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Die "Georg Büchner": Vom Wahrzeichen zum Wrack

Foto: Przemek Trzesniowski/ alpha-divers.pl

Ende eines Traditionsschiffes Der mysteriöse Untergang der "Georg Büchner"

Einst war die "Georg Büchner" das Wahrzeichen Rostocks, nun liegt das Schiff vor Polen auf dem Grund der Ostsee. Der Frachter sank auf dem Weg nach Litauen, wo er womöglich verschrottet werden sollte. Die Havarie birgt viele Ungereimtheiten. Sogar von Versicherungsbetrug ist die Rede.

Keine zwei Tage nach ihrem Untergang machten Taucher  die ersten Fotos von der "Georg Büchner", zu sehen ist ein Traditionsschiff im Verfall: Eine zerfetzte Deutschlandflagge wiegt sich im Wasser. Ein Tau ragt ziellos empor. Auf dem Bug ist der Name des einst stolzen Schiffes zu erkennen. Die Bilder zeigen: Auf dem Grund der Ostsee, in 36 Metern Tiefe, acht Seemeilen von der Küste entfernt, endet ein Stück belgischer Seefahrtsgeschichte und ein einstiges Wahrzeichen der Stadt Rostock.

Am 28. Mai verließ die "Georg Büchner" nach mehr als 20 Jahren ihren Heimathafen Rostock. Kurz zuvor war sie verkauft worden und sollte nun nach Litauen geschleppt werden, in den Hafen von Klaipeda. Nach zwei Tagen auf See, am frühen Freitagabend, meldete der polnische Schlepper "Ajaks" erstmals, dass die "Georg Büchner" Schlagseite habe. Knapp anderthalb Stunden später wurde die Schleppleine durchtrennt. Um 20.24 Uhr war das Schiff vor Danzig gesunken.

Mit der Havarie fand die rund 150 Meter lange und knapp 20 Meter breite "Büchner" ein unerwartetes Ende ihres bewegten Schiffslebens. Sie pendelte als Frachter unter dem Namen "Charlesville" zwischen Belgien und Afrika. 1967 ging sie in den Besitz der DDR über und diente als Schulschiff.

Und nach dem Untergang begannen die Gerüchte. Die Rede ist von Versicherungsbetrug, raffgierigen Vereinen und einer ominösen Briefkastenfirma auf den Seychellen. Genährt werden die Spekulationen auch vom Kurs des Schleppers: Warum fuhr er offenbar Zick-Zack-Linien, bevor die "Georg Büchner" unterging?

Streit, Insolvenz, Streit

In Rostock wird seit Monaten um die "Georg Büchner" gestritten. Eigentümer war der Verein Traditionsschiff, er hatte das Schiff 1991 für den symbolischen Preis von einer D-Mark von der Stadt übernommen. Seitdem wurde viel Geld investiert, die "Georg Büchner" wurde als Hotel und Jugendherberge genutzt.

Doch die Räume wurden weniger genutzt, der Verein bekam Finanzprobleme. Im September 2012 gab es an Bord des Schiffes ein Krisentreffen, an dem unter anderem auch der Hafenkapitän und der Oberbürgermeister teilnahmen. Die Stadt hatte ein Vorkaufsrecht, sie hätte die "Georg Büchner" zurückhaben können. Doch sie lehnte ab. Ein Rückkauf hätte internen Unterlagen zufolge mindestens 750.000 Euro plus monatliche Folgekosten von circa 25.000 Euro gekostet.

Zu viel für die Stadt. Sie vermittelte dem Verein einen Makler, um einen Interessenten zu finden. Und tatsächlich wurde am 13. Dezember 2012 ein Kaufvertrag unterschrieben, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Demnach wurde die "Georg Büchner" für 900.000 Euro an die Firma Argent Ventures Limited mit Sitz auf den Seychellen verkauft. Wer genau sich dahinter verbirgt, ist unklar. Zwei Personen, die offenbar mit den Verhandlungen in Verbindung stehen, reagierten auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE nicht.

Verkauf eines Denkmals

Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung war das Amt für Denkmalschutz nicht in den Verkauf eingeweiht - dabei wäre das nötig gewesen. Denn die "Georg Büchner" ist seit dem 29.Oktober 2004 in der Denkmalliste des Landes Mecklenburg-Vorpommern geführt, sagt der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege, Michael Bednorz. Der Käufer von den Seychellen habe die Instandhaltung des Schiffes als Denkmal vertraglich jedoch nicht garantieren können.

