Schießerei in Berlin-Kreuzberg Rache eines verlassenen Sportschützen

Die tödliche Schießerei auf offener Straße in Berlin-Kreuzberg hat private Hintergründe. Offenbar tötete der Täter seine ehemalige Geliebte, die sich von ihm getrennt hatte. Die großkalibrige Waffe, durch die zwei Menschen starben und zwei weitere schwer verletzt wurden, besaß er als Sportschütze legal.

Von


Bis in die Nacht sicherten Polizeibeamte am Tatort Spuren
DPA

Bis in die Nacht sicherten Polizeibeamte am Tatort Spuren

Berlin - Den Mord an seiner ehemaligen Freundin hatte Stefan H. offenbar von Anfang an geplant. Keine fünf Minuten sprach er am frühen Montagabend mit ihr vor dem Imbiss "Travolta" im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Dann zog er eine Waffe aus dem Hosenbund. Mit einem gezielten Schuss in die Stirn streckte er die 39-jährige Regina H. nieder, die sofort von der Holzbank glitt. Laut Angaben der Polizei war sie augenblicklich tot.

Einen Tag nach der tödlichen Schießerei sind sich die Ermittler über das Motiv für den Amoklauf ziemlich sicher. Demnach hatte sich die in dem Lokal erschossene Frau kurz vor der Schießerei von dem Täter getrennt. Wie lange die beiden ein Paar waren, ist noch unklar. "Wir gehen fest davon aus, dass er gezielt nach seiner ehemaligen Freundin gesucht hat, um sie zu töten", sagte einer der Ermittler am Dienstag. Möglicherweise habe er sich sogar unter einem Vorwand dort mit ihr verabredet.

Kannte Markus N. den Täter?

Dagegen wissen die Fahnder noch nicht genau, warum der Racheakt des 38-jährigen Stefan H. einen weiteren Menschen schwer verletzte. Kurz nach der Tat war der Schütze zu Fuß geflüchtet. Dabei soll er nach Berichten von Augenzeugen von dem Fahrradfahrer Markus N. angeschrieen worden sein. Auch ihn streckte er mit seiner Waffe nieder. Nach bisher unbestätigten Angaben soll er sogar noch auf den am Boden liegenden Mann geschossen haben.

Das brutale Vorgehen brachte die Fahnder auf den Verdacht, dass Markus N. in einer Beziehung zu Täter oder Opfer stehen könnte. "Ein Unbekannter hätte wohl auch kaum versucht, den Flüchtenden aufzuhalten", glaubt einer der Ermittler. Der junge Mann arbeitete als Kellner in einer nahe gelegenen Bar und war gerade auf dem Weg zur Arbeit. Mittlerweile schwebt der 31-jährige nicht mehr in Lebensgefahr, hat aber durch mehrere schwere Schussverletzungen ein Auge verloren. Wegen der Schwere der Verletzungen konnte er bisher nicht vernommen werden.

Einziger Ausweg Selbstmord

Der Tatort liegt mitten in einer belebten Straße mit Cafes und Geschäften
AP

Der Tatort liegt mitten in einer belebten Straße mit Cafes und Geschäften

Weniger schwer sind die Verletzungen eines Polizeibeamten, auf den Stefan H. wenig später schoss. Der 43-jährige hatte gemeinsam mit einer Kollegin versucht, den Täter zu stoppen. Als er auf mehrere Drohungen nicht reagierte, wollten die Beamten ihre Waffen ziehen. Doch Stefan H. war schneller. Mit einem Schuss in den Oberkörper verletzte er den Polizeibeamten und flüchtete in einen Hinterhof. Zuvor hatte es offenbar noch einen kurzen Schusswechsel mit einer weiteren Polizistin gegeben, von dem er einen Durchschuss im Oberschenkel davon trug.

Auf dem Hof, so glauben die Fahnder, erkannte Stefan H. schließlich die Aussichtslosigkeit seiner Lage. "Der Innenhof war eine Falle, die Polizei rückte an", beschrieb einer der Ermittler die Situation. Kurz darauf war auf der Straße ein weiterer Schuss zu hören. Stefan H. hatte sich die Waffe an den Kopf gesetzt und abgedrückt.

Eine legale Waffe - wie in Erfurt

In Berlin-Kreuzberg hielt am Dienstag der Schock über die Tat an. Die Kaltblütigkeit des Schützen überraschte sogar erfahrene Fahnder der Hauptstadtpolizei. So spazierte Stefan H. nach dem Mord an seiner Ex-Freundin scheinbar seelenruhig durch die Wiener Straße, berichteten Augenzeugen. In einem Kiosk kaufte er eine Schachtel der Zigaretten-Marke "American Spirit". Erst als ihn der Fahrradfahrer verfolgte, wurde er nervös.

Mehr als ein Jahr nach dem Schulmassaker von Erfurt dürfte die Tat die Diskussion um legale Sportwaffen erneut anheizen. Wie schon der Amokläufer Robert Steinhäuser, der mit einer Sportwaffe 16 Menschen in seinem ehemaligen Gymnasium gezielt erschoss, besaß Stefan H. seine großkalibrige Waffe ganz legal mit einer Waffenbesitzkarte. Vermutlich handelte es sich um eine 44er Magnum. Regelmäßig hatte er in einem Schützenverein mit der Pistole geschossen und kannte sich gut mit ihr aus. Nach Angaben aus Polizeikreisen soll er neben der Pistole noch weitere Waffen besessen haben.

Nach den Schüssen von Erfurt wurden zwar die so genannten Shot-Guns als Sportwaffen gegen den erbitterten Widerstand der mächtigen Schützen-Lobby verboten. Pistolen jedoch gehören weiter zum normalen Gerät in jedem Schützenverein. Sobald ein Schütze nach mehreren Prüfungen eine Waffenbesitzkarte genehmigt bekommt, darf er die Pistolen auch mit nach Hause nehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.