Zerstörtes Breezy Point Vom Paradies zur Hölle

Im New Yorker Bezirk Queens hat der Sturm "Sandy" eine ganze Siedlung zerstört: Breezy Point wurde erst überschwemmt, dann fraß ein Großbrand Hunderte Häuser. Die Menschen stehen vor dem Nichts.

Aus Breezy Point, New York, berichtet


Breezy Point ist ausradiert. Straße für Straße, Haus für Haus, ausgebrannt, zerschmettert, fortgespült. Am Ende der Halbinsel finden sich nur noch verrußte Fundamente, Autowracks und Baumgerippe, die sich im knietiefen Ölwasser spiegeln. Hier und da ragen Schornsteinreste in den Himmel, höhnischen Zeigefingern gleich.

"Wie nach dem Zweiten Weltkrieg", murmelt Leona Morton. Sie bekommt nur Satzbrocken heraus. Ihre gesamte Familie ist obdachlos, "Sandy" zerstörte ihre Häuser binnen Minuten. "Mein Sohn, mein Enkel, meine Enkelin, mein Großenkel, meine Nichten, meine Neffen." Sie schüttelt den Kopf. "Alles ist weg. Grauenvoll."

Erst drei Tage, nachdem der Hurrikan "Sandy" die USA traf, offenbart sich das wahre Ausmaß des Desasters: Ganze Küstenregionen sind verwüstet, fünf Millionen Menschen sitzen weiter im Dunkeln, die Zahl der Todesopfer steigt täglich. Allein in New York kamen nach jüngsten Informationen 24 Menschen um, mehr denn je bei einer Naturkatastrophe hier.

Am schlimmsten traf es dabei Breezy Point. Fern des Chaos von Manhattan spielt sich hier eine Tragödie ab, die viele bisher übersehen haben. Keiner starb und nur drei wurden leicht verletzt, doch das Elend ist kaum geringer.

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Queens nach "Sandy": "Beten Sie für uns"
Die Siedlung im Stadtteil Queens liegt an der Spitze einer schmalen Landzunge, die ins Meer ragt: Holzhäuschen, ein kleines Shopping-Center, eine Kneipe, ein Schnapsladen, ein Beautysalon, zwei Kirchen - Idylle zwischen Dünen und Strand. Wegen der vielen Übersee-Einwanderer nennen sie es "irische Riviera".

Es ist eine einfache, doch enge Gemeinschaft: Arbeiter, Polizisten, Feuerwehrleute, jeder kennt jeden. "Seit wir Kinder waren, war das unser Paradies", sagt Morton, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen. Jetzt ist es ihre Hölle.

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Wirbelsturm "Sandy": Zerstörung aus der Luft
Denn in der Nacht, da "Sandy" kam, brach hier zugleich auch ein Großbrand aus, einer der schlimmsten in der Geschichte New Yorks. Weshalb, weiß keiner, vermutlich ein Gasleck. Angefacht vom Hurrikan breiteten sich die Flammen unaufhaltsam aus. Am Ende lagen 111 Gebäude in Schutt und Asche.

Die Feuerwehrmänner mussten hilflos zusehen, wie ihre eigenen Häuser abbrannten. Sie hatten mit einem Sturm gerechnet, aber nicht mit einem Flammenmeer. Sie kamen nicht durch die meterhohe Flut, ihr Spritzenhaus und ihre Löschwagen standen selbst unter Wasser.

"Wir konnten nichts tun", sagt Lou Satriano, der stellvertretende Feuerwehrchef, ein kräftiger, doch müder Mann mit Dreitagebart. "Ein Haus nach dem anderen brannte ab."

Nachbarn laufen durch die Endzeitlandschaft

Dennis Dier, der Sicherheitsdirektor von Breezy Point, versteckt seinen Schock hinter Zahlen. "2834 Häuser. Fast alle kaputt. 111 niedergebrannt. 85 Prozent unter Wasser." Rings um ihn herum wandern die Nachbarn durch diese Endzeitlandschaft, betäubt, benommen.

Auch das Haus des Kongressabgeordneten Robert Turner, 71, wurde dem Erdboden gleichgemacht. "Ich bin dankbar, dass meine Familie in Sicherheit ist", erklärt der Republikaner.

Und so kommen sie erst am Mittwoch langsam zurück zu retten, was zu retten ist. Eine lange Prozession schleppt sich über den Rockaway Point Boulevard, mit Leiterwagen, Rollkoffern, Einkaufskörben. Ihre Autos mussten sie kurz nach der Brücke verlassen, die vom Festland herführt, wo hinter den Bäumen die ersten Jets vom wieder geöffneten JFK-Flughafen starten.

Gut vier Kilometer ist der Fußmarsch, und mit jedem Schritt wird das Grauen offensichtlicher. Die Straßenränder stehen immer noch unter Wasser, an den nutzlosen Strommasten wehen ein paar zerfetzte Sternenbanner. Früher hing da mal an jedem Mast eine Flagge, eine Allee nationalen Stolzes. "God bless America", steht auf einem Schild. "God bless Breezy Point."

