Schülerproteste Eintrag ins Klassenbuch für unentschuldigtes Fehlen

In Berlin haben sich 50.000 Schüler und Studenten am Alexanderplatz versammelt. Auch in anderen Städten gingen Jugendliche auf die Straße statt in die Schule. Die Meinungen, ob es sich dabei um Schwänzen oder um besondere Zivilcourage handelt, gehen allerdings auseinander.


Schülerdemo in Heidelberg: Ziel war das Hauptquartier des US-Militärs in Europa
DPA

Schülerdemo in Heidelberg: Ziel war das Hauptquartier des US-Militärs in Europa

Berlin/München - In Berlin trafen 50.000 Jugendliche und Studenten am Alexanderplatz zusammen. Die Polizei geht davon aus, dass die Zahl bis zum Abend auf 100.000 Demonstranten steigt. Auch in Stuttgart, Saarbrücken und Kassel beteiligten sich jeweils mehr als 5000 Kriegsgegner an Protestmärschen.

Mit einem Sternmarsch haben am Donnerstagmorgen Tausende Münchner Schüler auf den Beginn des Golfkriegs reagiert. Nach Polizeiangaben versammelten sich seit 08.30 Uhr mehr als 5000 Schüler zahlreicher Gymnasien und Realschulen vor der Münchner Universität und zogen anschließend lautstark zum amerikanischen Konsulat. Die Veranstalter, die nur 500 Teilnehmer erwartet hatten, sprachen von mehr als 8000 Demonstranten, der Protestzug war mehrere hunderte Meter lang.

Ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums kritisierte zwar das unentschuldigte Fernbleiben vom Unterricht, erklärte aber, scharfe Sanktionen wie etwa Verweise solle es nicht geben. Es solle aber pädagogische Konsequenzen geben, etwa mit Gesprächen im Unterricht oder dem Nachholen der entfallenen Stunden. Saarlands Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) forderte hingegen, dass den demonstrierenden Schülern der Unterrichtsausfall als "unentschuldigte Fehlzeit" ins Zeugnis eingetragen werden soll. In Saarbrücken waren am Morgen 7000 Schüler aus 16 Schulen in einem Sternmarsch zu einer Abschlusskundgebung in der Stadtmitte gezogen.

Spontaner Protest vor Militärstandorten


Rund 350 Heidelberger Schüler beteiligten sich an einer Sitzblockade vor dem Oberkommando des US-Heeres. Nach Angaben der Polizei gab es keine Zwischenfälle. Rund 20 Schüler seien zur Seite gedrängt worden. "Es wurde keiner weggetragen", betonte der Poliziesprecher. Er rechnete mit weiteren spotanen Aktionen vor der Militäreinrichtung.

In Nordrhein-Westfalen wurde ebenfalls in mehreren Städten protestiert. In Aachen richtete sich der Protest besonders gegen den nahe gelegenen Nato-Stützpunkt in Geilenkirchen. Dort sind die Awacs-Flugzeuge stationiert, die im Krieg den türkischen Luftraum überwachen sollen. In Dortmund werden am Abend etwa 10.000 Demonstranten erwartet.

Menschenkette über 60 Kilometer


Friedensinitiativen hatten schon seit Tagen zu Treffen für "Tag X" aufgerufen. Die Kirchen laden überall zu Friedensgebeten ein. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter sagte: "Auch dieser Krieg ist eine Niederlage für die Menschheit, zerstört Leben und bringt Leid für viele unschuldige Menschen."

Am Samstag soll eine Menschenkette von Münster bis Osnabrück entstehen. Über eine Strecke von 60 Kilometer sollen die beiden Städte verbunden werden, in denen nach dem 30-jährigen Krieg der Westfälische Frieden ausgehandelt wurde.





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