Dass die Behörde schließlich doch noch in den Vorgang involviert wurde, liegt an der Insolvenz des Trägervereins, sie wurde Mitte Februar beim Amtsgericht Rostock angemeldet. Als Insolvenzverwalter wurde der Anwalt Tobias Schulze bestellt - und er hatte nun zu entscheiden, ob der Kaufvertrag vom Dezember erfüllt wird.

Schulze wandte sich an die Schweriner Behörde, Ergebnis: Kaufvertrag ungültig, die Suche nach einem Käufer begann von Neuem. Und lange sah es so aus, als säße er in Belgien.

Die "Büchner" für einen Euro

Der belgische Verein Watererfgoed Vlaanderen wollte das Schiff schon vor der Insolvenz des Rostocker Trägers kaufen, es klappte nicht. Nach der Pleite sei das Land Mecklenburg-Vorpommern erneut auf ihn zugekommen und habe die "Georg Büchner" für einen Euro angeboten, sagt der Vorsitzende des belgischen Vereins, Eric Van Hooydonk. Mitte April fuhr er mit einem zehnköpfigen Team nach Rostock, um das Schiff zu begutachten und zu verhandeln.

Während des Besuchs hätten ihm der Insolvenzverwalter und die Denkmalschutzbehörde dann überraschend ein Ultimatum gesetzt und einen Kaufvertrag an neue Bedingungen geknüpft, sagte Hooydonk. Er habe nur drei Werktage gehabt, um sein Projekt auszuarbeiten und einzureichen. Zwei Minuten vor Verstreichen der Frist hat er eigenen Angaben zufolge einen 29-Seiten-Entwurf vorgelegt.

Im Kern sah der Plan vor, das einzige erhaltene historische Handelsschiff Belgiens in seinen ersten Heimathafen zu holen. Antwerpen. Dort sollte es unter anderem als maritimes Museum, Hotel oder Restaurant hergerichtet werden. Kostenpunkt: mindestens zehn Millionen Euro. Hooydonk arbeitete mit dem privaten Investor Tom de Wilde zusammen, der offenbar drei Millionen Euro einbringen wollte. Zudem habe es bereits Gespräche mit der flämischen Regierung gegeben, die das Projekt laut Hooydonk mit etwa fünf Millionen Euro unterstützen wollte.

"Ich war enttäuscht vom Vorschlag der Belgier"

Doch so weit kam es nicht. Dem Landesamt für Denkmalpflege fehlte eigenen Angaben zufolge die nötige Sicherheit. Er sei enttäuscht gewesen von dem Vorschlag der Belgier, sagte Amtsleiter Bednorz. Er habe auf eine private Haftung bestanden, auf eine Bürgschaft, auf Garantien. Die Belgier hätten nicht geliefert - auch wenn diese das ganz anders darstellen.

Unmittelbar nachdem er den Vorschlag bekommen hatte, stand für Bednorz fest: "Niemand wird die Verantwortung für den Erhalt des Denkmals übernehmen." Für den Eigentümer - zu diesem Zeitpunkt der Insolvenzverwalter - sei diese Aufgabe nicht zumutbar gewesen. Und der einzige Interessent, Hooydonk, habe mit seinem Angebot nicht überzeugt. Damit verlor die "Georg Büchner" ihren Status als Denkmal - und konnte nun erneut an die Firma auf den Seychellen verkauft werden.

Für Hooydonk ist die Entscheidung noch immer unverständlich. Er vermutet dahinter finanzielle Interessen. Denn wäre das Schiff in belgischen Besitz gegangen, hätte der Verkaufswert bei einem Euro gelegen. Argent Ventures Limited zahlte Hunderttausende.

Und er erhebt noch einen anderen Vorwurf, der auch in Internetforen verbreitet wird. Hooydonk zufolge waren die Bullaugen, die einen knappen Meter über der Wasserlinie lagen, vor der Fahrt nicht sorgfältig genug verschweißt worden. So habe während der Fahrt Wasser ins Innere des Schiffes dringen und zum Untergang führen können.

Dagegen spricht allerdings, dass offenbar ruhige See herrschte, als das Schiff sank.

Sicher ist: Das Schiff hatte die zum Auslaufen nötigen Zertifikate, das bestätigt auch das polnische Seeamt. Demnach wurden sie ausgestellt von Henning Fechner, Schifffahrtsachverständiger. "Das Schiff war seetüchtig", sagt er, "der Rumpf ist gesund." Von der Bullaugen-Theorie hält er wenig: "Alles Spekulation." Es habe keinen Anlass gegeben, an der Seetüchtigkeit zu zweifeln.

