Schmalkalden Familien kehren in Häuser am Kraterrand zurück

Geologen warnen vor einer "instabilen Steilwand" am Krater von Schmalkalden, das Thüringer Umweltministerium sieht gar "Gefahr im Verzug". Doch der Landrat schätzt die Situation unter Berufung auf Experten vor Ort als harmloser ein: Er lässt acht Bewohner zurück in ihre Häuser.

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Schmalkalden - In der Walter-Rathenau-Straße klafft seit Montagmorgen ein riesiges Loch. "Man wundert sich, dass kein Haus darin verschwunden ist", sagte eine Passantin - und tatsächlich ist diese Gefahr noch nicht gebannt. Etwa 20 Meter tief und 30 mal 30 Meter groß ist die Mulde, die durch den "Erdfall" entstand, wie Geologen das Phänomen nennen.

Jetzt hat das örtliche Landratsamt einen ersten Krisenplan erarbeitet. Wie das Umweltministerium am Dienstag mitteilte, muss eine instabile Steilwand des Kraters gesichert werden. Dafür soll das Loch so schnell wie möglich gestopft werden - mit bis zu 40.000 Tonnen Kies. Das entspreche, so Landrat Ralf Luther (CDU), etwa 2000 Lastwagenladungen.

Warum man in Schmalkalden ausgerechnet zu diesem Füllmaterial greife? "In erster Linie ist Kies günstig und relativ schnell in großen Mengen verfügbar", sagt Peter Wycisk, Experte für Hydro-Umweltgeologie an der Universität Halle. Der Baustoff lasse sich aufgrund seiner mechanischen Eigenschaften zudem gut in Hohlräume einbringen und entwickle dort eine Stützwirkung.

Dennoch summieren sich bei einer Tiefe von 20 Metern die Kosten: "Allein der Kies wird uns eine halbe Million Euro kosten", sagte Landrat Luther SPIEGEL ONLINE. Dagegen sei die Miete für die Arbeitsgeräte "Peanuts". Die Anwohner müssten sich auf wochenlange Arbeiten am Krater einstellen, hieß es am Dienstag. Man wolle sich aber rund um die Uhr mit dem Stopfen des Loches befassen. Konkret sind für die kommenden Tage folgende Maßnahmen geplant:

  • Ein Riesenbagger soll den aus Südwestthüringen angelieferten Baustoff in die Grube schütten. Zwischen 20.000 und 30.000 Kubikmeter Kies werden benötigt, heißt es im Landratsamt. Am Mittwochmorgen soll der Spezialbagger mit weit ausladendem Arm und Überbreite aus Brandenburg vor Ort eintreffen. Die Herausforderung: Es muss auf dem brüchigen Areal ein Untergrund geschaffen werden, der das schwere Gerät tragen kann.
  • Am heutigen Dienstag bereiten Geologen, Statiker und Spezialisten von Baufirmen den Standplatz für die Arbeitsgeräte vor. Sobald die Standfestigkeit gesichert ist, wolle man den Bagger am westlichen Rande des Kraters aufstellen.
  • Landrat Luther zufolge werden außerdem kleinere Bagger die Straße am derzeitigen Kraterrand absenken.
  • Auch Förderbänder sollten für den Kiestransport genutzt werden. Ursprünglich wollte ein Erfurter Unternehmen eines seiner Bänder kostenfrei zur Verfügung stellen. "Es hat sich aber herausgestellt, dass unser Band mit 16 Metern Länge zu kurz für die Gegebenheiten in Schmalkalden ist", sagte ein Mitarbeiter der Alwa Montagen AG SPIEGEL ONLINE. Der Riss im Asphalt sei zu lang und drohe zudem noch weiter auseinanderzubrechen. Jetzt müsse ein längeres Förderband gesucht werden - "kein leichtes Unterfangen", so Tobias Steinborn. Inzwischen wurde ein passendes, etwa 30 Meter langes Förderband gefunden. Es soll am Mittwochvormittag an der Unglücksstelle aufgebaut werden. Die entsprechenden Genehmigungen zum Transport der Maschinen seien kurzfristig erteilt worden, hieß es.
  • Landrat Luther erklärte am Dienstag, dass schon am Nachmittag acht Menschen in ihre Häuser zurückkehren durften. Die vier freigegebenen Häuser befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Krater. Aufgrund von Erhebungen der Geologen vor Ort sei keine Gefahr in Verzug, so der Landrat. "Garantieren kann man jedoch für nichts." Die vier Familien sind inzwischen zurückgekehrt. Die anderen fünf Häuser sind weiter gesperrt. Ihre 17 Bewohner durften sie aber am Dienstag kurzfristig betreten, um persönliche Habseligkeiten wie Kleidungs- und Erbstücke herauszuholen.

