Zur Ausgabe
Artikel 69 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VOYEURISMUS Schimmernde Schlüpfer

Sony mußte Videokameras entschärfen, mit denen Spanner durch Kleider hindurchfilmen konnten. Im Internet kursieren Tips, wie es trotzdem geht.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Wer schon immer mal wissen wollte, was sein Hamster des Nachts im Dunkeln so treibt, ist ein potentieller Käufer von Sony-Videokameras. Denn die meisten aktuellen Geräte der Firma verfügen über den sogenannten Nightshot-Modus. Selbst in völliger Dunkelheit zaubern die Kameras noch Bilder auf den Sucher - wenn auch mit einem starken Stich ins Grüngelbe.

Mit der Nachtsichtkamera wirbt Sony um neue Kunden, beispielsweise um junge Eltern, die ihr schlummerndes Baby in der Wiege filmen wollen, ohne das Kind mit brutalem Scheinwerferlicht aufzuwecken. Werbestrategen nennen so etwas einen »unique selling point«, also ein Plus, das die Konkurrenz nicht hat und das die Kunden zu Sony locken soll. Der Dreh ist dem Elektronikriesen gelungen - wenngleich längst nicht jeder Käufer am Herumhuschen nachtaktiver Tiere interessiert ist. Der Nightshot-Modus bietet nämlich noch andere Möglichkeiten: Schaltet man ihn bei Tageslicht ein, kann die Kamera - mitunter - durch Kleidung hindurchfilmen.

Als eine japanische Zeitschrift das im Spätsommer herausfand, waren dort bereits 180 000 Stück verkauft. Auf dem europäischen Markt sind rund 290 000 Videokameras ausgeliefert, in den USA gar 400 000.

Sony reagierte schnell. Mittlerweile kommen aus Japan nur noch vermeintlich entschärfte Geräte, bei denen die Nachtsicht auch wirklich nur nachts zuschaltbar sein soll. Die Sicherung soll den Voyeuren den Spaß verderben.

Geholfen hat das wenig. Tüftler in aller Welt haben herausgefunden, daß die angebliche Sperre eigentlich gar keine ist.

Im Internet ist auf zahlreichen Seiten zu sehen, wie es trotz Sicherung funktioniert. In den einschlägigen Newsgroups für Voyeure werden die Sonys und die besten Techniken besprochen, auf manchen Seiten sind selbst kleine Filmchen abrufbar. Ein Anbieter hat sogar 100 Dollar ausgelobt für den gelungensten Schnappschuß.

Am Ergebnis können sich freilich nur hartgesottene Voyeure berauschen. Es müssen schon viele Bedingungen (Licht, Kamerawinkel, Stoffart) erfüllt sein, damit die Kamera einen Blick durchs Kleid ermöglicht. Und ein Gesäß mit Überbreite wird auch dann nicht schöner, wenn man die Shorts drum herum elektronisch wegzaubern kann.

Besonders angetan - selbst von trüben Ergebnissen - scheinen vor allem die prüden Amerikaner und Japaner zu sein. Gleichwohl haben solche Internetseiten immensen Zulauf auch aus Europa. Eine Seite mit rund zwei Dutzend Standbildern wurde seit Anfang Oktober fast 16 000mal aufgerufen.

Am gefragtesten im Netz ist aber technische Hilfestellung. Denn die meisten Möchtegern-Voyeure sehen durch die neu erworbene Kamera ihre hübsche Nachbarin nach wie vor meist in voller Montur - und dazu eben noch in Grüngelb oder Blau. Um den Schlüpfer oder noch mehr schimmern sehen zu können, müssen sie zusätzlich einen bestimmten Filter kaufen.

Der Sensor der Sony-Kameras kann selbst solches Licht verarbeiten, das vom menschlichen Auge gar nicht mehr wahrgenommen wird. Neben den sichtbaren Wellen sieht der Chip auch Teile des infraroten Lichts.

Im Nachtsichtbetrieb setzt der Chip Infrarot in Gelb- und Grüntöne um. Damit in dunklen Räumen etwas zu sehen ist, wurde dieser Sony-Serie ein kleiner Infrarotscheinwerfer eingebaut, der das Dunkel ausleuchtet - unsichtbar für Menschen.

Die japanischen Konstrukteure hatten dabei offenbar nicht bedacht, daß infrarotes Licht manche Materialien durchdringen kann. Während Tageslicht beispielsweise von einer engsitzenden Sporthose reflektiert und vom menschlichen Auge als braun oder rot erkannt wird, werden die infraroten Wellen erst von der darunter liegenden Schicht zurückgeworfen. Durch die Videokamera ist dann Unterwäsche oder Haut zu sehen.

Damit das klappt, muß ein sogenannter Schwarzfilter das normale Tageslicht zurückhalten, so daß nur Infrarot passieren kann. In diversen Internetforen gilt ein Filter der Firma Hoya als bestens geeignet - was dem Importeur in den vergangenen Monaten ein Auftragsplus von rund 50 Prozent beschert hat. Wer heute diesen Filter bestellt, muß 30 bis 90 Tage Wartezeit einrechnen - und für das Wunderding rund 300 Mark hinlegen.

Mittlerweile kursieren etliche Tips, wie sich die teure Anschaffung umgehen läßt. Ein entwickeltes Fotonegativ etwa soll ähnliche Dienste leisten, wenn es vor die Kameralinse montiert wird.

Auch die vermeintliche Sperre bei den neueren Kameras der Nightshot-Serie ist kein großes Hindernis. Per Elektronik schaltet die Kamera ihren kleinen Infrarotscheinwerfer zwar tatsächlich nur noch im Dunkeln ein.

Den zusätzlichen Strahl brauchen Voyeure aber gar nicht. Nach wie vor kann der Chip zu jeder Tageszeit einfallendes Infrarotlicht verarbeiten - und in der Strahlung einer goldenen Sonne am späten Nachmittag ist davon reichlich enthalten.

ANSBERT KNEIP

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 69 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.