015. Ein 18-Jähriger mit tschetschenischen Wurzeln hatte Paty am Freitagabend in einem Vorort von Paris auf offener Straße mit einem Messer enthauptet. Kurz darauf wurde er von Polizisten erschossen. Paty hatte seinen Schülern im Staatsbürgerunterricht über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt. Präsident Emmanuel Macron wertete das Attentat als islamistischen Terrorakt.

Unter den Demonstranten waren auch Lehrer, die ihre Solidarität mit dem ermordeten Kollegen zum Ausdruck brachten und von eigenen Ängsten berichteten. Ihr sei "klar geworden, dass man wegen Unterricht sterben kann", zititerte "Le Monde"  die Grundschullehrerin Nathalie. Der Berufsschullehrer Mehdi sagte, man sei auf der Place de la Republique um "daran zu erinnern, dass wir ein laizistischer Staat sind und das Übel bei der Wurzel packen müssen". Lehrer würden "getötet, weil wir unsere Arbeit tun".

"Ich bin Lehrerin": Demonstrantin in Paris

"Ich bin Lehrerin": Demonstrantin in Paris

Foto: CHARLES PLATIAU / REUTERS

Premierminister Castex sagte der Zeitung "Journal du Dimanche", die Regierung arbeite an einer Strategie, um die Lehrer besser zu schützen. "Ich will, dass die Lehrer wissen, dass nach dieser gemeinen Tat das ganze Land hinter ihnen steht." Die Tragödie betreffe jeden in Frankreich, denn mit diesem Lehrer sei die Republik angegriffen worden.

Die Polizei nahm im Zusammenhang mit der Tat mittlerweile elf Personen fest, darunter vier enge Verwandte des 18-Jährigen. Eine Halbschwester des Täters schloss sich nach Angaben des für Terrorismus zuständigen Staatsanwalts Jean-Francois Ricard 2014 in Syrien dem ""Islamischen Staat" an. Es sei unklar, wo sie sich heute befindet.

Ricard zufolge wurden auf dem Telefon des Verdächtigen ein Bekenntnis zur Tat und ein Foto des Opfers gefunden. Er bestätigte zudem die Authentizität eines Twitteraccounts. Auf diesem war wenige Minuten nach der Tat ein Bild des abgetrennten Kopfes veröffentlicht worden, zusammen mit den Worten: "Ich habe einen der Höllenhunde hingerichtet, die es gewagt haben, Mohammed zu demütigen."

"Sie werden die Republik nicht enthaupten", steht auf diesem Plakat in Lille

"Sie werden die Republik nicht enthaupten", steht auf diesem Plakat in Lille

Foto: PASCAL ROSSIGNOL / REUTERS

Vertreter moderater Muslime in Frankreich verurteilten die Tat scharf. Eine Gruppe von Imamen in der Umgebung von Lyon kündigte für Sonntag ein Treffen an. Es gehe um die "entsetzliche Tötung unseres Mitbürgers durch einen Terroristen, der im Namen eines unsicheren Glaubens das Nichtwiedergutzumachende begangen hat".

Finanzminister Bruno Le Maire kündigte an, die Finanzflüsse einiger islamistischer Vereine schärfer zu kontrollieren. "Es gibt ein Problem bei der Finanzierung einer Reihe von islamistischen Vereinen, hier können und müssen wir es besser machen", sagte Le Maire dem Sender France 3 Television. Als Beispiel nannte er Kryptowährungen.

dab/Reuters/AP
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