Ob man die Häuser nicht lieber abreißen müsse, um die Arbeiter vor Ort nicht zu gefährden, wollte SPIEGEL ONLINE von Professor Peter Wycisk von der Universität Halle wissen. "Erdfälle haben in den Randbereichen Lockerungsbrüche oder sogenannte grundbruchartige Abscherungen, die immer nachbrechen können", erklärt der Geologe. "Deshalb ist alles, was unmittelbar an das Loch angrenzt, geotechnisch beschädigt bis instabil." "Es ist Gefahr im Verzug", sagte der Sprecher des Umweltministeriums, Andreas Maruschke, am Dienstag über die Risiken für die Häuser an einem Steilhang des Erdlochs.

Das sieht Professor Jürgen Weyer von der TU Bergakademie Freiberg anders: "Die unmittelbare Nähe eines Gebäudes zum Kraterrand bedeutet nicht automatisch, dass es eine Gefährdung darstellt", sagt er. Das hänge ganz wesentlich von der Art des Gesteins in Schmalkalden ab. Wenn die Behörden den Bürgern die Rückkehr in ihre Häuser erlaubten, könne man davon ausgehen, dass die betreffenden Bereiche von Geotechnikern überprüft wurden und stabil seien.

"Das Einfüllen von Kies ist keine Garantie dafür, dass der Untergrund nicht weiter in Bewegung ist", mahnt Jonas Kley vom Institut für Geowissenschaften an der Universität Jena. Man müsse die Oberfläche jetzt weiter genau beobachten. Den Behörden zufolge haben Experten vor Ort bereits mit Messungen begonnen, um mögliche Oberflächenbewegungen nach zu verfolgen.

Dem Landratsamt Schmalkalden-Meiningen zufolge ist nicht bekannt, ob am Unglücksort im Vorfeld der Katastrophe Messungen vorgenommen wurden. Ob man die Menschen hätte warnen können? "Solche erdfallartigen Einbrüche können schlagartig und ohne Vorwarnung passieren - das ist ein Naturrisiko", sagt Geologe Wycisk. Überall dort, wo es auslaugungsfähiges Gestein im Untergrund gebe, könne es zu Erdfällen kommen. "Einige produzieren ein Loch von zwei Metern Durchmessern, andere eines von 20 Metern", so der Experte.

Zwar seien die gefährdeten Gebiete bekannt. Sie können aber sehr lange in Ruhe verharren und dann urplötzlich nach unten durchbrechen. Zudem können starke Niederschläge dazu führen, dass sich vorhandene Hohlräume weiten. "Man darf sich durch die scheinbare Ruhe nicht täuschen lassen. In Mitteldeutschland haben wir nicht nur Naturgefahren, sondern auch industrielle Altlasten und Altbergbau, also eine Reihe von Herausforderungen, die uns noch viele Jahrzehnte begleiten werden."

