SARS-Seuche "Guangdong ist ein Modell für ganz China"

Woher das mysteriöse Virus kommt, an dem bereits mehr als einhundert Menschen weltweit gestorben sind, ist noch immer nicht bekannt. Auch ein Besuch einer Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation in der am schlimmsten betroffenen chinesischen Provinz konnte keine Klarheit bringen. Unter den WHO-Experten herrscht die Sorge, dass die Pekinger Regierung die Lage nach wie vor schönredet.

Von , Peking




U-Bahn-Passagiere in Shanghai: "Guangdong ist ein Modell für ganz China"
DPA

U-Bahn-Passagiere in Shanghai: "Guangdong ist ein Modell für ganz China"

Zum Abschluss ihres China-Aufenthalts wichen die WHO-Fachleute von ihrer in den letzten Tagen gezeigten diplomatischen Rücksichtnahme ab und widersprachen deutlich der Regierung in Peking. Es sei "zu früh zu behaupten, dass der Ausbruch unter Kontrolle ist", erklärte der Brite Meirion Evans am Mittwochabend vor Journalisten in der chinesischen Hauptstadt. Genau dies hatten hohe Funktionäre in den vergangenen Tagen immer wieder behauptet. SARS sei in China "kein ernstes Problem", erklärte zum Beispiel Außenminister Li Zhaoxing am Wochenende. Die WHO-Delegation war gestern Abend aus der bevölkerungsreichen Provinz Guangdong (Kanton) zurückgekehrt, wo sie mehrere Tage lang Krankenhäuser und Labors besichtigte und mit Patienten sprach. Guangdong gilt als Herd der neuen atypischen Lungenentzündung.

In der Region Foshan war im November vorigen Jahres der erste Fall aufgetaucht. Inzwischen erkrankten Menschen in 20 Ländern an dem Virus. Am schlimmsten betroffen ist nach wie vor Guangdongs Nachbar Hongkong. In China sind nach offiziellen Angaben bisher 1279 Menschen erkrankt, davon starben 53.

Die WHO-Fachleute, unter ihnen der deutsche Virologe Wolfgang Preiser, äußerten sich zufrieden über den Kampf der Kantoner Mediziner und Wissenschaftler gegen das Virus. Die Provinz habe ein gutes Überwachungs- und Meldesystem etabliert und sei erfolgreich, möglicherweise Infizierte zu finden, erklärten sie. Die Zahl der neuen Patienten nehme ab, nach dem 25. März habe sich zum Beispiel kein Mediziner mehr angesteckt: "Guangdong ist ein Modell für ganz China".

WHO-Experte Preiser (l.): "Wir werden noch eine Weile mit SARS leben müssen"
REUTERS

WHO-Experte Preiser (l.): "Wir werden noch eine Weile mit SARS leben müssen"

Die Lage im übrigen Land ist allerdings weniger klar, wie auf der überfüllten WHO-Pressekonferenz deutlich wurde. Unbekannt ist derzeit, ob die übrigen Regionen des 1,3-Milliarden-Einwohnerlandes in der Lage sind, effektive Vorsichtsmaßnahmen gegen die Ausbreitung von SARS zu ergreifen. "Wir wissen, was in Guangdong passiert, aber wir wissen nicht, was in den anderen Provinzen vorgeht", erklärte ein Sprecher. "Darüber machen wir uns Sorgen."

Die Bedenken scheinen nur allzu berechtigt. So legen die Pekinger Behörden trotz ihrer Beteuerungen, fortan die Öffentlichkeit besser zu informieren, offenbar noch immer nicht die Karten offen auf den Tisch. Gegenüber westlichen Journalisten erklärten Ärzte zum Beispiel, sie behandelten derzeit viel mehr Kranke als von der Regierung zugegeben. Es gäbe auch mehr Todesopfer. Offiziell waren bis zum 6. April in der chinesischen Hauptstadt 19 Menschen an SARS erkrankt, vier davon gestorben. Ein finnischer Uno-Mitarbeiter starb kurz nach seiner Ankunft aus Thailand.

"Wir wissen nicht, ob die Lage in Peking okay ist. Wir bekommen zurzeit keine Antwort", sagte der WHO-Chefrepräsentant in China, Henk Bekedam.

Vor allem unter den in Peking arbeitenden Ausländern herrscht mittlerweile große Unruhe. Drei internationale Schulen wurden bisher geschlossen. Immer mehr Besucher sagen ihre Peking-Reise ab, Geschäftsverhandlungen und Vertragsunterzeichnungen werden verschoben.

Die WHO-Experten dämpften Hoffnungen, das Virus könne trotz fieberhafter Forschungsarbeit in zahlreichen Labors schnell besiegt werden. Vom Stadium des "Ausrottens" sei bislang keine Rede, sagte Bekedam. Es gehe zunächst darum, den Erreger der gefährlichen Krankheit "einzudämmen". Bekedam: "Wir werden noch eine Weile mit SARS leben müssen."

Auch an der Quelle des Problems in Guangdong sei es nicht möglich gewesen, "klare Schlussfolgerungen" zu ziehen. Es gäbe keine "eindeutigen Spuren, denen wir folgen könnten", erklärte Evans. "Diese Krankheit birgt immer noch Überraschungen für uns."

Allerdings scheint nun erkennbar zu sein, dass es so genannte "superspreader" gibt: Menschen, die das Virus leichter übertragen als andere Infizierte. Die WHO-Leute konnten jüngste Berichte nicht bestätigen, nach denen Kakerlaken Überträger des Virus sind. Insgesamt sei das Risiko, sich anzustecken, gering, hieß es.

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