Dann kommen die ersten Trümmer: Ziegel, Äste, Eisen. Immer mehr Häuser sind weiter vom Wasser eingekesselt. Umgestürzte Bäume haben Garagen begraben. Der Sturm hat einen enormen, rund acht Meter langen Holzbalken auf einen SUV geschleudert und die Scheibe zersplittert, das tonnenschwere Stück ist auf der Motorhaube liegen geblieben, wie im Flug.

Rußgeruch in der Nase, das Grauen vor Augen

Dann: Entsetzen. Ganze Gebäude, von ihren Fundamenten gespült und aufs Nachbarhaus getrieben. Anderen hat "Sandy" die Wände fortgerissen, wie groteske Puppenstuben sehen sie nun aus, die Innereien entblößt: nasse Sofas, Blumenvasen, eine komplette Hausbar, die Cognac-Flaschen noch säuberlich aufgereiht.

Schließlich, komplette Verwüstung. Kein Haus steht mehr. Veranden, Terrassen, die grünen Dächer, alles verschwunden, zersplittert im Sturm, verschlungen von der Feuersbrunst. Eine verkokelte Madonnenstatue hebt die Hände, als wolle sie die Ruinen segnen, die sich bis zum Horizont ziehen. Dort murmelt die Brandung, harmlos nun, als sei nie etwas geschehen. Rußgeruch brennt in der Nase.

Im trüben Schlick: das Treibgut ganzer Generationen. Fotoalben, einzelne Schuhe, Lampenschirme, Tassen, Teller, ein Rosenkranz, ein Ball, ein rosa Plastikdreirad. Das Meer hat einen Spielplatz erfasst, die Rutsche steht in der Flut wie ein buntes Schiff.

Zwei schwarzgekleidete Frauen kauern vor den Trümmern, die mal ihr Haus waren. Sie weinen. Schwestern sind sie, ihre Namen wollen sie nicht nennen, doch ihren Schmerz teilen sie.

"Alles zerstört", sagt die eine. "Das Wasser hat uns unser Haus genommen." Sie zeigt irgendwohin, wo sie die Überreste vermutet. Was blieb, passt in zwei blaue Ikea-Taschen: "Bilder, mein Hochzeitsalbum, Erinnerungen an früher, alles nass, kaputt." Was man für sie tun könne? "Beten Sie für uns. Beten Sie für uns."

"Wir sind hier aufgewachsen", schluchzt die andere. "Wir haben 'Donna' überlebt. Doch wie wir das überleben sollen, ich weiß es nicht."

"Was ist nur los mit der Welt?"

"Donna" war der letzte große Hurrikan, an den sie sich hier erinnern können, 1961 war das. Dann, am 11. September 2001, verlor die Gemeinde 37 Mitglieder im Inferno von Ground Zero: Cops, Sanitäter, Feuerwehrleute. Zwei Monate später stürzte etwas weiter östlich in Belle Harbor ein startender Airbus A300 ab, 265 Menschen kamen um, davon fünf am Boden. Auch das überwanden sie. Und neulich, da ging hier tatsächlich ein Tornado nieder.

"Tornados, Hurrikane", sagt Maureen Donnellan, die sich "an einen Kriegsfilm erinnert" fühlt. "Was ist nur los mit der Welt?"

Ihr Mann Kevin schleppt herbei, was er noch aus dem Schutthaufen kramen konnte. Eine zersplitterte Lupe mit Muschelgriff, "unser Einweihungsgeschenk". Zwei Kartons mit Coors-Bier. Eine Apparatur, die sich als eine Margarita-Maschine entpuppt. "Wenigstens der Alkohol bleibt uns", sagt Donnellan und lacht plötzlich laut auf. "Und Galgenhumor."

Auch John Martin lebt seit Ewigkeiten hier und hat so etwas noch nie erlebt. "Alles zerstört, Block für Block", sagt er, während er seine Habseligkeiten in den Kofferraum eines Trucks hievt. "Doch wir werden wiederaufbauen."

Hilfe erreicht sie nur in Zeitlupe. Das Fire Department ist zwar da, die Polizei auch, sie karrt die Anwohner auf Kleinlastern herum. Das Rote Kreuz hat sich aber noch nicht blicken lassen. "Keiner hat es bisher hierher geschafft", sagt Martin. "Aber bald, bestimmt."

Stattdessen kommen die Plünderer. "Ich habe schon zwei erwischt", sagt Robert Dyer, der gerade gemeinsam mit Ehefrau Dawn seinen Keller leerpumpt - oder das, was davon übrig ist. "Sie hatten Hammer und Brecheisen im Rucksack." Sein Gesicht ist wuterrötet. "Wir sind doch New Yorker, wir tun sowas nicht! Wie kann man nur vom Elend anderer profitieren?"

Für Leona Morton ist der Wiederaufbau noch fern. Erst mal muss ihre Großfamilie sehen, wo sie nun unterkommt, Verwandte in Brooklyn, das muss erst mal reichen. Sie blickt sich um. "Ich will hier nicht fort, ich liebe diesen Ort so sehr", sagt sie und seufzt. "Auch jetzt noch."

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