Schiffsunglück in Südkorea Aus Verzweiflung wird Wut

Sie verlangen Antworten: Die Angehörigen der vermissten Passagiere des Fährunglücks in Südkorea sind wütend über den langsamen Fortgang der Bergung. Die Polizei verhinderte nun einen Protestzug nach Seoul.


Seoul - Die Wut der Angehörigen der vermissten Passagiere der verunglückten Fähre "Sewol" wächst weiter an. Das langsame Tempo der Bergung und die häufig wechselnden Informationen zehren offensichtlich an ihren Nerven. Nun kam es sogar zu einem Zusammenstoß mit der Polizei.

Etwa hundert Personen hatten versucht, die Hafenstadt Jindo über eine Brücke zu verlassen, um in der Hauptstadt Seoul zu protestieren. Doch sie wurden von rund 200 Polizisten zum Umkehren gezwungen. Mehr als 500 Eltern und Angehörige sind in einer Sporthalle in Jindo untergebracht, dort harren sie bereits seit vier Tagen und Nächten aus.

"Wir wollen Antworten von den Verantwortlichen", sagte der Vater eines vermissten 17-Jährigen: "Es wird offensichtlich gelogen, die Verantwortung wird weggeschoben." Andere schrien gar: "Die Regierung ist der Mörder." Dabei rüttelten sie an den Polizeibarrikaden. Später kehrten sie um.

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Havarie in Südkorea: Bergung in der Nacht
Die Fähre war am Mittwochmorgen mit 476 Menschen an Bord gekentert und gesunken. Die meisten Passagiere waren Schüler auf einem Schulausflug. Über 50 Menschen sind bislang tot geborgen worden, mittlerweile haben die Rettungstaucher mehrere Wege ins Wrack gefunden, 17 Tote zogen sie bislang aus der Fähre.

Bereits am Samstag hatten die Taucher ein Fenster des Wracks eingeschlagen und erste Leichen aus einem Kabinendeck gezogen. Die Taucher konnten mehrere Taue fixieren, die bei der Orientierung im Schiffsinneren helfen. Die Bergung dürfte nun schneller vorankommen, sagte ein Vertreter der Küstenwache. Wenn die Leichen geborgen seien, werde versucht, die Fähre mit Kränen zu heben.

246 Menschen gelten weiterhin als vermisst. Nach Auskunft der Einsatzleitung besteht für sie aber kaum noch Hoffnung. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass sie in dem Wrack ertrunken sind.

Gegen den Kapitän Lee Jun Seok, der sich hatte retten können, und zwei weitere Besatzungsmitglieder wurde Haftbefehl wegen Vernachlässigung von Dienstpflichten und Verstoßes gegen das Seerecht erlassen. Am Samstagmorgen wurden sie festgenommen.

Der 68-jährige Lee gab an, dass er die Evakuierung des Schiffs aus Sicherheitsgründen verzögert habe, da er befürchtet hatte, dass die Passagiere von der Strömung fortgerissen werden könnten. Zum Unglückszeitpunkt soll die Fähre den Ermittlern zufolge von einer unerfahrenen Offizierin gesteuert worden sein.

bka/AP/Reuters

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