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Schutz für Prostituierte »Naiv und utopisch«

Ulrike Scharf, 54, bayerische Sozialministerin (CSU) und Vorsitzende der Frauen-Union Bayern, fordert mehr Schutz für Prostituierte.
Ein Interview von Anna Clauß
aus DER SPIEGEL 31/2022
Foto:

Sven Simon / IMAGO

SPIEGEL: Frau Scharf, auf dem Oktoberfest soll der Chart-Hit über eine »Puffmutter« namens »Layla« nicht gespielt werden dürfen. Wäre es nicht besser, wir hätten in Deutschland ein Sexkauf-Verbot wie in Norwegen statt ein Mitgrölverbot für sexistische Songs?

Scharf: Prostitution ist mit der echten, zeitgemäßen und menschenwürdigen Gleichberechtigung von Frau und Mann oft nicht vereinbar. In vielen Fällen sind Prostituierte in einer Not- oder Abhängigkeitssituation. Freier machen sich das bewusst oder unbewusst zunutze. Ich kann die Forderung nach einem Sexkaufverbot verstehen, teile sie aber nicht. Das wäre im Moment der falsche Weg.

SPIEGEL: In Deutschland wurde die Prostitution 2002 legalisiert. Andere Länder sind den umgekehrten Weg gegangen. Freier und Zuhälter werden im so genannten Nordischen Modell hart bestraft, Prostituierte bleiben straffrei.

Scharf: Wir als Frauen-Union Bayern befürworten Motivation und Aussage, die hinter dem Nordischen Modell stehen: nein zur Ausbeutung, nein zum Sex als käuflicher Ware. Das Problem aber ist: Die mögliche Ausbeutung wird durch ein Sexkaufverbot nicht abgeschafft. Für die Frauen bedeutet das: weniger Sichtbarkeit, noch härtere Arbeitsbedingungen und schlechterer Gesundheitsschutz.

SPIEGEL: Wie lässt sich die Ausbeutung von Sexarbeiterinnen dann verhindern?

Scharf: Wir brauchen eine Schutzoffensive für Prostituierte. Das bedeutet konkret: mehr Beratungsangebote und Kontrollen, die auch wirklich bundesweit funktionieren, und eine Erhöhung des Mindestalters zur Ausübung der Prostitution auf 21 Jahre. Wir müssen die Organisierte Kriminalität im Umfeld des Prostitutionsgewerbes stärker bekämpfen. Die Prostitution mit einem Sexkaufverbot ganz aus der Welt schaffen zu wollen wäre naiv und utopisch.

Aus: DER SPIEGEL 31/2022

»Blitz und Donner erwartet«

Vom Einmarsch der Taliban in Kabul wurde die Bundesregierung im vergangenen August kalt erwischt. Wochenlang hatte sie alle Warnungen der Botschaft ignoriert. Überstürzt lief nun eine Rettungsaktion an. Teil eins einer Serie über die abenteuerliche Flucht der Deutschen aus Kabul.

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SPIEGEL: Das hat man früher über das Rauchverbot in Gaststätten vermutlich auch gesagt.

Scharf: Die Prostitution mag das älteste Gewerbe der Welt sein, ist aber kein Beruf wie jeder andere.

SPIEGEL: Die Regierung will das bestehende Prostitutionsschutzgesetz bis 2025 evaluieren. Welches Ergebnis erwarten Sie?

Scharf: Ich erwarte vor allem mehr Tempo und mehr Transparenz durch Veröffentlichung von Zwischenergebnissen – unabhängig davon, dass eine gründliche Evaluierung wichtig ist. Frauen in deutschen Bordellen, denen vielleicht der Mut fehlt, sich Hilfe zu holen, muss schneller geholfen werden.

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