Hooydonk sagt: "Selbst wenn das Sinken nicht geplant war, so ist es zumindest sehr mysteriös." Seiner Meinung nach profitiert vor allem der ominöse Käufer von dem Unglück - der nun eine sehr hohe Versicherungssumme kassiere.

Verschrotten oder nicht?

Wie hoch die "Georg Büchner" bei ihrer Fahrt nach Litauen tatsächlich versichert war, ist nicht bekannt. Den Betrag von vier Millionen Euro, der vielfach zu hören ist, nennt Insolvenzverwalter Schulze jedoch Quatsch. Den genauen Kaufpreis, der im zweiten Kaufvertrag ausgehandelt wurde, nennt er nicht. Nur: Es sei weniger als die im Dezember vereinbarten 900.000 Euro. Das Geld liege derzeit bei einem Notar in Hamburg.

Weil der Trägerverein Insolvenz anmeldete, bekomme die Stadt Rostock das Geld und müsse es für gemeinnützige Zwecke verwenden.

Auch die Stadt selbst bietet Anlass für Spekulationen. Offiziell hat der Käufer von den Seychellen angegeben, dass er die "Georg Büchner" in Litauen nicht verschrotten will. Denkbar wäre ein Weiterverkauf - und somit auf Umwegen beispielsweise eine Verschrottung in Indien, wo solche Arbeiten deutlich günstiger sind und weniger strengen Auflagen unterliegen. In der EU wäre eine Verschrottung auch deshalb teuer, weil in der "Georg Büchner" Asbest verarbeitet worden ist.

Dennoch taucht in einer Pressemitteilung der Stadt Rostock vom 14. Mai folgender Satz auf: "Nach Abwägung aller vorliegenden Fakten musste die Stadtverwaltung […] jetzt die denkmalschutzrechtliche Genehmigung zur Verbringung und Verschrottung der MS 'Georg Büchner' erteilen". Eine Stunde später wurde eine korrigierte Version veröffentlicht, in der eine Verschrottung nicht mehr erwähnt wurde.

Ob die "Georg Büchner" nur zum Transport nach Litauen oder tatsächlich zur Verschrottung verkauft wurde, spielt vor allem auch im Landesamt für Umwelt und Naturschutz eine Rolle. Für eine Verschrottung muss dort eine Genehmigung erteilt werden, sagt der stellvertretende Direktor Jörg-Dietrich von Weyhe. Sowohl die Behörde in Deutschland als auch die Kollegen in Litauen hätten zustimmen müssen. Aber Käufer und Insolvenzverwalter haben laut Weyhe versichern können, dass die "Georg Büchner" als Schiff und nicht als Abfall verkauft wurde - eine Genehmigung für die Fahrt nach Litauen war damit nicht nötig.

Heimathafen Antwerpen

Die polnischen Behörden wollen nun den Unfallhergang untersuchen. Eine zentrale Frage wird sein, warum der Schlepper "Ajaks" vor dem Unglück offenbar Zick-Zack-Linien gefahren ist, was beispielsweise auf der Seite marinetraffic.com  nachverfolgt werden konnte. Der Rostocker Hafenkapitän Gisbert Ruhnke kann das Manöver nicht nachvollziehen, Hooydonk aus Belgien vermutet Kalkül, der Gründer der Facebook-Gruppe  "Rettet die Georg Büchner" ebenfalls ein geplantes Manöver, das den Untergang herbeiführen oder beschleunigen sollte.

Das polnische Seeamt in Gdynia weiß allerdings laut eigenen Angaben nichts von einem auffälligen Kurs: "Aus den uns vorliegenden Informationen zur Überprüfung des Seeverkehrs geht nicht hervor, dass der Schlepper 'Ajaks' einen Zick-Zack-Kurs gefahren ist", teilte die Behörde SPIEGEL ONLINE mit.

Die Komission zur Untersuchung von Seeunglücken werde nun die Ursache für den Untergang ermitteln.

Geht es nach Hooydonk, kommt die "Georg Büchner" nach ihrem Untergang nach Antwerpen. Notfalls in Einzelteilen. Nach den polnischen Gesetzen muss das Wrack geborgen werden. Dafür ist der Eigner zuständig. Die Kosten trägt in der Regel die Versicherung. Das polnische Seeamt: "Die Ermittlung des Besitzers des Wracks dauert zurzeit noch an." Die Geschichte der "Georg Büchner" geht weiter.