Zugunglück bei Santiago de Compostela Mit Tempo 190 in die Katastrophe

Mindestens 78 Tote, mehr als 130 Verletzte: Wie konnte es zu einer der schlimmsten Zugkatastrophen in der Geschichte Spaniens kommen? Die Polizei ermittelt gegen einen der beiden Lokführer. Laut "El País" hatte einer von ihnen angegeben, der Zug sei mit Tempo 190 in die Unglückskurve gerast.


Santiago de Compostela - Es hätte das Fest des Jahres werden sollen, Tausende Menschen in Santiago de Compostela freuten sich auf die Feier zu Ehren des Heiligen Jakobus', Schutzpatron der Pilger. Doch es herrscht schon seit Stunden keine Jubelstimmung mehr. Die Stadt trauert um mindestens 78 Tote.

Am Mittwochabend um 20.42 Uhr wurden die Pläne zerstört. Vier Kilometer vor dem Bahnhof der Stadt sprang ein Schnellzug vom Typ Alvia aus den Gleisen, die Waggons wurden auseinandergerissen, schoben sich ineinander, einige krachten gegen eine Mauer, einer flog darüber hinweg. Etwa 240 Fahrgäste waren an Bord. Darunter viele Pilger, die zum Feiern nach Santiago de Compostela wollten.

Die Behörden sprechen von mindestens 130 Verletzten, 20 davon seien in einem kritische Zustand, sagte der Vertreter der spanischen Regierung in der Region Galicien, Samuel Juárez. Die Zahl der Verwundeten wird wohl noch steigen, die Suche nach Überlebenden in den Trümmern dauert an. Am Vormittag ist der erste Schock überwunden. Und die Fragen werden immer drängender: Wie konnte es so weit kommen? Zu einem der schlimmsten Bahnunglücke in der Geschichte des Landes?

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Zugunglück bei Santiago de Compostela: "Wir sind Menschen, wir sind Menschen"
Genaue Angaben zur Unglücksursache gibt es bisher nicht. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters wird gegen einen der beiden Lokführer des Unglückszugs offiziell ermittelt. Die spanische Eisenbahngesellschaft Renfe geht jedoch von einem Unfall aus.

Fest steht: Der Zug ist in einer Kurve entgleist, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit liegt dort bei 80 Kilometern pro Stunde. Doch der Unglückszug war offenbar mehr als doppelt so schnell unterwegs, wie unter anderem "El País" berichtet.

Einer der beiden Lokführer war der Zeitung zufolge nach dem Unfall in seiner Kabine eingeklemmt und hatte Funkkontakt mit dem nahe gelegenen Bahnhof. Der Zug sei mit 190 Kilometern pro Stunde in die Kurve gerast, sagte er demnach. Auch die Zeitung "El Mundo" nennt diese Geschwindigkeit und beruft sich dabei auf Ermittlerkreise.

Der Unfallort bei Santiago de Compostela: Viel zu schnell in die Kurve
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Der Unfallort bei Santiago de Compostela: Viel zu schnell in die Kurve

Zum Zeitpunkt des Gesprächs wusste der Lokführer noch nicht, welch tragische Folgen der Unfall hatte. Er habe Schmerzen im Rücken und an den Rippen, zitiert "El País" aus dem Gespräch. "Wir sind Menschen, wir sind Menschen", habe der Lokführer wiederholt gesagt. Und: "Ich hoffe, es hat keine Toten gegeben. Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren."

Ob es sich um einen technischen oder einen menschlichen Fehler handelt, soll nun ermittelt werden. Die Bahngesellschaft erhofft sich vor allem von der sogenannten Blackbox Hinweise auf die Ursache des Unglücks. Die Kurve an der Unglücksstelle ist relativ eng, Experten hatten bereits bei der Planung der Strecke darauf hingewiesen, dass die Kurve "problematisch" sei, wie die Zeitung "El Mundo" berichtet. Es ist der erste tödliche Unfall, der auf der spanischen Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn passiert.

Ministerpräsident Mariano Rajoy sagte nach seinem Besuch an der Unglücksstelle, er wolle eine dreitägige Staatstrauer anordnen. Die Region Galizien hat bereits eine siebentägige Trauer für die Opfer ausgerufen.

Die Opfer sollen nun so schnell wie möglich identifiziert werden, sagte Agustín Hernández, Mitglied der Regionalregierung von Galicien laut "El Mundo": "Die Angehörigen sollen in diesem furchtbaren Moment Klarheit haben - auch wenn diese leider schrecklich sein könnte."

aar/gam/dpa/AFP/Reuters

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