Schiffsunglück in Italien Behördenchaos und eine Geheimliste

Wie viele Opfer wird die Havarie der "Costa Concordia" am Ende fordern? Die Informationspolitik der italienischen Behörden ist chaotisch, es gibt nicht einmal Klarheit über die Zahl der Vermissten. Doch auf einer Geheimliste sollen die Namen von 40 Menschen stehen.

Schiffe der Küstenwache vor der "Costa Concodia": Zahl der Vermissten bleibt ein Rätsel
REUTERS

Schiffe der Küstenwache vor der "Costa Concodia": Zahl der Vermissten bleibt ein Rätsel

Von , Porto Santo Stefano


Maria Grazia Trecarico galt als gerettet. Der Name der 50-jährigen Sizilianerin wurde auf der Bordliste der "Costa Concordia" abgehakt, als sie mit ihrer Freundin ein Rettungsboot bestieg, so berichtet es die Lokalzeitung "Il Tirreno". Seither fehlt von beiden jede Spur.

"Halt Dich an mir fest", sagte sie demnach zu ihrer Begleiterin. Ein Mitreisender hörte diese Worte. Es waren die letzten Lebenszeichen der beiden Frauen. Menschen seien ins Wasser gefallen, als Rettungsboote wegen der Schräglage des Schiffs an den Bordwänden hängen blieben, berichten Passagiere. Manche haben sich schwimmend ans Ufer gerettet. Andere vielleicht nicht. In der Statistik gelten auch diese, weil beim Einstieg auf das Rettungsboot abgehakt, vermutlich als "in Sicherheit".

Andere Reisende, sagt der Präfekt von Grosseto, Guiseppe Linardi, dem die Sicherheitsbehörden der Provinz unterstehen, seien womöglich abgereist, ohne sich abzumelden. Sie könnten mithin auf den Listen irrtümlich als "vermisst" geführt werden. Solche Fehler seien eben möglich, zumal so viele Ausländer an Bord waren.

Unerklärlicher Zahlensalat

Das mag sein, schließlich mussten die Passagierlisten inmitten von Panik und Zerstörung geführt werden. Doch diese Irrtümer wären leicht und transparent zu korrigieren, wann immer sich nämlich ein "Vermisster" als längst "gerettet" meldet. Die Zahl der Vermissten müsste so, Tag für Tag, kleiner werden. Wird sie aber nicht.

Offenbar gibt es auch keine nachvollziehbare Fortschreibung der Opfer-Listen. Vielmehr gibt jeden Tag einer der vielen Oberen aus der italienischen Bürokratie eine Zahl bekannt. Andere Amtsvorsteher legen eigene, ganz andere Daten vor, und tags darauf korrigieren sie sich allesamt.

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"Costa Concordia": Unterwasserfotos vom Wrack vor Giglio
Elf Minuten betrauerte Pier Luigi Foschi, Präsident der Schifffahrtsgesellschaft Costa Crociere, der das Katastrophenschiff gehört, auf einer Pressekonferenz stockend und mit belegter Stimme das Unglück. Zahlen über Opfer und Vermisste nannte er keine.

Die, so sein Pressesprecher, gebe es nur in der Präfektur von Grosseto. Dort, im Leitstand der Rettungs-Verantwortlichen ist man erstaunt. Nein, eine Übersicht über die Zahl der Vermissten könne nur Costa Crociere haben. Selber habe man keine Daten dazu, man behelfe sich auch nur mit den Meldungen der Nachrichtenagenturen und der Zeitungen.

Die meldeten am Samstag Zahlen von 29 bis 39. Am Sonntag gaben der Regionalpräsident und der Gouverneur bekannt: 17 Menschen würden vermisst. Elf Reisende, sechs Besatzungsmitglieder. Die Listen der Schifffahrtsgesellschaft und der Präfektur seien abgeglichen worden, sagten sie. Seltsam. Wo doch beide Institutionen angeben, keine Listen zu führen.

"Geheimliste": 40 Vermisste

Ebenso unerklärlich wuchs die Zahl der Vermissten heute erneut dramatisch an. Die Zeitung "La Stampa" berichtete, die Costa-Kreuzfahrt-Gesellschaft habe eine geheime eigene Auflistung. Darauf stünden die Namen von 40 noch immer nicht gefundenen Reisenden oder Besatzungskräften. Sowohl der Staatsanwaltschaft als auch der Präfektur läge die Aufstellung vor. Aber keiner wolle sie herausrücken.

Staatsanwalt und Präfekt sprachen dagegen in Radio-Interviews von 29 bzw. "25 bis 30" weiterhin zu suchenden Personen. Eine Erklärung, wieso die Vermisstenliste von 17 auf 29 korrigiert wurde, gaben sie nicht.

