International gesuchter Tierschützer Paul Watsons Coup

Paul Watson, Chef der radikalen Umweltorganisation Sea Shepherd, wurde in Deutschland festgenommen - und floh. Nun ist der militante Tierschützer wieder aufgetaucht. Er ist in Richtung Antarktis unterwegs, um seine Intimfeinde zu besiegen: japanische Walfänger.

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Seine Festnahme war ebenso umstritten wie seine Flucht. Paul Watson war im Mai auf dem Weg zu einem Star-Trek-Treffen in Düsseldorf am Frankfurter Flughafen festgenommen worden. Aufgrund eines internationalen Haftbefehls kam der Chef der Umweltorganisation Sea Shepherd in Haft: Japan und Costa Rica hatten eine sogenannte Red Notice - eine Aufforderung zur Festnahme - erwirkt und einen Auslieferungsantrag gestellt. Wenige Tage später musste er eine Sicherheitsleistung von 250.000 Euro hinterlegen und sich jeden Tag auf dem 6. Revier des Polizeipräsidiums Frankfurt am Main melden. Deutschland durfte er nicht verlassen.

Paul Watson tat es dennoch. Nach 70 Tagen tauchte der gebürtige Kanadier mit amerikanischem Pass unter - zu groß war die Angst, dass Deutschland ihn an Costa Rica oder Japan ausliefern würde, die ihn wegen seines militanten Einsatzes gegen Shark-Finning und Walfang zur Rechenschaft ziehen wollten - für Watson die verwerflichste illegale Aktivität weltweit nach dem Drogen- und dem Waffenhandel, wie er immer wieder proklamiert.

Seit Jahrzehnten kämpft er gegen "wissenschaftlichen" Walfang und Shark-Finning, bei dem Haien die Flossen abgehackt werden. In China gelten sie als Delikatesse. Verstümmelt werden die Tiere zurück ins Wasser geworfen, in dem sie qualvoll verenden. Umweltexperten zufolge kommen etwa 73 Millionen Haie, die für das Gleichgewicht im Ökosystem Meer sorgen, pro Jahr auf diese Art ums Leben. Sowohl vor der Küste Japans als auch vor der Costa Ricas kam es zu Einsätzen, bei denen Watson äußerst rabiat vorgegangen sein soll.

Drei Monate rätselten die Behörden, wo Paul Watson steckt. Nun ist er aufgetaucht und befindet sich nach eigenen Angaben wieder auf Jagd nach Walfisch-Fängern. Er fahre auf der "Steve Irwin" in Richtung Antarktis, um dort gegen japanische Walfänger zu kämpfen, teilt Watson mit. Es sei "wunderbar", das Deck der "Steve Irwin" wieder unter den Füßen zu haben. Triumph schwingt in seinen Worten mit.

Vor drei Tagen wurde Watson 62 Jahre alt. Er habe sich kein schöneres Geburtstagsgeschenk vorstellen können, als am Steuer seines Schiffes zu stehen, gemeinsam mit seiner Mannschaft, auf hoher See, sagt er. Watson befindet sich quasi in Sicherheit. "In internationalen Gewässern besteht keine Möglichkeit, ihn festzunehmen", sagt sein Rechtsanwalt Oliver Wallasch, der regelmäßig mit Watson telefoniert. "Sollte eine Küstenwache, die Walfänger häufig begleitet, eingreifen, könnte dies zu internationalen Verwicklungen führen."

Härter denn je: Die "Operation Zero Tolerance"

Das Schiff war bereits Anfang November im australischen Melbourne ausgelaufen, gefolgt von der "Bob Barker" und der "Brigitte Bardot". Unklar ist, wann und wo Watson an Bord ging. Mit einem Täuschungsmanöver hatte der militante Umweltaktivist seine möglichen Verfolger in die Irre geführt: Eine frühere Ankündigung von Sea Shepherd, in Richtung Norden zu fahren, habe man als falsche Spur gelegt, so Watson.

Er könne seine Arbeit - Wale und Haie schützen - nicht tun, wenn er in Gewahrsam sitze, schon gar nicht in einer japanischen Arrestzelle, erklärt er nüchtern. Sie seien bereits im südlichen Walschutzgebiet um die Antarktis und warteten auf Walfänger. Hier wolle er vorerst bleiben.

Mit der Bekanntgabe seines Aufenthaltsortes stehe "die Berechtigung der Fortsetzung des noch anhängigen Auslieferungsverfahrens nach Costa Rica in Frage", sagt Anwalt Wallasch. "Wir werden beantragen, das Verfahren zu beenden."

Der Leitende Oberstaatsanwalt Peter Rückert hat aus dem Internet von Watsons Coup erfahren. "Deutschland hat zu keinem Zeitpunkt ein Auslieferungsersuchen gestellt, sondern Japan und Costa Rica - nur die können nun Festnahmemaßnahmen treffen." Die Kaution von 250.000 Euro habe die Staatskasse längst einbehalten.

