Schnee in Deutschland "Wir sind weit von einem richtigen Winter entfernt"

Auf "Daisy" folgt "Bob": Der Winter bleibt in Deutschland und führt zu Problemen im Verkehr. Doch das ist alles noch harmlos, sagt Meteorologe Jörg Kachelmann. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum wir Schnee und Eis entwöhnt sind - und was die Kältewelle mit dem Klimawandel zu tun hat.
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Eis und Kälte: Schnee bedeckt Europa

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SPIEGEL ONLINE: Herr Kachelmann, mögen Sie den Winter?

Jörg Kachelmann: Wenn zwei Meter Schnee am Boden liegen bin ich zufriedener, als wenn es keinen Schnee gibt. Leidenschaftliche Naturwissenschaftler haben es immer gern, wenn etwas Anständiges passiert. Wenn leidenschaftliche Meteorologen einen Knopf hätten, um das Wetter zu bedienen, könnte sich die Menschheit vor lauter Schneestürmen und Tornados nicht retten.

SPIEGEL ONLINE: Wintertief "Daisy" zieht weiter, "Bob" kommt. Wie wird dieser Winter weiter verlaufen?

Kachelmann: Es wird kein dramatisches Tauwetter im Januar geben, vor allem im Osten Deutschlands bleibt es länger kalt. Was im Februar wird, ist komplett unklar, das weiß niemand.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Zeitungen sind aber schon Prognosen für Februar und März zu lesen.

Kachelmann: Das ist Unsinn. Man kann für die kommenden vier Wochen einen Trend erstellen, ob es voraussichtlich wärmer oder kälter wird. Mehr nicht. Alles andere ist unredlich.

SPIEGEL ONLINE: Meterhohe Schneeverwehungen, starke Schneefälle - wie passt dieser Winter zum Klimawandel, zur Erderwärmung?

Kachelmann: Diese Abweichungen in einer Zickzack-Linie nach oben und unten wird es auch künftig geben. Jeder Winter wird sich vom anderen unterscheiden. In den vergangenen Jahren hatten wir eben häufig milde Winter. Kalte Winter und Klimawandel sind kein Widerspruch. Das derzeitige Wetter widerlegt den Klimawandel nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir zurzeit also einen normalen Winter?

Kachelmann: Was wir erleben, ist alles andere als unnatürlich. "Daisy" war keine Katastrophe, sondern ein anständiges Wintertief. Wir waren aber weit von dem entfernt, was in Deutschland im Winter passieren kann. Es wären auch Wetterlagen möglich, bei denen Orte wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten sind, keinen Strom haben. Statt sich um Hamsterkäufe zu kümmern, hätte man Straßen im Flachland in Mecklenburg-Vorpommern eher sperren und räumen sollen, dann wäre noch weniger passiert. Schneeverwehungen entstehen nicht von einer Minute auf die andere. Es wirft niemand drei Meter Schnee vom Himmel.

SPIEGEL ONLINE: Die Berichte von Schneeverwehungen und abgeschnittenen Dörfern an der Ostsee am Wochenende erinnerten manchen an den eisigen Winter zum Jahreswechsel 1978/79.

Kachelmann: Die Ereignisse am Wochenende sind nicht ein Hauch dessen, was damals passiert ist. Wir sind viele Grade entfernt von einem richtig knackigen Winter. Dieser Winter ist bisher weder ein Rekord noch eine Katastrophe. Ich habe mich kolossal gewundert über die Panikmache und die Katastrophenstimmung in den vergangenen Tagen. Das war unwissenschaftlich und peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Muss man die Bevölkerung nicht rechtzeitig warnen?

Kachelmann: Doch, aber wir müssen die Relationen wahren. Natürlich ist es blöd, wenn man eine Warnung verpasst. Andererseits ist es genauso verfehlt, jedes Mal "Wolf!" zu schreien, wenn nur eine "Daisy" daherkommt. Wenn wir - wie in der vergangenen Woche - zu früh zu Superlativen greifen, haben wir keine Steigerungsmöglichkeit mehr, wenn ein wirklich schlimmes Ding kommt. Was erzählen wir den Leuten dann? Wir laufen Gefahr, dass wir die Menschen ermüden. Und dann ignorieren sie das nächste Mal Warnungen, obwohl diese vielleicht gerechtfertigt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wird man in Zukunft an Weihnachten das Wetter an Ostern prognostizieren können?

Kachelmann: Das wird nie gelingen. Dafür ist das System Wetter zu chaotisch. Realistisch ist in nächsten Jahren, dass wir uns in der Vorhersage langsam dem Vier-Wochen- statt dem bisherigen Zwei-Wochen-Trend annähern. Lokale Wettervorhersagen verbessern wir ständig mit einer weiteren Verdichtung unseres Wetterstationsnetzes.

Die Fragen stellte Stefan Säemann
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