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Homo-Hetzer in Russland Für Stalingrad, gegen Schwule

Die Schwulenhetze obskurer konservativer Bewegungen in Russland kennt kaum Grenzen: Das zeigen groteske Attacken auf westliche Unternehmen oder Stars wie Madonna. Die Sängerin hatte Respekt für Homosexuelle gefordert - doch die russische Gesellschaft ist hochgradig intolerant.

Russlands selbsternannte Tugendwächter haben eine Bedrohung von Volksgesundheit und Moral ausgemacht, sie lauert in den Kühlregalen von Supermärkten des Riesenreichs: Milchprodukte, die von Firmen des US-Konzerns PepsiCo vertrieben werden. Aktivisten der orthodoxen Gruppe Volkskonzil haben die russische Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Lange schon, so Volkskonzil-Mann Anatolij Artjuch, "stechen mir die Verpackungen der Milchprodukte mit der Bezeichnung 'Fröhlicher Milchmann' ins Auge".

Pepsi verkauft unter der Marke Joghurt, Milch oder Kefir. Von den Verpackungen grüßt ein etwas dicklicher Milchmann mit Hut. Im Hintergrund spannt sich über grüne Wiesen ein harmloser Regenbogen. Volkskonzil-Aktivist Artjuch glaubt darin hingegen "das weltweite Symbol der Bewegung der Sodomiten" erkannt zu haben. Russlands Generalstaatsanwaltschaft prüft derzeit die Vorwürfe.

Die groteske Attacke auf die Molkereimarke ist Teil einer Kampagne konservativer Kreise, die gegen Schwule und Lesben in Russland zu Felde ziehen. Homosexualität gilt ihnen dabei nicht nur als Sünde, sondern auch als Symptom einer schädlichen "Verwestlichung".

So will ein Gericht in der Fünf-Millionen-Metropole St. Petersburg, einst von Zar Peter dem Großen als "Fenster nach Westen"gegründet, die amerikanische Pop-Ikone Madonna vorladen - wegen angeblicher "Propaganda von Homosexualität".

Madonna war Anfang August in St. Petersburg aufgetreten. Auf Initiative der Putin-Partei "Einiges Russland" hatte die Stadt Anfang des Jahres Strafen eingeführt für "öffentliche Handlungen, die gerichtet sind auf die Propagierung von Sodomie, Lesbentum, Bisexualität und Transgendertum unter Minderjährigen". Das Gesetz veranlasste das kanadische Außenministerium zu einer eindringlichen Warnung: Schwule Russland-Reisende sollten in St. Petersburg möglichst keine "Zuneigung öffentlich zeigen", heißt es in einem Reisehinweis.

"No fear - Keine Angst"

Madonna hatte während ihres Konzerts "Respekt, Toleranz und Liebe" für Schwule und Lesben gefordert. Sie verteilte rosa Armbändchen als Zeichen der Toleranz, auf ihrem Rücken prangte der Schriftzug: "No fear - Keine Angst".

Nach Einschätzung der Kläger war schon das geeignet, um "kolossalen moralischen Schaden" zu verursachen. Sie fordern von der Sängerin Schadensersatz in Höhe von 333 Millionen Rubel, umgerechnet 8,3 Millionen Euro.

Auch 21 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist Russlands Gesellschaft hochgradig intolerant. 62 Prozent der vom angesehenen Lewada-Zentrum Befragten verurteilen Homosexualität, als moralisch noch verwerflicher gelten landesweit nur Selbstmord und das Verstoßen des eigenen Kindes.

Als eine bekannte Outdoor-Bekleidungskette jüngst im Internet Plätze für eine "Unternehmer-Akademie" suchte, lautete eins von fünf Bewerbungskriterien: "traditionelle Orientierung", die russische Umschreibung für heterosexuell. "Schwule", schrieb daraufhin ein Kolumnist der englischsprachigen "Moscow Times", "sind die neuen Juden."

Trotz Diskriminierungen hat sich eine homosexuelle Kultur in Russland entwickelt. In Moskau und St. Petersburg gibt es Dutzende Schwulennachtclubs. Doch das sind Ausnahmen, geduldet in den Nischen der kosmopolitischen Metropolen. Versuche, Schwulenparaden in Moskau oder St. Petersburg zu veranstalten, enden regelmäßig mit Verboten, Verhaftungen oder brutalen Neonazi-Attacken. Als rund 70 Schwule und Lesben in der vergangenen Woche im Moskauer Club 7freedays den "Coming-Out"-Tag feiern wollten, stürmten Maskierte die Feier. Sie bedrohten Wachleute und Barmänner mit einer Pistole und prügelten auf die Gäste ein.

"Unverschämtheit, flegelhafte Einstellung, Freizügigkeit"

Witalij Milonow, Landtagsabgeordneter der Kreml-Partei "Einiges Russland" und Initiator des St. Petersburger Schwulengesetzes, behauptete gar, die Partybesucher seien selbst Schuld: Sie hätten die Gewalt provoziert, "durch Unverschämtheit, flegelhafte Einstellung, Freizügigkeit".

Die Quelle des Übels hat Milonow auch ausgemacht: Diese "Leute streifen wie Schakale um ausländische Botschaften und erbetteln Hilfsgelder" oder "rufen nach irgendeinem Star oder Hillary Clinton".

Auch die Anfeindungen gegen Madonna haben einen antiwestlichen Unterton. Die Sängerin sei eine "ideologische Waffe des Westens", heißt es da, sie verübe "Genozid an der Moral". Hinter der Schadenersatzklage gegen den US-Star steht eine obskure Vereinigung orthodoxer Hardliner: die "Gewerkschaft der Bürger Russlands". Deren Mitglieder wollten schon mal mit Weihwasser einen Platz besprengen, auf dem Madonna gesungen hatte. Die Mitglieder verherrlichen die Sowjetunion als "Land des Guten und der Gerechtigkeit". Derzeit sammeln sie Unterschriften für ein Volksbegehren, um das heutige Wolgograd wieder rückzubennen in Stalingrad. Michail Gorbatschow, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneter Reformer, will die "Gewerkschaft der Bürger Russlands" wegen Landesverrats vor Gericht stellen.

Der radikale Moskauer Geistliche Sergij Rybko nahm den brutalen Überfall auf den Moskauer Club 7freedays gar zum Anlass, um den Endkampf zwischen Ost und West auszurufen. Russland drohe ein "toleranter, westlicher Staat zu werden, in dem alles erlaubt ist", warnte der Priester - und rief zum "Säubern unseres Vaterlandes" auf.

Das war selbst für manche Männer der konservativen Orthodoxie zu viel. "Natürlich verurteilen wir eindeutig solche Phänomene", so Erzpriester Roman Bratschik. "Ich erinnere aber daran, dass Gott, um Sodom und Gomorrha zu zerstören, Engel sandte."

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