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04. Mai 2009, 19:37 Uhr

Schweinegrippe absurd

Bei Infektionsgefahr dreimal hupen und im Auto warten

In Frankreich weigern sich Flughafenmitarbeiter, Gepäck mexikanischer Passagiere anzufassen, in Neuseeland sollen infizierte Autofahrer dreimal hupen: Noch schneller als die Schweinegrippe breitet sich die Angst vor der Krankheit aus. SPIEGEL ONLINE zeigt absurde Folgen der Viren-Hysterie.

Hamburg - Knapp tausend bestätigte Infektionen mit Schweinegrippe in 20 Staaten, mindestens 25 Tote in Mexiko: Die Angst vor der Schweinegrippe führt weltweit zu verschärften Sicherheitsmaßnahmen - und zu vielen merkwürdigen Tipps und Verhaltensweisen. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über die Folgen der Viren-Hysterie rund um den Globus:

Wer in Neuseeland befürchtet, sich mit dem Schweinegrippe-Virus infiziert zu haben, soll laut den Gesundheitsbehörden folgenden Rat befolgen: Mit dem Auto zu einem Krankenhaus fahren, dort dreimal hupen und vor der Klinik im Wagen warten. Ärzte und Krankenschwestern sollen so genügend Zeit haben, sich vor einer Ansteckung zu schützen, ehe sie den Patienten auf eine Quarantänestation begleiten. Der Vorschlag stamme aus einem neuen "Grippe-Management-Protokoll", berichtet die Zeitung "New Zealand Herald" am Montag.

Am Pariser Flughafen weigerten sich Mitarbeiter, das Gepäck aus Maschinen, die aus Mexiko und Spanien kamen, auszuladen - aus Furcht, sich mit dem Schweinegrippe-Virus zu infizieren. Für Hunderte von Passagieren kam es deshalb zu Verzögerungen.

In Bangkok und Tokio müssen Reisende thermische Scanner passieren.

Peru, Ecuador, China, Argentinien und Kuba haben alle direkten Flugverbindungen nach Mexico vorerst gestrichen.

Die argentinische Regierung lässt ihre Landsleute mit Charterjets aus Mexiko evakuieren - so, als drohe ein Massensterben.

Vielen Ländern gilt Mexiko in diesen Tagen als Seuchenherd. "Haltet euch von Mexikanern fern", raten Aktivisten in den USA. Die latente Abneigung gegen Immigranten nimmt zu. Japan fordert von Mexikanern wegen des Virus wieder Visa. In Shanghai wurden 71 Mexikaner in einem Hotel interniert.

Die ägyptische Regierung ließ 350.000 Schweine im Land schlachten, was die rechtsliberale spanische Zeitung "El Mundo" wie folgt kommentierte: "Die Schweinegrippe hat in Ägypten einen Erreger freigesetzt, mit dem niemand gerechnet hatte. Sie hat das Land mit Gewalt und Intoleranz infiziert."

"Jetzt stecke ich dich mit der Schweinegrippe an"

Dies sind nur einige Beispiele einer langen Liste merkwürdiger Folgen der Angst vor dem Virus. Nicht selten wird aus Sorge Hysterie und aus Hysterie Paranoia, wie die folgenden Beispiele verdeutlichen:

"Wie Leprakranke" seien sie in Chiles Badeort Viña del Mar behandelt worden, klagten Fußballspieler des Klubs Chivas aus Guadalajara. Laut "Süddeutscher Zeitung" drehte schließlich einer der Spieler durch, spuckte und hustete einen Kontrahenten an und schrie: "Jetzt stecke ich dich mit der Schweinegrippe an."

Singapur hat beschlossen, grundsätzlich alle aus Mexiko anreisende Passagiere pauschal für sieben Tage unter Quarantäne zu stellen.

Am Eingang des Metropark Hotels in Hongkong, an dessen Pforte sonst ein Portier in Uniform wacht, steht derzeit ein Polizist in weißem Bakterien-Schutzanzug. Niemandem wird Zutritt in die Nobelherberge gewährt, nachdem am Donnerstag ein infizierter Mexikaner dort abstieg. Auf Geheiß der Behörden wurde das komplette Hotel für eine Woche unter Quarantäne gestellt. 300 Gäste und Angestellte saßen fest, während Mannschaftsbusse voller Polizisten und Spurensicherer angekarrt wurden und das gesamte Hotelgelände inklusive Nebenstraßen absperrten. Die rund 130 Passagiere, die mit dem Mann im Flieger nach Hongkong gesessen hatten, wurden ebenfalls eine Woche lang von der Bevölkerung isoliert.

"... alles, was ich bekommen habe, ist die Schweinegrippe!"

