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SCHÖNHEIT Schnitzel für den Teint

aus DER SPIEGEL 12/2001

Niemand hat es schwerer als eine schöne Frau, sagt ein Sprichwort, und wer das bisher nicht glaubte, tut es gewiss nach dem Studium des Bildbandes »Schönheit« (Schirmer/Mosel). Sieben Autorinnen machen sich dort quer durch die Epochen auf die Suche nach den übergeordneten Kriterien für die Frage, weshalb die eine Frau für schön gehalten wird, die andere nicht. Gemeinsam haben jene weiblichen Wesen, deren Schönheit im Lauf der Jahrhunderte bewundert wurde, bloß eines: Alle ließen quälende Prozeduren über sich ergehen, die Natur zu verbessern. Ein Extrem beerbt das nächste: Mal muss die Haut so durchscheinend sein, dass man nach einem Renaissance-Wort den »Wein in die Kehle rinnen sieht«, dann wieder sollte der Teint rosig schimmern, wofür noch um 1900 ein über Nacht aufs Gesicht gebundenes Kalbsschnitzel sorgte. Die Geschichte der Schönheit ist ein Gruselkabinett: In der Antike rieben sich die Frauen das Gesicht mit giftigem Bleikarbonat ein, im Mittelalter sorgten Salben aus Fledermausblut, Quecksilber und Schneckenschleim für den gewünschten hohen Haaransatz; ein Sud aus grünen Eidechsen, Schwefel und Rhabarber zauberte blonden Glanz in die Locken. Erste Formeln für eine Art Goldenen Schnitt des Gesichts entstanden in der Renaissance. Mitte des 16. Jahrhunderts definierte der Philosoph Agostino Nifo, inspiriert durch Johanna von Aragon: Die Länge der Nase muss der der Lippen entsprechen, beide Ohren dürfen nicht mehr Fläche beanspruchen als der geöffnete Mund. Einfacher machte es sich die Kosmetik-Pionierin Elizabeth Arden, die 1934 in Arizona die erste Schönheitsfarm der Welt eröffnete. Sie empfahl, eine Frau nach denselben Kriterien wie ein Pferd zu beurteilen: Bei beiden zählten vor allem »Beine, Kopf und Hinterteil«.

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