Watson war es das wert. Die "Operation Zero Tolerance" ist der neunte Einsatz dieser Art, und er soll der bislang größte sein: Dieses Mal werden laut Sea Shepherd an der Aktion vier große, acht kleine Schiffe, ein Helikopter, Drohnen, mit denen sie die Walfangschiffe orten wollen, und 120 Besatzungsmitglieder beteiligt sein. Die Aktivisten kommen aus 24 verschiedenen Nationen - darunter auch aus den Walfänger-Nationen Japan und Norwegen.

Watsons Ziel: Japan aus dem Walschutzgebiet vertreiben

Die japanische Fischereibehörde teilte offiziell mit, sie werde die betroffenen Ministerien einschalten und sich beraten. Japan gilt als einer von Watsons Intimfeinden: Als Sea-Shepherd-Chef hat er Einsätze gegen Japans Walfangflotte zum Schwerpunkt der Organisation erklärt. Watson zufolge wollte Japan im vergangenen Jahr mehr als 1000 Wale töten, Sea Shepherd habe den Tod von mehr als 800 von ihnen verhindert.

Watson, der erst mit anderen die Umweltorganisation Greenpeace, dann 1981 Sea Shepherd gründete, hatte vor seiner Festnahme in Frankfurt am Main nicht ohne Stolz verkündet: "Wir sind nahe dran, Japan endgültig aus dem Walschutzgebiet vor der Antarktis zu vertreiben." 2010 hatte die japanische Justiz einen Haftbefehl gegen ihn erlassen und Anfang 2011 gar die Jagd abgebrochen - zu heftig waren Watsons Angriffe gegen die Walfänger.

Ende 2011 kam es zu einem Treffen des costa-ricanischen Staatsoberhaupts mit Mitgliedern der japanischen Regierung. Hintergrund soll auch der stete Konflikt mit Watson gewesen sein: Im April 2002 war Watson mit einem Filmteam auf dem Weg nach Costa Rica, um ein Abkommen zum Schutz der Kokos-Insel zu unterzeichnen. Eher zufällig erwischte das Team dabei einen Langleinenkutter aus Costa Rica beim Shark-Finning. Watson soll als "Chef-Steuerer" der "Ocean Warrior" das costa-ricanische Schiff "Varadero" blockiert, es mit einer Wasserkanone angegriffen und die Crew in Gefahr gebracht haben. Die "Varadero" war daraufhin vom Kurs abgekommen.

Watson behauptet, dass die Vorwürfe Costa Ricas nur auf Druck Japans zustande gekommen seien. Denn kurz nach dem Regierungstreffen hatte Japan Costa Rica eine große Geldspende für den "Umweltschutz" überwiesen. Auch deshalb geht Watson davon aus, dass er mit seiner Flucht aus Deutschland eine Auslieferung nach Japan verhindert hat.

insgesamt 136 Beiträge
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starwup 05.12.2012
1. Und Greenpeace? Funkstille seit Jahren!
Greenpeace hat sich von der direkten Aktion auf die Verbalaktion verlegt. Man sammelt zwar noch immer Spenden gegen den Walfang, aber in der Antarktis war schon seit Jahren kein Greenpeace-Schiff mehr. Deshalb habe ich meine Fördermitgliedschaft eingestellt und unterstütze lieber Sea Shepherd. Da sehe ich unmittelbar, was meine Zuwendung bewirkt.
andreasoberholz 05.12.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSPaul Watson, Chef der radikalen Umweltorganisation Sea Shepherd, wurde in Deutschland festgenommen - und floh. Nun ist der militante Tierschützer wieder aufgetaucht. Er ist in Richtung Antarktis unterwegs, um seine Intimfeinde zu besiegen: japanische Walfänger. http://www.spiegel.de/panorama/sea-shepherd-chef-paul-watson-wieder-auf-walfang-jagd-a-871132.html
Da macht einer was sinnvolles und dann wird er international gesucht. Deutschland ist manchmal nicht zu verstehen. Diesen Haftbefehl kann man doch als Beamter mal übersehen, oder nicht? Oder dreist behaupten, der war nie in Deutschland, das wäre uns aufgefallen glauben sie uns, deutsche Gründlichkeit.....
c_c 05.12.2012
3.
Zitat von sysopREUTERSPaul Watson, Chef der radikalen Umweltorganisation Sea Shepherd, wurde in Deutschland festgenommen - und floh. Nun ist der militante Tierschützer wieder aufgetaucht. Er ist in Richtung Antarktis unterwegs, um seine Intimfeinde zu besiegen: japanische Walfänger. http://www.spiegel.de/panorama/sea-shepherd-chef-paul-watson-wieder-auf-walfang-jagd-a-871132.html
Ich unterstütze den Mann vollumfänglich, soweit es mein Wissen über ihn zuläßt.
snoopy29 05.12.2012
4.
Gut, dass es solche engagierte Menschen gibt und dass er sich der Auslieferung entziehen konnte. Weiter so1
bapu65 05.12.2012
5. Ganz einfach
Watson hat meine volle Unterstuetzung ! Es geht hier nicht um den Verzehr von Walfleisch - dass eh kaum jemand in Japan will - sondern um dass untierische toeten nicht nur von Walen, Haien, Robben und anderen Tieren ! Basta ! Und ich bin kein Vegetarier, also spart Euch eure schlauen Sprueche !
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