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Fritz Katzfuß 02.11.2010
1. Wo sollen sie sonst hin?
Die Kanzlerin kümmert sich ja nicht. Der vielgescholtene Berlusconi wäre längst dagewesen.
panzeraufklärungstruppe, 02.11.2010
2. Sicherheitsvorkehrungen
Zitat von sysopGeologen warnen vor einer "instabile Steilwand" am Krater von Schmalkalden, das Thüringer Umweltministerium sieht gar "Gefahr im Verzug". Doch der*Landrat schätzt die Situation unter Berufung auf Experten vor Ort als*harmloser ein: Er lässt acht Bewohner zurück in ihre Häuser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,726741,00.html
Wichtig bei dieser Aktion ist, dass sich die Betroffen dabei irgendwo festbinden. Vielleicht mit dehnbaren Seilen jumbing einmal andersherum.
augu 02.11.2010
3. ...
Zitat von sysopGeologen warnen vor einer "instabile Steilwand" am Krater von Schmalkalden, das Thüringer Umweltministerium sieht gar "Gefahr im Verzug". Doch der*Landrat schätzt die Situation unter Berufung auf Experten vor Ort als*harmloser ein: Er lässt acht Bewohner zurück in ihre Häuser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,726741,00.html
Es gibt viele alte Erdfall-Krater, die einen stabilen Rand haben und deren Öffnung im Laufe der Zeit nicht größer wurde. Wenn der Landrat Bewohner zurück in ihre Häuser lässt, dann hat er sich bei Experten abgesichert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Erlaubnis gegeben hätte, wenn bei 10 Experten auch nur einer die Rückkehr für gefährlich hielte. Im übrigen ist ja wohl die Frage von Interesse, inwieweit bei Gips- oder Kalkgestein im Untergrund sich das Risiko eines Erdfalls abschätzen lässt. Dazu der Thüringer Umwelminister bei einem früheren Erdfall: Thüringens Umweltminister sieht Anlass zur "Obacht" Aus Sicht von Thüringens Umweltminister Reinholz bestehe in seinem Bundesland nun zwar Anlass zur "Obacht", jedoch nicht zu großer Besorgnis. Zehn bis zwanzig Erdfälle pro Jahr seien normal. Präventiv könne man nichts dagegen tun, das Naturphänomen sei "völlig unberechenbar". Zur Klärung der Rechtsfolgen solcher Erdfälle werde derzeit das "Thüringer Hohlraumgesetz" überprüft. Es sei unklar, ob es zur Anwendung komme, weil es eigentlich den Altbergbau betreffe. Die Erdfälle hätten aber eine natürliche Ursache. dazu noch die Info: In Regionen wie Thüringen, in denen große Mengen wasserlösliche Substanzen wie Gips oder Kalk im Boden liegen, gibt es regelmäßig Erdfälle. Die entstehenden Hohlräume brechen aufgrund der Last aufliegender Erde ein. Auch in der Schwäbischen Alb und im Ruhrgebiet gehört das plötzliche Aufreißen der Erde zur Normalität. In der Alb löst Grundwasser den kalkigen Karstboden, es entstehen zumeist kreisrunde Trichter, sogenannte Dolinen.
Michael KaiRo 02.11.2010
4. Wer soll das bezahlen?
Zitat von sysopGeologen warnen vor einer "instabile Steilwand" am Krater von Schmalkalden, das Thüringer Umweltministerium sieht gar "Gefahr im Verzug". Doch der*Landrat schätzt die Situation unter Berufung auf Experten vor Ort als*harmloser ein: Er lässt acht Bewohner zurück in ihre Häuser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,726741,00.html
Was mich mal interessieren täte, wer das alles bezahlen tut? Das Loch zumachen etc. ev. Kommune und das Land Thüringen? Aber die persönlichen Schäden (z.B. der Verlust des PKWs etc.? Versicherungen gibt es für derartige "Naturgewalten" wohl nicht, oder?
genugistgenug 02.11.2010
5. .
Zitat von sysopGeologen warnen vor einer "instabile Steilwand" am Krater von Schmalkalden, das Thüringer Umweltministerium sieht gar "Gefahr im Verzug". Doch der*Landrat schätzt die Situation unter Berufung auf Experten vor Ort als*harmloser ein: Er lässt acht Bewohner zurück in ihre Häuser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,726741,00.html
Menschenversuche? Mich würde interessieren ob der Landrat sein Zelt neben dem Krater aufschlägt - wenn alles soooooo sicher ist...
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