14 der weiterhin gesuchten Personen seien Deutsche, hieß es heute Mittag weiter. Nahezu zeitgleich meldete das Auswärtige Amt in Berlin, das Schicksal von zwölf Deutschen sei weiterhin ungeklärt. Auch diese Differenz konnte niemand erklären. So wie die Rettungsaktion begonnen hat, setzt sie sich fort: chaotisch.

Es gab keinen Plan, keine Information, für viele nichts zu essen, zu wenig Decken. Das schrieb ein deutsches Ehepaar, das unter den Passagieren des Unglücksschiffs war, heute an SPIEGEL ONLINE. Crewmitglieder hätten an den Eingängen zu den Rettungsbooten auf Ansagen gewartet, offenbar wussten sie nicht, was zu tun war. Niemand habe Befehle gegeben. Ihre Erfahrungen gleichen den Beschreibungen von mehreren Passagieren, die über die Unglücksnacht berichteten.

"Totales Versagen" wirft das Paar den Verantwortlichen an Bord und an Land vor. "Das Gefühl, diese Sache nicht zu überleben. Ein Trauma, das wir lange Zeit haben werden."

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
adam68161 17.01.2012
1. Höchste Zeit!
Zitat von sysopWieviele Opfer wird die Havarie der "Costa Concordia" am Ende fordern? Die Informationspolitik der italienischen Behörden ist*chaotisch, es gibt nicht einmal Klarheit über die Zahl der Vermissten. Doch auf einer Geheimliste*sollen die Namen von 40 Menschen stehen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809682,00.html
Bei rund 400 solcher Schiffe, die derzeit auf den Meeren herumfahren, hätte schon längst eine einheitliche Vorgehensweise bei der Erfassung von Passagieren festgelegt werden müssen. Offensichtlich sind die Reedereien in solchen Dingen (wie auch beim Rettungsszenario) völlig überfordert.
ogniflow 17.01.2012
2. Bei Kapitän,...
...Mannschaft sowie den italienischen Behörden offenbart sich ein eklatanter Mangel an "Sekundärtugenden"".
markus-f 17.01.2012
3. Erst der "Wandeerfelsen" ...
Zitat von adam68161Bei rund 400 solcher Schiffe, die derzeit auf den Meeren herumfahren, hätte schon längst eine einheitliche Vorgehensweise bei der Erfassung von Passagieren festgelegt werden müssen. Offensichtlich sind die Reedereien in solchen Dingen (wie auch beim Rettungsszenario) völlig überfordert.
Schlimm genug.. dieser Wandeerfelsen, der auf keiner Seekarte verzeichnet ist und wie aus dem Nichts während des Kapitänsdinners einfach so vor der Küste auftauchte und das Schiff aufschlitzte.. Dann dieseer inkompetente Kapitän aus Livorno, der die Rettungsmaßnahmen landseitig koordinieerte und doch allen Ernstes vom Kapitän der "Costa Concordia" verlangte, wieder an Bord zu gehen und seinem Kommando gerecht zu weerden.. Und nun schreien auch noch die deutschen Vollkaskotouristen und Formularfreaks nach vollständigen Passagierlisten.. Unglaublich, aber anscheinend haben Sie mediterranen Eventtourismus nicht wirklich verstanden - stand abeer im Prospekt!
sabaro4711 17.01.2012
4.
Zitat von adam68161Bei rund 400 solcher Schiffe, die derzeit auf den Meeren herumfahren, hätte schon längst eine einheitliche Vorgehensweise bei der Erfassung von Passagieren festgelegt werden müssen. Offensichtlich sind die Reedereien in solchen Dingen (wie auch beim Rettungsszenario) völlig überfordert.
Ist wohl wie überall, die Reedereien stehen unter einem extremen Preisdruck. Habe mal in einschlägige Buchungsseiten geschaut. Wer zwei Wochen Karibik für 500 EUR anbietet, muss halt woanders sparen. Und das ist dann wohl an Personal und Schulung. Da kann man ja die Uhr stellen, wann die nächste Katastrofe passiert, egal wie technisch hochgezüchtet diese Schiffe sein mögen....was nutzt es, wenn sie keiner richtig bedienen kann?
freeride4ever 17.01.2012
5. Moral und Verantwortung...
Ich habe die viel schlimmere Vermutung, dass das Personal zwar mehr als ausreichend geschult war, aber einfach dem Beispiel des Kapitäns gefolgt ist und die Passagiere im Stich gelassen hat. Moralische Verpflichtung gegenüber Schutzbefohlenen kann man nicht schulen, dass muss vorgelebt (Kapitän) oder notfalls erzwungen werden (Kommandolinie). Dass dies nicht viel mit dem gezahlten Geld zu tun hat, zeigen die vielfachen Berichte, dass gerade das unterbezahlte Personal (Reingungskräfte, Küchenpersonal etc.) den Passagieren geholfen hat. Dieses kommt aber auch aus anderen Kulturkreisen (Thailand etc.) in welchen Hilfe wohl noch wichtiger genommen wird als im ach so katholischen Italien...
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