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08. Januar 2010, 15:17 Uhr

Schicksal Obdachlosigkeit

Überleben in der Eiseskälte

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Zehn Obdachlose sind in Deutschland in der klirrenden Kälte bereits erfroren, am Wochenende drohen noch mehr Schnee und eisige Winde. Hilfsorganisationen fürchten, dass es weitere Todesopfer gibt - und kritisieren die Betreiber der kommunalen Notunterkünfte.

Hamburg - Karl hat kein Zuhause. Er wohnt vor dem Rollgitter einer Tiefgarage in der Hamburger Neustadt oder vor dem Seiteneingang eines Kaufhauses. Im Sommer liegt er an einem der beiden Plätze, zusammengerollt in einem zerschlissenen Anorak und aufgeplatzten Schuhen. Jetzt ist der Asphalt zu kalt. Karl lehnt an der Hauswand, die langen, strähnigen Haare kleben an seinem Kopf. Das zerfurchte, verlebte Gesicht über dem Vollbart sieht älter aus als seine 46 Jahre.

In seinen ledernen, schmutzigen Händen hält Karl ein Fläschchen Wodka. Er spüre die Kälte nicht, behauptet er. Dabei hat er nur das am Leib, was er auch im Sommer immer trägt: Eine cognacfarbene Cordhose, ein blaues Sweatshirt, der abgewetzte Parka steht offen, nur neue Schuhe hat er an. "Es ist so kalt wie immer", sagt Karl. Sein Blick ist glasig. Ein Stück Schnur ersetzt den Gürtel.

Seit Jahren lebt Karl auf Platte. Manchmal lallt er wirres Zeug oder weint. Für Menschen wie ihn ist dieser Winter besonders hart. Mindestens zehn Obdachlose sind in Deutschland bereits erfroren. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) wurden die zehn Männer im Alter von 42 bis Jahren zumeist in kleinen und mittleren Städten aufgefunden. "Das liegt daran, dass in vielen Großstädten inzwischen Notunterkünfte oder Kältebusse zur Verfügung stehen, und die Unterstützung auf dem Land und in kleineren Städten immer noch unzureichend ist", sagt BAG-Geschäftsführer Thomas Specht.

Die Obdachlosen starben unter Brücken, in leer stehenden Häusern oder Eingängen. Ein 46-Jähriger erfror im brandenburgischen Lauchhammer. Eine Frau entdeckte den bereits Reglosen morgens in der Nähe einer Obdachlosenunterkunft im Schnee liegend. Auf der Fahrt ins Krankenhaus starb der Mann an Unterkühlung. In der Nacht zuvor hatte es in der Region Tiefsttemperaturen bis zu minus 19 Grad gegeben.

"Sibirische Verhältnisse" am Wochenende

In Nettetal im Kreis Viersen starb ein 42-Jähriger. Ein Ehepaar hatte den Mann leblos im Gebüsch am Rand einer Straße gefunden. In Mannheim schliefen drei Obdachlose an stillgelegten Gleisanlagen auf bloßem Betonboden. Ein 46-Jähriger wachte nicht mehr auf, steifgefroren lag er da. Neben seiner üblichen Bekleidung trug er nur eine Kapuzen- und eine leichte Daunenjacke. Ein 57-Jähriger erfror unter dem Vordach eines Kindergartens in Ulm. Aufmerksamen Mitbürgern ist es zu verdanken, dass es nicht noch mehr Kältetote gab. So schliefen in Goslar an verschiedenen Stellen zwei Betrunkene bei minus zehn Grad im Schnee. Rettungskräfte brachten sie gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus beziehungsweise auf eine Polizeistelle.

Für das bevorstehende Wochenende sagt Meteomedia-Meteorologe Andreas Wagner "sibirische Verhältnisse" voraus: Von Freitag bis Sonntag sorge das Schneetief "Daisy" für ergiebige und intensive Schneefälle, Dauerfrost bis zu zehn Grad Minus, die sich aufgrund des starken Nordost-Windes etwa zehn Grad kälter anfühlten. "Es steht uns ein Hochwinter-Wochenende bevor", sagt Wagner. "Besonders in höheren Lagen sind Sturmböen möglich." Auch in der kommenden Woche soll es weiter kalt bleiben.

Das könnte für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, den Tod bedeuten. "Wir gehen davon aus, dass noch mehr Wohnungslose nicht überlebt haben, denn wenn jemand nach Nächten im Freien mit einer akuten Erkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert wird und dort stirbt, taucht dieser Mensch als Kälteopfer in keiner Übersicht auf", sagt BAG-Geschäftsführer Specht. "Wir rechnen auch in den nächsten kalten Tagen mit weiteren Toten."

Die meisten Obdachlosen "passen nirgendwo mehr rein"

Effektiv sind die Hilfsprogramme vor allem in den Großstädten. In Berlin gibt es ein umfangreiches Angebot der Kältehilfe: 80 Einrichtungen bieten Notübernachtungen, Nachtcafés, Suppenküchen oder Obdachlosenarztpraxen. Trotzdem sind die Übernachtungsplätze dort völlig überfüllt, und es besteht Ausbaubedarf. Die Berliner Stadtmission verzeichnet derzeit 20 Prozent mehr Obdachlose, die ihre Dienste in Anspruch nehmen. Der Kältebus der Stadtmission und des DRK beispielsweise fahren wohnungslose Menschen in eiskalten Nächten in warme Quartiere.

