Projekt »Neom« in Saudi-Arabien Eine Stadt, die eine Schneise in die Wüste fräst

Mit neuen Entwürfen befeuern die Saudis den Hype um ihre geplante Mega-Stadt Neom, die mitten in lebensfeindliche Geröllwüste gebaut werden soll. Die Pläne wirken spektakulär, nachhaltig sind sie kaum.
So soll es kommen: Neom von Norden aus gesehen, hier am westlichen Ende trifft die Stadt auf das Rote Meer

So soll es kommen: Neom von Norden aus gesehen, hier am westlichen Ende trifft die Stadt auf das Rote Meer

Foto: NEOM / AFP

Die Pläne für die futuristische Stadt Neom in Saudi-Arabien klingen nach Science Fiction: 170 Kilometer lang, 200 Meter breit, 500 Meter hoch. Nach außen komplett verspiegelt, drinnen kühle Gärten und Raum für neun Millionen Menschen, alle verbunden über einen unterirdischen Hochgeschwindigkeitszug, dennoch dezentral, kein Weg soll mehr als 20 Minuten benötigen. Die Energie soll zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen kommen.

Krasse Pläne, manches ist seit 2017 bekannt, schon damals bezeichnete sie SPIEGEL-Autor Dominik Peters als »Phantasia für den Prinzen«. 2021 präsentierte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman das linienförmige Stadtdesign »The Line«, das 170 Kilometer durch Gebirge und Wüste fräst.

Nun erneut ein Update – und die Entwürfe sehen aus wie aus einem Science-Fiction-Film: Es glitzert und blinkt, alles blitzsauber und utopisch, vollkommen verspiegelt, atemberaubende Ansichten. Das hat seinen Sinn: Für 2024 ist eine erste Finanzierungsrunde des Projekts geplant, und dafür sollen die spektakulären Ansichten schon jetzt kräftig Werbung machen.

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So soll Neom in Saudi-Arabien aussehen

Foto: NEOM / AFP

Die erste Bauphase des Projekts soll 319 Milliarden Dollar (mehr als 300 Milliarden Euro) kosten, die Hälfte davon soll über externe Geldgeber eingeworben werden. Der Bau der Stadt ist Teil des »Vision 2030«-Reformplanes, der die Wirtschaft von Saudi-Arabien weg von seiner Abhängigkeit vom Öl führen und diverser machen soll. Kronprinz Mohammed bin Salman hofft insgesamt auf eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts Saudi-Arabien: Die futuristische Stadt soll so viel Börsenwerte generieren, dass die saudische Börse danach zu den drei größten der Welt gehört.

Im Jahr 2026 soll Neom 450.000 Einwohner haben, 2030 sollen es dann 1,5-2 Millionen sein und 2045 dann neun Millionen. Für 2029 bewirbt sich Saudi-Arabien mit dem zu Neom gehörenden Stadtkomplex Trojena um die Ausrichtung  der Asiatischen Winterspiele. Die Stadt soll zu hundert Prozent mit erneuerbarer Energie versorgt werden, das kompakte Design soll Müll vermeiden und insgesamt umweltfreundlicher sein. Die Lage sei »perfekt«, um Strom aus Wind und Solarkraft zu erzeugen, sagt der Kronprinz.

Bin Salman pries Neom auch für seine visionäre Stadtplanung. »Wir starten bei null, warum sollten wir normale Städte kopieren?« Er erhofft sich einen neuen urbanen Lebensstil, näher an der Natur.

Vision – oder doch Größenwahn?

Doch wie sehr diese Utopie umsetzbar ist – und ob nicht doch eher eine Dystopie herauskommt, ist unklar. Wie nachhaltig es ist, an einem lebensfeindlichen Ort wie der Geröllwüste der westlichen arabischen Halbinsel eine Neun-Millionen-Metropole mit komplett verspiegelter Außenseite aus dem Boden zu stampfen, dürfte als fragwürdig gelten. Und die Anordnung als 170 Kilometer lange Wand mit 500 Metern Höhe fräst eine Schneise in die Landschaft.

Der Architekturkritiker Gerhard Matzig verspottet das Projekt in der »Süddeutschen Zeitung«  denn auch als »titanische Koks-Linie«, die wirke, als habe »der liebe Gott sein Lineal in der Wüste liegen lassen«. Auf Twitter ziehen User Parallelen zur überdimensionierten Nazi-Ferienanlage Prora auf Rügen.

2020 wurde bekannt, dass für den Bau der Stadt bereits Zehntausende Anwohner ihre Dörfer verlassen mussten. »Neom wird auf unserem Blut und unseren Knochen gebaut«, sagte die saudi-arabische Aktivistin Alya Alhwaiti damals dem SPIEGEL. Mohammed bin Salman gibt sich gern als Reformer , er zeigt jedoch wiederholt seine brutale Seite . So soll er für den Mord am Journalisten Jamal Khashoggi verantwortlich sein und führt einen seit mehreren Jahren andauernden Krieg im Jemen.

Sinnbildlich dafür steht, dass der Palast für die saudische Königsfamilie kurz vor der Fertigstellung steht – lange vor dem eigentlichen Stadtkomplex.

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Es gibt Befürchtungen, dass die Vision der Stadt doch eher in eine dystopische Richtung des Science-Fiction-Genres geht: Cyberpunk in der Wüste, ein Mix aus »Blade Runner« und »Wüstenplanet«. Die Armen werden demnach in der zigarrenförmigen Stadt zusammengepfercht, womöglich in engen und düsteren Apartments ganz unten in den 500-Meter-Wänden. Reiche hingegen können sich Anwesen außerhalb der Mauern leisten. Wenn es ihnen in den 500-Meter-Wänden zu eng wird, lassen sie sich zur Sommerfrische in die umliegenden Berge kutschieren.

Oder wird es umgekehrt, die Reichen wohnen im futuristischen Utopia, die Armen bauen sich Favelas vor den gigantischen Mauern auf? Bei Twitter werden Vergleiche zum Science-Fiction-Film »Elysium« von 2013 gezogen, in dem die Erde ein einziger Slum ist. Die Wohlhabenden ziehen sich derweil auf eine Luxus-Raumstation zurück.

Mit Material von Reuters
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