Schatzsuche "Schauder durch alle Glieder"

Vor 118 Jahren starben etwa 400 Auswanderer beim größten zivilen Schiffsdrama in deutschen Gewässern. Taucher bergen nun die Fracht des Dampfers "Cimbria" ­ ein Millionen-Unternehmen. Die Spezialisten fanden in der Nordsee bisher Mengen von Porzellan und suchen den Safe.


Mit einem Tauchgitter wird der Froschmann nach der Schatzsuche in 25 Metern Tiefe hochgezogen
DPA

Mit einem Tauchgitter wird der Froschmann nach der Schatzsuche in 25 Metern Tiefe hochgezogen

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ür gewöhnlich sind die acht jungen Männer zuständig fürs Grobe: Carsten Thörmer etwa hatte zuletzt unter Wasser die Uferböschung des Dortmund-Ems-Kanals neu befestigt; sein Tauchkollege Peter Valland überprüfte im Schlamm des Klärwerks von Hagen Abflussrohre, als er den Ruf an die Nordsee erhielt.

30 Meter unter der Wasseroberfläche müssen sich die Berufstaucher jetzt ganz sachte Handbreit um Handbreit voranarbeiten. "Filigranes Handwerk statt grober Drecksarbeit" sei das, sagt Valland, und immer könne er damit rechnen, gleich ein Stück jenes Schatzes zu finden, den er und seine Kollegen auf dem Grund der mörderischen See suchen ­ ein "euphorisches Gefühl".

Es war in einer Januarnacht des Jahres 1883, die Position: 53 Grad 53 Minuten Nord und 6 Grad 24 Minuten Ost, also 37 Kilometer nördlich der Insel Borkum. Das rund hundert Meter lange Auswandererschiff "Cimbria", beim Stapellauf einer der größten Dampfer des Reiches und "eines der besten Schiffe unserer Hamburgischen Dampferflotte", wie der "Hamburgische Correspondent" trauerte, kollidierte mit einem englischen Schiff. Der Dampfer der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) sank innerhalb weniger Minuten.

437 Menschen ertranken im eiskalten Wasser, die meisten Auswanderer, so eine Zeitung damals, "die sich nach den Gestaden der neuen Heimat sehnten": Flüchtlinge, die über Hamburg nach New York wollten.

118 Jahre danach setzen wieder Menschen viel Hoffnung in die "Cimbria": Die Aktionäre der badischen Sea Explorer AG finanzieren die aufwendigste Bergungsaktion in deutschen Gewässern. Denn das Dampfschiff hatte nicht allein arme Flüchtlinge an Bord, sondern auch reiche Passagiere in der Ersten Klasse und vor allem eine wertvolle Ladung im Rumpf.

Die Taucher hoffen auf Tonnen von Porzellan, wertvollem Spielzeug, geschliffenem Glas und auf Goldmünzen. Denn das hieße satte Prämien für die am Erfolg beteiligten 15 Wrackarbeiter.

Bis zu den ersten Herbststürmen Mitte Oktober wollen die Spezialisten mit Hightech und Millionenaufwand all das heraufholen, was die Offiziere bei der größten deutschen Schiffskatastrophe in Friedenszeiten aufgeben mussten.

Eisiges Grab
DER SPIEGEL

Eisiges Grab

In den ersten Tagen stießen Sea-Explorer-Leute schon auf Tassen und Terrinen, Teller mit blauem Rand und handgemalten Holunderbeeren, auf Rasierschaumschalen und poussierliche Porzellanpüppchen. Sie fanden rund 20 Elfenbeinzähne unbekannter Herkunft, Blusenknöpfe aus Perlmutt und Vasen aus dem Hause der Firma Schwalb, fast alles noch gut erhalten. "Keine davon", sagt Firmenleiter Klaus Keppler, 63, "würde ich unter 10 000 Mark verkaufen." Denn das Bedürfnis nach Geschirr mit Geschichte sei groß.

Und die wahren Schätze liegen noch unter Wasser: In schwarzen Körben haben die Männer bereits Tassen mit gekreuzten Schwertern deponiert, das Zeichen für Meissener Porzellan. Was die Arbeiter aber am meisten elektrisiert, ist die Tatsache, dass viele Kisten noch völlig intakt sind. Je tiefer sie ins Wrack eindringen, desto häufiger finden sie unbeschädigte Ladung. Keppler kalkuliert, dass er mindestens das Doppelte der Bergungskosten von rund zwei Millionen Mark wieder einnehmen kann.

Im günstigsten Fall könnten über 50 Millionen Mark übrig bleiben ­ sollte sich etwa die Reisekasse des Industriellen Moritz Strauß, 53, wiederfinden. Einer der großen Spielzeughersteller seiner Zeit wollte nach Amerika expandieren. Unter Deck hatte er nicht nur kistenweise Puppen und Miniaturküchen aus Porzellan verstauen lassen, im 500 Kilogramm schweren Safe der Offizierskabine sollen auch Goldmünzen in Massen liegen.

Von solchen Reichtümern konnten die zusammengepferchten Auswanderer im Zwischendeck nur träumen. 120 Mark, damals ein kleines Vermögen, hatte jeder von ihnen für die Passage nach Amerika bezahlt. Die menschliche Fracht war ein glänzendes Geschäft für Reeder aus Bremen und Hamburg. Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erreichte die Auswanderungswelle einen Höhepunkt.

Besonders Juden aus Russland, Galizien oder Ungarn wollten mit Schiffen wie der "Cimbria" auch vor den Pogromen in ihrer Heimat fliehen. Doch ebenso drängten sich Weltenbummler, Glücksritter und Deutsche, die ihre ausgewanderten Verwandten in Amerika besuchen wollten, in den engen Etagenbetten des "Cimbria"-Zwischendecks zusammen.

Sie alle finden sich auf den historischen Verlustlisten der Katastrophe: Helene Weege, 35, etwa betrieb in Berlin ein Putzgeschäft. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und machte sich mit dem 5-jährigen Alfred und der 10-jährigen Bertha auf den beschwerlichen Weg, um im Land der unbegrenzten Träume eine neue Existenz zu gründen.

Für einige Stunden waren die drei unter Deck mit veritablen Berühmtheiten zusammen: Red Jacket, ein 26-jähriger Sioux-Indianer, war mit fünf Stammesgenossen an Bord. Sie hatten die Bleichgesichter etwa im Berliner Panoptikum mit folkloristischem Liedgut amüsiert, nun zog es Red Jacket, seine Frau Sunshine und den Medizinmann Crow-Foot wieder in die Heimat.

In der zweiten Kajüte fuhren die Geschwister Rommer aus dem württembergischen Biberach. Zither- und Gitarrenspieler Georg, 28, und die Sängerinnen Auguste, 26, und Katinka, 22, hatten als "Schwäbische Singvögel" bescheidene Karriere daheim gemacht, nun hofften sie, im Land der Dollars ihr Vermögen zu mehren.

Weiter: "Schauder durch alle Glieder" - Teil 2



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