In der Provinz dagegen "wird oft überhaupt kein Hilfsangebot vorgehalten oder der Aufenthalt im Obdachlosenasyl wird rechtswidrig befristet", moniert Specht.

Heribert Schlensok vom Caritasverband für die Diözese Hildesheim e.V. bestätigt zwar, dass in Niedersachsen die Bahnhofsmission Hannover "mit Abstand am besten" gerüstet sei, weil sie 24 Stunden geöffnet habe. "Das können die kleineren Missionen leider nicht leisten", sagt Schlensok. Doch er habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich die Obdachlosen der klirrenden Kälte anpassten und oft wüssten, wohin sie müssten. "Gerade in Pfarrhäusern werden diese Menschen nicht abgewimmelt, wenn sie dort schellen." Viele kleinere Städte wie Stade beispielsweise engagierten sich mit Wärmestuben und Suppenküchen.

Bundesweit gibt es laut BAG 227.000 Obdachlose. Rund 20.000 leben demnach ganz und gar auf der Straße, meist in den Großstädten. In Ostdeutschland sind etwa 27.000 Menschen und damit im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich weniger ohne Wohnung als im Westen. Der Grund dafür sei der höhere Leerstand im Osten. Von den zehn Obdachlosen, die in diesem Winter bislang erfroren sind, hatten drei in den neuen Bundesländern gelebt, in Thüringen und Brandenburg.

Den Landstreicher, der nur auf der Straße lebt und von Stadt zu Stadt zieht, weil er dieses Leben frei gewählt hat, gibt es der BAG zufolge kaum mehr. Das sei eine "sehr kleine Minderheit". Die meisten Menschen auf der Straße "passen nirgendwo mehr rein".

Immer mehr verweigern sich "bevormundenden Hausordnungen"

Das Durchschnittsalter eines Obdachlosen liegt bei 38 Jahren. Die zehn Menschen, die in diesem Winter erfroren sind, waren älter - gesundheitlich stark angeschlagen durch das Leben auf Platte oder durch Folgeschäden von Alkoholismus. Diese Menschen hätten sich nach vielen negativen Erfahrungen vom Hilfssystem abgekoppelt, sagt BAG-Chef Specht. "Wenn Asyle und Notunterbringungen auch bei Minustemperaturen leer stehen, heißt das nicht: Es gibt keinen Bedarf. Es ist vielmehr ein Armutszeugnis. Einrichtungsbetreiber und Kommunen müssen endlich das Recht der Wohnungslosen auf Individualität und Selbstbestimmung akzeptieren."

Schlechte Erfahrungen mit Notunterkünften seien ein Grund dafür, warum einige Wohnungslose selbst bei diesen eisigen Temperaturen die Notquartiere scheuen. "Wir wissen, dass sich Betroffene oft weigern, Einrichtungen mit großen Mehrbettzimmern aufzusuchen, weil sie Angst vor Diebstahl und Gewalt haben", sagt Specht. Ein Grund sei auch, dass sie ihren Hund oder ihre Partner nicht mitbringen dürfen.

"Immer mehr Wohnungslose sind nicht mehr bereit, gängelnde und bevormundende Hausordnungen zu akzeptieren", erklärt Specht. Anstatt sich um 20 Uhr in einem Nachtasyl wegschließen zu lassen - weil später niemand mehr aufgenommen wird oder weil die Habe aus Sicherheitsgründen bewacht werden muss -, versuchten viele Wohnungslose ihr Leben auch unter widrigsten Bedingungen noch so selbstbestimmt wie möglich zu organisieren.

"Mir geht es gut"

Seit Jahren appelliert die BAG deshalb an die Kommunen, von menschenunwürdig ausgestatteten Asylen Abstand zu nehmen. Stattdessen sollten dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten für jeweils nur eine kleinere Zahl von Wohnungslosen geschaffen werden. "Wichtig ist, dass die Betroffenen auch als Gruppe untergebracht werden können, dass sie ihre Hunde mitbringen können und dass sie keine Angst vor Diebstahl und Gewalt zu haben brauchen. Benötigt werden Unterkünfte mit Einzelzimmern, die ein Mindestmaß an Privatheit garantieren, in denen sich die Betroffenen auch tagsüber aufhalten können und die notfalls auch noch nachts aufgesucht werden können."

Auch müsse es telefonische Notrufe geben, die von Bürgern genutzt werden könnten, wenn sie einen Obdachlosen sehen, der in Gefahr ist, Opfer der Kälte zu werden. "Gerade in diesen Tagen ist es notwendig, dass wohnungslose Menschen nicht aus Einkaufspassagen, U- und S- Bahnhöfen vertrieben werden."

Karl aus Hamburg hat die vergangenen Nächte trotz klirrender Kälte an seinen Stammplätzen verbracht. Ohne Schlafsack, ohne Decke. Mehrfach sei er angesprochen worden, auch schon vom Team eines Rettungswagens. "Ich beweg' mich aber oder geh' mal in den U-Bahn-Schacht", sagt er. Karl gehört zu denen, die ohne eine einzige Plastiktüte durch die Straßen schleichen. Sein ganzes Hab und Gut trägt er am Körper. "Mir geht es gut", beteuert er leise.

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