Schönheitschirurgie Die Macht des Skalpells

Es ist ein Mammutwerk über Vergänglichkeit und wie man mit ihr umgeht: Ein neuer Fotoband gibt intime Einblicke in das blutige Handwerk der Chirurgen und die Psyche jener, die der Natur partout auf die Sprünge helfen wollen.

Hamburg - Knapp neun Millionen Menschen lassen sich jährlich allein in den Vereinigten Staaten per Skalpell schöner schnitzen. Überall auf der Welt steigt die Zahl derer, die mit Hilfe mehr oder minder kompetenter Chirurgen der Natur ein Schnippchen schlagen wollen. Längst sind die Eingriffe auch für Normalverdiener erschwinglich, vor allem, seit ein reger OP-Tourismus die Preise weltweit gedrückt hat. Zu Schnäppchen-Preisen lassen sich jetzt auch deutsche Beauty-Fans beiderlei Geschlechts im Ausland Botox spritzen, Fett absaugen oder Haare implantieren. Wer es exklusiver mag, fährt zur "Skalpell-Safari" nach Südafrika.

Was in flott choreographierten Fernsehübertragungen so modern anmutet, ist in Wahrheit ein uraltes Gewerbe. Bereits im alten Ägypten gab es Beschreibungen von Nasenkorrekturen und Narbenbehandlungen. Vor allem der Kampf gegen die schweren Entstellungen durch Syphiliserkrankungen seit dem 15. Jahrhundert trug wesentlich zu der Entwicklung der Schönheitschirurgie bei. Zwar mussten die - ohne Betäubung - Operierten damals grauenvolle Schmerzen ertragen. Die Erfahrungen der Ärzte waren jedoch wegweisend für die Entwicklung verschiedener Methoden. So wurde eine 1597 von Gaspare Tagliacozzi aus Bologna entwickelte Technik zur Nasenrekonstruktion bis in das 20. Jahrhundert angewandt.



Vor dem Ersten Weltkrieg waren es vor allem deutsche Ärzte wie Carl Ferdinand von Graefe (1787 - 1840) oder Johann Friedrich Dieffenbach (1792 - 1847), die auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie Großes leisteten. Während des Krieges wurde der praktische Nutzen solcher Eingriffe offenbar: Viele grausam verstümmelte Kriegsheimkehrer konnten mit Hilfe der neuen Methoden zumindest teilweise wieder hergestellt werden. Das erste offiziell verbürgte Facelifting erhielt eine polnische Aristokratin, die über hängende Mundwinkel klagte. Der deutsche Chirurg Eugen Holländer operierte sie im Jahr 1901, als sich aus der wiederherstellenden schrittweise die Schönheitschirurgie entwickelte.

Neben den Tricks der Ärzte und den Ticks der aufgehübschten Promis widmen sich die Autoren des Bildbandes auch den zunehmend "globalisierten" Schönheitsidealen im asiatischen oder südamerikanischen Raum. In Ländern wie Japan, China und Brasilien geht es demnach immer öfter darum, westlichen Modellen zu entsprechen und dabei eigene ethnische Merkmale auszumerzen. Galten ein ausladendes Gesäß und eher kleine Brüste in Südamerika lange als besonders attraktiv, wird nun auch hier der Brustvergrößerung gehuldigt. In China lassen sich Frauen unter monatelangen Qualen die Beine verlängern, im Nachbarland Japan werden bereits Teenagern die Augenlider auf westliche Kontur getrimmt.

Dass die Messer der Chirurgen inzwischen vor keinem einzigen Körperteil mehr halt machen, beweist eine zunehmend beliebter Eingriff: Um eventuellen Alters-Diskrepanzen von Gesicht und Geschlecht vorzubeugen, lassen sich immer mehr Frauen auch die Vulva verjüngen.

Annette Langer


Das Buch zum Thema:
  • Angelika Taschen (Hrsg.): "Schönheitschirurgie". Taschen, Mai 2005
  • Die Wiedergabe wurde unterbrochen.