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Aufräumarbeiten nach "Sandy": Kalte Nächte, kurze Tage

Foto: ANDREW BURTON/ Reuters

Stromausfall nach Hurrikan "Sandy" Kalte Nächte auf Long Island

Die Nächte sind klirrend kalt, die Tage kurz, Alltägliches wie das Aufladen des Handys wird zur Herausforderung: Immer noch müssen Zehntausende New Yorker ohne Stromversorgung leben, nachdem vor zwei Wochen Hurrikan "Sandy" übers Land fegte. Betroffen sind vor allem kranke und alte Menschen.

New York - Sein Leben richtet sich nach dem Tageslicht: "Du lebst mit der Sonne, und wenn sie untergegangen ist, ist der Tag vorbei, und du gehst ins Bett", sagt Miles Rose, der in Long Beach lebt. Fast zwei Wochen nach dem Wüten des Hurrikans "Sandy" hat der IT-Berater und mit ihm rund 130.000 andere Bewohner der Insel Long Island in New York noch immer keinen Strom. Am Samstagabend versank die Stadt in Dunkelheit - nur die Lkw der Arbeiter des Stromkonzerns Long Island Power Authority (Lipa), die die Leitungen reparierten, waren beleuchtet.

"Wir sitzen im kalten Haus. Niemand kommt vorbei", beschwerte sich John Mangin. Der Inselbewohner ist einer von rund 300 Protestierenden, die aus Frust über den anhaltenden Stromausfall vor die Zentrale der Elektrizitätswerke in Hicksville gezogen sind. Die Chefs der Stromversorger sollten vor Gericht gestellt werden, sagte Mangin. "Die Kälte ist das Schlimmste", sagt Demonstrantin Dane Uhlfelder, "es ist die Hölle." Die Insulaner sind frustriert darüber, dass die Wiederherstellung der Stromversorgung bei ihnen langsamer als anderswo voranschreitet. Sie müssten voraussichtlich noch bis Dienstag auf Strom warten, hieß es am Samstag.

In anderen Gemeinden an der US-Ostküste dagegen hat sich die Lage annähernd normalisiert. In New York City waren von den anfänglich einer Million Haushalten nur noch 20.000 ohne Strom. Nach Angaben der Versorger konnten auch in New Jersey, wo anfangs 2,7 Millionen Kunden von den Ausfällen betroffen waren, alle bis auf 85.000 wieder ans Netz angeschlossen werden. Die meisten sollten bis Ende des Wochenendes wieder mit Strom versorgt sein - ausgenommen sind die Zehntausenden Häuser, die zerstört worden sind.

"Kontrolle über die Situation verloren"

In Long Beach jedoch sahen viele Familien der 13. Nacht ohne Strom entgegen, ohne Heißwasser und ohne Heizung, bei Temperaturen unter Null. "Es ist fürchterlich", sagte Luis Mendez. Der 49-Jährige lehnte an einem Auto und leistete einer Nachbarin Gesellschaft, deren drei Kinder in totaler Finsternis draußen spielten. Er habe einen Lipa-Arbeiter auf der Straße gefragt, wann sie denn wieder Strom bekämen. "Er sagte, Dezember."

Miles Rose, der IT-Berater, hat eine Webseite eingerichtet, mit der er die Bewohner von Long Island mit Informationen versorgt und auf der sie sich austauschen können. Betrieben wird sein Computer mit Hilfe einer Solarzelle und einer Autobatterie. Auf freecycleplus.com/longbeach  listet Ross die Orte auf, an denen die Insulaner heißes Essen und Wasser bekommen, wo sie ihre Handys an sogenannten Charge Tables aufladen und wo sie gespendete Kleidung abholen können. Hunderte Long-Beach-Bewohner kamen am Samstagnachmittag zu einem Supermarktparkplatz, auf dem die Nationalgarde Hilfsmittel ausgab - unter den Helfern: der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo.

Die Versorgungsunternehmen hat Cuomo als schlecht vorbereitet und schlecht geführt bezeichnet und eine Untersuchung gefordert. Zwei Kongressabgeordnete aus Long Island verlangten von der Bundesregierung Unterstützung für den Stromkonzern Lipa. "Alles ist total unorganisiert, und Lipa scheint unglücklicherweise die Kontrolle über die Situation verloren zu haben - daher werden so viele Menschen wütend", sagte der Republikaner Peter King. Michael Hervey von Lipa sagt dazu: "Ich kann die Frustration der Menschen nachfühlen. Unsere Herzen sind bei ihnen." Die Arbeiter aber täten alles, was sie könnten: Rund 6400 Leitungsmonteure und 3700 Holzarbeiter seien dabei, die Schäden zu reparieren. An normalen Tagen seien es nur 200 Monteure.

Kontrollgänge von Ärzteteams

Auch dem Stadtteil Queens auf Long Island hat Cuomo am Samstag eine Stippvisite abgestattet. Im Viertel Far Rockaway, dessen Strand zu den beliebtesten New Yorks zählte, sind Bewohner und Freiwillige noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die Zerstörungen und der Stromausfall hat vor allem die Alten und Kranken getroffen: Apotheken mussten schließen, die Pflegedienste kamen nicht mehr zu ihren Patienten, und Rollstuhlfahrer können sich nicht ungehindert bewegen. Mindestens zwei ältere Männer sind bisher in stromlosen Gebäuden gestorben.

Die Stadt, die Bundesbehörden und eine wachsende Anzahl an Freiwilligen sind dabei, den Bedürftigen zu helfen. Ein Team aus Ärzten und der Nationalgarde überprüfte in Far Rockaway am Freitag Flur für Flur ein Hochhaus, das seit "Sandy" ohne Strom ist. "Ein Segen", sagte Sheila Goldberg schluchzend, "ich bin mit meinem Latein am Ende." Die 75-Jährige muss ihren 85 Jahre alten pflegebedürftigen Ehemann versorgen - was bedeutete, dass sie bis zum Ende der Woche Wasser, auch für die Toilettenspülung, bis in den 25. Stock schleppen musste. Jetzt wird ihr Mann Irwin vorerst in eine Pflegestation kommen.

Zwei Stockwerke tiefer fanden die Helfer Daisy Nixon, zusammengekrümmt unter einem Haufen Decken. Die 70-Jährige hatte Atemschwierigkeiten und eine ausgekugelte Schulter. Sie war erleichtert, dass ein Krankenwagen gerufen wurde. "Es war kalt. Gott, hab Erbarmen", sagte die alte Dame.

abl/dapd/AP/Reuters