In manchen Regionen Mexikos führt die Angst vor dem Virus zu krassen Ausfällen, so etwa in Acapulco: Menschen warfen dort Steine auf Autos, die das Kennzeichen von Mexiko-Stadt tragen, um vermeintliche Virenträger zu vertreiben. "Wer Symptome hat, sollte nicht denken: 'Wenn ich nach Acapulco fahre, wo das Wetter so schön ist, wird es schon besser werden'", sagte Bürgermeister Manual Anorve. Frische Luft, Tequila und Disco-Besuche seien nicht die richtige Therapie. "Wir bitten diese Leute daher, verantwortungsbewusst zu sein und wegzubleiben."

Tankstellen-Beschäftigte berichteten von Benzin-Boykotts gegen Hauptstädter. "Sie können uns anstecken und sollten wegbleiben", meint Tankwartin Miriam Arizmendi. "Die Stadt sollte eine Quarantäne verhängen und keine mehr rauslassen." Wer es trotzdem bis nach Acapulco schafft, muss sich auf einen frostigen Empfang gefasst machen. Angestellte eines Strandrestaurants hätten sie ausgelacht, als sie mit Bikini und Atemschutzmaske unterwegs gewesen sei, klagt Urlaubsgast Martha Rubio und versichert: "Ich lasse den Spott nicht an mich heran." Viele Touristen schlagen mit Zynismus zurück: In Anlehnung an den berühmten T-Shirt-Spruch: "Ein Freund von mir war in Mexiko, und alles, was ich bekommen habe, ist dieses lausige T-Shirt", heißt es jetzt: "... und alles, was ich bekommen habe, ist die Schweinegrippe!"

Mexikanischen Urlaubsorte erleben die Krise indes sehr unterschiedlich: Besonders gebeutelt ist das eigentliche Top-Reiseziel Cancún, das vor allem Ausländer anspricht: Die bleiben nun fern. Um 40 Prozent liege die Auslastung bereits jetzt unter der üblichen Auslastung, klagte der Präsident der Hotelier-Vereinigung, Rodrigo de la Pena. Geschätzte 2,4 Millionen Dollar (1,8 Millionen Euro) habe die Stadt allein in der ersten Grippe-Woche verloren.

Es dürfte noch schlimmer kommen: In den vergangenen Tagen seien etwa 70 Prozent der Zimmerreservierungen für Cancún storniert worden, heißt es im Tourismus-Ministerium. Schon in dieser Woche werde die Auslastung wohl auf 45 Prozent zurückgehen. Einen 46-Prozent-Einbruch meldete der pazifische Küstenort Huatulco. Den vermutlich heftigsten Schlag muss aber Mexiko-Stadt wegstecken, wo geschätzte 85 Prozent der Hotelzimmer leer stehen. Außerdem werden wenigstens 64 Kreuzfahrtschiffe weniger als geplant in mexikanische Häfen einlaufen, weitere 134.000 Touristen werden damit fehlen.

Mexikos Präsident Felipe Calderón hat sich über ein zunehmend diskriminierendes Vorgehen anderer Staaten gegen Mexikaner beschwert. "Ich finde es ungerecht, dass es einige Länder gibt, die aus Desinformation oder Nichtwissen Maßnahmen der Diskriminierung und der Repression ergreifen", sagte Calderón in einer Rundfunkansprache.

Mexiko sei in der vordersten Front im Kampf gegen die Influenza-Epidemie und habe in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf die Welt stets informiert. Nach dem jüngsten Bericht des mexikanischen Gesundheitsministeriums stieg die Zahl der Influenza- Infizierten in Mexiko auf 701, davon sind 26 gestorben.

Der mexikanische Gesundheitsminister José Ángel Córdova sagte am Montag trotz der gestiegenen Zahlen, die Epidemie habe in Mexiko ihren Höhepunkt überschritten und sei rückläufig. In Mexiko-Stadt wurde der Epidemiealarm von rot auf die niedrigere Stufe gelb herabgesetzt. Die Behörden begannen mit den Vorbereitungen, Schritt für Schritt zum Alltag zurückzukehren. Wann der seit mehr als einer Woche ruhende Schulbetrieb wieder aufgenommen werden soll, war am Montag noch nicht bekannt.

Bereits am Sonntagabend hatte Córdova gesagt, der Höhepunkt auf nationalem Niveau sei zwischen dem 23. und 28. April registriert worden. Gleichzeitig machte er aber darauf aufmerksam, dass sich das Virus jetzt regional ausgebreitet habe. Mittlerweile seien in 23 Bundesstaaten Fälle aufgetreten. So wurden am Sonntagabend neue Erkrankungen an dem neuen H1N1-Virus aus Tabasco und Tamaulipas gemeldet.

jjc

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